"Veep" in der Ära Trump : Verlust der Unschuld

Mit der Polit-Sitcom „Veep“ geht eine Ära zu Ende. Realsatire liefert der Präsident heute auf Twitter.

Der Handlungsspielraum wird enger. Selina Meyer (Julia Louis-Dreyfus) bekommt Wahlkampfhilfe von den Chinesen, ihr Ex-Mann hat Ermittlungen am Hals.
Der Handlungsspielraum wird enger. Selina Meyer (Julia Louis-Dreyfus) bekommt Wahlkampfhilfe von den Chinesen, ihr Ex-Mann hat...Foto: Sky

Die Halbwertzeit politischer Comedy ist in den USA momentan kürzer als die eines Tweets vom Präsidenten. Die Polit-Comedians sind in Trumps Amtszeit gefühlt um zehn Jahre gealtert. Als Late-Night-Talker Stephen Colbert vor zwei Jahren aus dem Urlaub mit Bart zurückkehrte, war dieser schlohweiß. Sieht man sich heute noch einmal die erste Staffel der HBO-Serie „Veep“ an, fällt auf, dass die Zeit auch an Selina Meyer, der fiktiven Vize-Präsidentin (kurz VP), nicht spurlos vorübergegangen ist. Was für eine unschuldige Zeit war das doch, wie naiv blickte man damals auf das Leitungspersonal im Weißen Haus.

Eine Woche vor der Premiere von „Veep“ im November 2012 war Barack Obama gerade für vier weitere Jahre im Amt bestätigt worden. Eine Sitcom über eine politische Repräsentantin ohne konkretes Mandat, die die Drecksarbeit erledigen muss, für die sich der Potus (President of the United States) zu schade ist – zum Running Gag der ersten Staffel gehörte Meyers verzweifelte Frage, ob sich der Präsident gemeldet hätte (hat er natürlich nicht) –, schien ein limitiertes Gag-Repertoire zu bieten.

Showrunner Armando Iannucci hatte es in Großbritannien zwischen 2005 und 2012 immerhin auf vier Staffeln seiner Politsatire „The Thick of It“ gebracht, bevor HBO ihn abwarb. Iannucci nahm sein Autorenteam mit, um sicherzustellen, dass seine stets ins Absurde delirierenden Verbalinjurien und an sexuellen Innuendos und Fäkalmetaphern reichen Beleidigungskaskaden im prüden Amerika nichts von ihrem Erfindungsreichtum verlören. „Veep“ setzte nicht nur in dieser Hinsicht Maßstäbe: Die Serie scheffelte Emmys. Hauptdarstellerin Julia Louis-Dreyfus erhielt gewissermaßen ein Abo auf den Preis für die „Outstanding Lead Actress in a Comedy Series“, sie allein gewann sechs Mal in Serie.

Wenn am Dienstag in Deutschland die erste Folge der siebten und finalen Staffel von „Veep“ gezeigt wird, geht damit auch eine kleine Ära zu Ende. Dem Autorenteam um den aktuellen Showrunner David Mandel, ein „Seinfeld“-Veteran, der 2015 von Iannucci übernahm, gelang zwar das Kunststück, sich hinsichtlich Pointendichte und Obszönitätsexzessen von Staffel zu Staffel sogar noch zu überbieten. Aber der Übergang von der Obama- zur Trump-Ära hat der Serie ihre Unschuld genommen. Inkompetenz im Weißen Haus ist kein Material für eine Sitcom mehr, es ist die traurige Realität amerikanischer Politik. Dabei bleibt es reine Spekulation, ob „Veep“ sich unter einer Präsidentin Hillary Clinton nicht ebenfalls überflüssig gemacht hätte. Um die Schwundstufen machtgeiler, narzisstischer und ignoranter Klientelpolitik aus erster Hand zu erleben, muss man heute nur CNN oder Fox News einschalten.

Selina Meyer hatte die Verachtung für die eigene Wählerschaft und demokratische Institutionen lange vor Donald Trump verinnerlicht. „Dieses Land wird von Sekunde zu Sekunde widerwärtiger“, beschwert sie sich zu Beginn der siebten Staffel. „Das ist eine Zielgruppe, die wir vor allem auf Facebook ansprechen“, entgegnet ihr Wahlkampfmanager. Meyer nimmt einen zweiten Anlauf auf das Präsidentenamt, nach einem kurzen, eher unfreiwilligen Intermezzo im Weißen Haus, das eine Welle an Skandalen beendete. Die Politik der permanenten Krisenherdbekämpfung bestimmt auch in der siebten Staffel den hektischen Reportagestil. Für die rhythmischen Walk-and-Talk-Routinen, mit denen der ebenfalls wortgewandte Autor Aaron Sorkin in den nuller Jahren in seiner Serie „West Wing“ die Herrschaftsräume Amerikas durchschritt, bliebe in „Veep“ auch gar keine Zeit.

Der Handlungsspielraum für Selina Meyer wird immer enger. Ihr Ex-Mann hat eine Ermittlung wegen Veruntreuung am Hals, Selina bekommt durch ein Missverständnis Wahlkampfhilfe von den Chinesen, ihre „Free Tibet“-Kampagne droht der Realpolitik geopfert zu werden und ihre Koalitionen für die Rückkehr ins Weiße Haus sind auf Sand gebaut. Im Gegensatz zu „House of Cards“ besitzen die Intrigen in „Veep“ keine shakespearschen Dimensionen, sie sind lediglich der Unfähigkeit ihres Teams geschuldet.

In dieser Hinsicht steht „Veep“ der politischen Kultur in Washington deutlich näher als das Intrigentheater eines Frank Underwood. Doch man merkt der siebten Staffel stellenweise auch an, dass sie zunehmend dem Druck der Realität ausgesetzt ist. Wenn die Politik die Satire zu imitieren beginnt, müssen sich die Autoren schon einiges einfallen lassen, um nicht hinter die Wirklichkeit zurückzufallen: Die letzten sieben Episoden nehmen teilweise haarsträubende Wendungen. Selina Meyer muss mitten im Wahlkampf politisches Asyl in der finnischen Botschaft in Oslo suchen, um einem Auslieferungsverfahren zu entgehen. Auch für die Rolle des Vize-Präsidenten hat sie einige inspirierende Kandidaten in der Hinterhand, unter anderen den minderbemittelten Jonah Ryan (Timothy Simons, eine der Entdeckungen in „Veep“), der sich auf einem Ticket aus Misogynie und Anti-Impf-Slogans auf das höchste Amt im Staat bewirbt.

Die Schreiber haben einige Themen direkt den Schlagzeilen entrissen, um mit den Ereignissen im Weißen Haus noch Schritt halten zu können. Die siebte Staffel ist daher – anders als frühere Episoden – sehr topical, wie es im amerikanischen Nachrichtenjargon heißt. Politische Sitcoms haben in der Trump-Ära eine noch kürzere Halbwertzeit als die täglichen Late-Night-Talkshows. Man läuft da leicht Gefahr, zum Datum der Ausstrahlung die nächste Eskalationsstufe bereits verpasst zu haben. „Veep“ endet auf dem Höhepunkt des Chaos. Es ist das würdige Finale einer Show, die sich alle Mühe gegeben hat, ihr politisches Personal trotz menschlicher Schwächen sympathisch zu zeichnen.

Auch wenn die Überschneidung nur zwei Jahre betrug, wird man „Veep“ zukünftig mit der Trump-Ära verbinden – so wie „West Wing“ zum fiktionalen Korrektiv der Bush-Jahre wurde. Der Wahlkampfslogan „Selina Meyer for President“ klingt da vergleichsweise harmlos.

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