Verfilmung nach Siegfried Lenz : Die Selbstversetzung

Die Verfilmung des Lenz-Romans „Der Überläufer“ öffnet neue Wege zum Begreifen der Nazizeit.

Nikolaus von Festenberg
In russischer Uniform: Die Soldaten Proska (Jannis Niewöhner, rechts) und Kürschner (Sebastian Urzendowsky).
In russischer Uniform: Die Soldaten Proska (Jannis Niewöhner, rechts) und Kürschner (Sebastian Urzendowsky).Foto: NDR/Dreamtool Entertainment

Die erste Szene steht nur im Roman und ist nicht in seiner Verfilmung zu sehen: Ein 35 jähriger Mann namens Walter Proska, Ex-Soldat der Ostfront und aus  der Wehrmacht in die Rote Armee desertiert, von den Russen in der späteren DDR als Besatzungshelfer eingesetzt und nun in den Westen geflohen, beobachtet einen alten Apotheker, wie der sich eine Drogenspritze verabreicht.

 Proska, „der Assistent der Wahrheit“, wie ihn Autor Lenz nennt, will sich beim schwerhörigen Apotheker Briefmarken besorgen. Nach sechs Jahren hat es der „Überläufer“ geschafft, seiner Schwester Maria einen Brief mit einer schrecklichen Wahrheit zu schreiben.

Er, der eigene Bruder, hat 1944 in der Uniform des Feindes ihren Mann, den Schwager, erschossen, als der sich auf seinem masurischen Hof in sinnloser Aggression  gegen die Übermacht der Russen wehrte.

 Der schwerhörige Apotheker, der sich da betäubt, steht für das Taubwerden der frühen Fünfziger gegenüber der Nazi-Vergangenheit. Im Gespräch mit Proska sagt der Medizinmann: „Erinnerungen taugen nicht viel. Sie sind schwer wie Zuckersäcke. Wer sie ewig mit sich herumschleppt, muss eines Tages in die Knie gehen.“ Solche Ewigkeit wollte die Adenauerzeit nicht.

 Das Roman-Opening mit der Briefmarkenbesorgung  wäre eigentlich ein typisches Fernsehmittel – im TV spielt man gerne am Anfang mit dem Ende – , aber Florian Gallenberger („John Rabe“) und sein Drehbuchmitautor Bernd Lange („Das Verschwinden“) verzichten auf Zeitsprünge, weil sie in ihren Bildern und mit ihren fabelhaften Schauspielern einen linearen Entwicklungsprozess erzählen wollen.

Der braucht einen klaren Anfang. Der bezieht seine jugendliche Kraft aus seiner Unumkehrbarkeit Richtung Freiheit gegenüber aller Ideologie.

 Wie ist das möglich, dass ein 65 Jahre brachliegendes Buch über den Krieg  auch bei der Erstverfilmung so fesselt?

Weil es uns packt. Eine märchenhafte Liebesbeziehung zu einer Partisanin,  ein Stolpern durch heimtückische Natur, durch Sümpfe des Misstrauens und des Kriegs zum verschütteten Ich. „Selbstversetzung“ nennt Lenz die Wandlung seiner Romanhelden, diese Bewegung nimmt den Zuschauer mit.

Wahnsinn, Sehnsucht und Opfern von Jungsein

Wir wohnen keinem Schlachtfest des Schicksals bei, keiner Belehrung über die Macht des Jammers, sondern dessen Überwindung.

 So beginnt die Filmgeschichte nicht mit einem müden Quacksalber, sondern dem Aufbruch des Soldaten Proska aus dem Fronturlaub bei seiner Schwester zurück an die Ostfront. Da sieht man gleich, dass hier exzellente Schauspieler am Werk sind.

Katharina Schüttler als Proskas Schwester Maria, die nach dem Tod der Eltern früh Mutterstatt  für ihren Bruder übernehmen musste, schafft es in ihren wenigen Szenen, die aussichtslose Tragödie weiblicher Sorge im Krieg anschaulich zu machen. Jannis Niewöhner in der Rolle des Lenzhelden Proska vermittelt mit kleinen Gesten, dass in ihm noch Reste viriler Abenteuerlust stecken.

 Proska muss als deutsche Bewachung einer immer mehr von Partisanen zerbombten Bahnstrecke im polnischen Sumpf dienen. Lenz, der selber Ende des Krieges in Dänemark desertierte, packt in seine Schilderung hinein, was es in diesem irren Krieg für seinesgleichen an Wahnsinn, Sehnsucht und Opfern von Jungsein gibt.

Zuvörderst eine rührend unwahrscheinliche, hochriskante Liebesgeschichte zwischen der polnischen Partisanin Wanda (fabelhaft zwischen Weichheit, Verzweiflung und Härte: Malgorzata  Mikolajaczak) und dem träumenden Helden Proska.

 Aber auch den schrecklich realen Unteroffizier Willi Stehauf verschweigt der Dichter nicht. Überzeugend, wie ihn Rainer Bock als hinterhältigen Schisshasen spielt. Bevormundend, mörderisch, hinter der Fassade zynischer Lässigkeit immer gefährlich.

 Im selbstgebauten Waldbunker „Waldesruh“  regiert dieser Stehauf Wehrmachtssoldaten am Rande des Wahnsinns. Wie den von Bjarne Mädel gespielten Ex-Artisten, Feuerschlucker und Liebhaber eines Huhns. Oder den Angler Zwiczosbirski (Adam Venhaus), der von Sinnen in einer polnischen Kleinstadt einen Hecht zum Christus ausruft.

Partisanen erobern die lächerliche Waldfeste

 Gallenbergers Film (Kamera: Arthur Reinhart) sucht auf den Gesichtern der Darsteller, an welchem Punkt der Bann des faschistischen Wahns endgültig zerbricht und Proska  nicht mehr nur mitläuft, sondern zu den Russen überläuft.

 Partisanen erobern die lächerliche Waldfeste. Proska gerät wie alle anderen in russische Kriegsgefangenschaft. Er soll liquidiert werden, der ehemalige Kamerad Wolfgang (Sebastian Urzendowsky), inzwischen zu den Russen desertiert, rettet ihn. Ohne große Mühe gelingt es diesem linientreuen Wolfgang, Proska, den Vernunftlinken, dazu zu bringen, in die Rote Armee einzutreten.

 Wie selbstverständlich zeigt der zweite Teil der Verfilmung, dass für einen wie Proska die Abscheu vorm Vaterlandsverrat im Sumpf der Geschichte versunken sind. Und dass auch sozialistische Ideale in diesem heilsamen Loch verschwinden werden.

 Lenz hat in jungen Jahren eine wunderbar moderne Lektion erteilt, dass es in allen Katastrophen, aber auch in allem Leben  nur um das Gewissen des Einzelnen geht. Dass es einem Lektor fast gelang, dieses Werk kurz nach seinem Erscheinen zu unterdrücken, war vor wenigen Jahren ein Thema der Literaturkritik.

 Nun nimmt sich das Fernsehen der Sache an und treibt die Handlung weiter, als sie die Vorlage vorgibt („Der Überläufer“, ARD, Mittwoch und Freitag, jeweils 20 Uhr 15).  Der Oberschurke Stehauf findet den Tod. Die schöne Wanda flimmert singend über den Bildschirm. Das Medium darf das, solang es so  großartige Filme hervorbringt.

 

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