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Verleger der „Berliner Zeitung“ war Stasi-Spitzel : Redaktion zieht Trennlinie, jetzt sind die Leser dran

Holger Friedrich war für die Stasi tätig. Der Verleger der „Berliner Zeitung“ beruft sich auf eine „Notsituation“. Redaktion reagiert, was machen die Leser?

Holger Friedrich hat zusammen mit seiner Frau Silke die "Berliner Zeitung" und den "Berliner Kurier" gekauft. Den Vorwurf der aktiven Stasi-Mitarbeiter weist er zurück.
Holger Friedrich hat zusammen mit seiner Frau Silke die "Berliner Zeitung" und den "Berliner Kurier" gekauft. Den Vorwurf der...Foto: Britta Pedersen/dpa

Holger Friedrich, zusammen mit seiner Ehefrau Silke Käufer des Berliner Verlags und Verleger der "Berliner Zeitung", hat als Inoffizieller Mitarbeiter (IM) für die Stasi gearbeitet. Dies berichtet die "Welt am Sonntag", die sich auf Friedrichs IM-Akte beruft, die der Zeitung in weiten Teilen vorliegt. Danach hat der heute 53-jährige Berliner unter dem Decknamen "Bernstein" während seines dreijährigen Wehrdienstes bei der Nationalen Volksarmee (NVA) als Unteroffizier der Stasi über Kameraden berichtet und diese teilweise schwer belastet. Nach Angaben der "Welt am Sonntag" kam Holger Friedrich von Dezember 1987 bis Februar 1989 mit Stasi-Offizieren zu konspirativen Treffen zusammen.

Spitzelberichte mit Folgen für die Betroffenen

Überliefert sind zwölf größtenteils handschriftliche Spitzelberichte. In den Berichten werden mehr als 20 Personen in identifizierbarer Weise genannt. Die Erwähnung führte laut den Unterlagen dazu, dass das Ministerium für Staatssicherheit gegen einige der Betroffenen „Maßnahmen“ verfügte. In einem Fall führten die Informationen von „Bernstein“ zum Beispiel dazu, dass ein Soldat gemaßregelt und strafrechtlich belehrt werden sollte. „Er belastet in den Gesprächen Personen aus seinem Umgangskreis“, zitiert die Zeitung eine schriftliche Beurteilung Friedrichs durch seinen Führungsoffizier.

Der „Spiegel“ wirft Friedrich zudem vor, die geschäftlichen Interessen als Zeitungsverleger und als Aktionär einer Diagnostikfirma nicht transparent gemacht zu haben. Die „Berliner Zeitung“ habe über den Börsengang der Firma Centogene als „Weltmarktführer in der gentechnischen Analyse seltener Krankheiten“ berichtet, aber nicht erwähnt, dass Friedrich 3,27 Prozent an dem Unternehmen hält und zudem in dessen Aufsichtsrat sitzt.

Keine aktive MfS-Tätigkeit, schreibt Friedrich

Holger Friedrich hat zu dem Bericht auf der Homepage der "Berliner Zeitung", Stellung bezogen. Er dokumentiert dabei zugleich die Fragen der Journalisten der "Welt am Sonntag" und seine Antworten. Quasi in einer Zusammenfassung schreibt er: "Die dokumentierte Situation dürfte zeigen, dass ich in einer Notsituation handelte, einer ,Wiedergutmachung' unter Zwang zustimmte, mich bei der ersten sich mir bietenden Gelegenheit der Zwangssituation durch aktive ,Dekonspiration' entzog und ab diesem Moment die Kooperation mit dem MfS verweigerte."

Notsituation: Friedrich schreibt, er sei unter dem Verdacht der Republikflucht von der Militärabteilung der Staatssicherheit verhaftet worden. In den anschließenden Verhören sei er vor die Alternative gestellt worden, entweder eine mehrjährige Haftstrafe zu akzeptieren oder eine "Wiedergutmachung" zu leisten. Dieser "akuten Zwangssituation" habe er sich durch das Unterschreiben einer Verpflichtungserklärung entzogen.

Wiedergutmachung: Holger Friedrich bestätigt, in der ersten Phase der "Überprüfungshandlungen des MfS", in denen seine IM-Tauglichkeit getestet werden sollte, "gegen die Dienstvorschriften verstoßende Praktiken zur Kenntnis" gegeben zu haben. Bei einem anderen Soldaten entstand laut Friedrich eine "ernsthafte Situation". Dieser sei beobachtet worden, Friedrich sollte ergänzende Informationen liefern. Diesem Soldaten, so Friedrich , habe er sich offenbart "und wir haben miteinander vertraulich abgestimmt, welche Nachrichten an den MfS-Offizier weitergeleitet werden".

Dekonspiration: Kurz nach dieser Aktion hat sich Friedrich nach eigenen Angaben seine Stasi-Tätigkeit beendet, "indem ich offen darüber gesprochen habe, dass mich das MfS unter Bewährung hält und ich zur Kooperation gezwungen bin". Er hat anderen Kameraden von seiner IM-Tätigkeit berichtet, wegen dieser Dekonspiration von der MfS erhalten. Weitere Aufforderungen zur Konspiration habe er abgelehnt.

Holger Friedrich hat die NVA im August 1989 verlassen. Er hatte danach keinen Kontakt mehr zum MfS, einen Antrag auf Akteneinsicht habe er nach der Wende nicht gestellt. Eine aktive unaufgeforderte Offenbarung seiner Konspiration hielt Friedrich für "ungeeignet, da ich nicht aktiv für das MfS tätig war".

Wie reagieren die Leserinnen und Leser?

Der Verleger hat gesprochen. Sein Text von der Homepage findet sich wortgleich in der Samstagsausgabe des Blattes. Aber weder über die Homepage, die über keine Kommentarfunktion verfügt noch über die Leserbriefseite des Blattes lässt sich eine, wenn nicht die wesentliche Kehrseite finden: Wie reagieren die Leserinnen und Leser auf IM "Bernstein", der zwischen 1987 und 1989 für die DDR-Staatssicherheit gespitzelt hat? Ein Eigentümer, ein Zeitungsverleger, der für das Erich-Mielke-Ministerium gearbeitet hat, das ist neu in der deutschen Nachwendegeschichte. Vielleicht wird sich an den Reaktionen der Leserinnen und Leser exemplarisch ablesen lassen, wie ein IM, wie IM "Bernstein" 30 Jahre nach dem Mauerfall beurteilt wird. Milder, härter, gleichgültiger als früher?

Die Redaktion der "Berliner Zeitung" hat in eigener Sache deutlich gemacht, "dass sie sich sachlich und angemessen mit der Situation auseinandersetzen wird". Die Redaktion arbeite unabhängig, "so ist es und so bleibt es". Ein klares Statement einer Redaktion, sowohl ans eigene Publikum wie an den eigenen Verleger und Eigentümer Holger Friedrich, der den Berliner Verlag zusammen mit seiner Ehefrau Silke gekauft hatte. Ob die Kölner Mediengruppe DuMont den Berliner Verlag an das Ehepaar verkauft hätte, wenn sie von IM "Bernstein" gewusst hätte? Eine Spekulation.

Wer in die aktuelle Redaktion der "Berliner Zeitung" hineinhört, der trifft auf echte Betroffenheit. Mit den neuen Verlegern verbanden sich Aufbruchstimmung, Euphorie, Hoffnung auf Stabilität nach Jahren und Jahrzehnten der Eigentümer- und Richtungswechsel. Und jetzt müssen die Redakteure feststellen, dass der Neuanfang mit diesen Verlegern eine andere Richtung nimmt als erwartet und erhofft. Aber schon ist eine mehr als feine Linie zwischen Redaktion und Verlegern erkennbar. Nur: Ein Verleger ist in einem Eigentümer-geführten Verlag die oberste, letzte Instanz. Er kann nur sich selbst "richten".

DDR-Vergangenheit der "Berliner Zeitung"

Die „Berliner Zeitung“ hatte nach 1996 begonnen, die eigene DDR-Vergangenheit und die Verstrickung der Redakteure mit dem Ministerium für Staatssicherheit aufzuarbeiten – mit drastischen Konsequenzen für die betroffenen Redakteure. Zusammen mit mehreren anderen ostdeutschen Zeitungen wie der „Märkischen Oderzeitung“ und der „Sächsischen Zeitung“ nahm die „Berliner Zeitung“ an einem wissenschaftlichen Projekt der Universität Frankfurt (Oder) teil, das die Aufgabe hatte, die Verbindungen zwischen den Redaktion und Stasi zu durchleuchten, wie Michael Maier, der damalige Chefredakteur und heutige Herausgeber der „Berliner Zeitung“ ausführt.

Die Position der Zeitung sei gewesen, dass die Arbeit als Redakteur in einer den freiheitlichen Werte der Presse verpflichteten Zeitung mit der Tätigkeit als Informeller Mitarbeiter (IM) der Staatssicherheit nicht vereinbar sei, so Maier. In der Folge hätten alle Mitarbeiter mit Verflechtung zur Stasi die Zeitung verlassen, wobei die Trennung in allen Fällen einvernehmlich erfolgt sei, wie Maier schreibt.

Dies trifft allerdings nicht ganz zu. Ein langjähriger Betriebsratsvorsitzender pochte mit Verweis auf seine geschützte Position als Belegschaftsvertreter auf Weiterbeschäftigung. Allerdings wurden danach keine Texte von ihm gedruckt.

In welcher Form die Betroffenen mit dem Ministerium für Staatssicherheit zusammengearbeitet hatte, spielte seinerzeit hingegen keine Rolle. „Auf die detaillierte Würdigung der konkreten Schuld der Betroffenen haben wir verzichtet und uns ausschließlich auf das formale Kriterium der Existenz einer Akte beschränkt“, erinnert sich der damalige Chefredakteur der „Berliner Zeitung“. Man habe sich nicht als juristische oder moralische Instanz gesehen, vielmehr habe man die den Standpunkt vertreten, „dass bestimmte Aktivitäten wie Bespitzelung oder Denunziation nicht mit dem Berufsbild eines Journalisten in einer Demokratie vereinbar sind“.

„Die Thematisierung der Akte des Verlegers Holger Friedrich zeigt, dass der Neuanfang immer noch nicht abgeschlossen ist“, schreibt Maier. Die Reaktion der Mitarbeiter der „Berliner Zeitung“ auf die Enthüllung von Friedrichs IM-Tätigkeit fällt resigniert aus: "Uns bleibt wirklich nichts erspart", heißt es dort.

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