Vierte Staffel der ARD-Serie "Weissensee" : Auf die andere Seite

Den Osten Deutschlands noch besser verstehen – die vierte Staffel der preisgekrönten ARD-Serie „Weissensee“. Nur bei einer Personalie gab es offenbar Misstöne.

"Weissensee": Petra Zeiler (Jördis Triebel) ist beeindruckt vom Kampfgeist ihres Patienten Falk (Jörg Hartmann).
"Weissensee": Petra Zeiler (Jördis Triebel) ist beeindruckt vom Kampfgeist ihres Patienten Falk (Jörg Hartmann).Foto: ARD/Frederic Batier


„Und die Bank? Die können uns doch nicht einfach hängen lassen. Die hätten uns doch was sagen müssen!“
Es braucht nicht viele Worte für die Verzweiflung, die sich im Sommer 1990 in Ost-Berlin breitmacht. Auf der Wetterkarte im Fernsehen ist noch eine DDR eingezeichnet, aber die Macht haben längst andere übernommen. Im Osten Deutschlands regiert nicht mehr die SED, sondern das Kapital. Mit allen Konsequenzen, die im Jubel um Mallorca-Reisen und West-Autos viele nicht sehen können, nicht sehen wollen.
Drei Arbeiter verlieren sich im riesigen Konferenzraum einer Möbelfabrik. Gerade erst haben sie die die dem alten Regime treu ergebene Betriebsleitung vom Hof gejagt. Sie haben Mut und Ideen, aber kein Geld. Ein Kredit muss her, vermittelt von einem Glücksritter aus dem Westen, der schnell wieder über alle schwäbischen Berge verschwindet. Was bleibt, ist die Verpflichtung, den Kredit zu bedienen. Und damit die Verzweiflung, das zentrale Motiv der vierten Staffel der Fernsehserie „Weissensee“, die am Dienstag mit einer Doppelfolge im Ersten anläuft.


Weissensee hat mal im Ost-Berlin des Jahres 1980 begonnen, als die Geschichte der Stasifamilie Kupfer und der Dissidenten-Familie Hausmann. Anschaulich und authentisch verfilmte Zeitgeschichte, die nachhaltig vermittelt, was es mit dem untergegangenen Staat der Arbeiter und Bauer auf sich hatte. In der späten Phase der DDR wird es nun politisch. Ja, die Abwicklung des realsozialistischen Staates ist alternativlos (auch wenn es diesen Begriff im Sommer 1990 noch nicht gibt). Aber gilt das auch für das Geschäftsprinzip der Treuhandanstalt bei der Überführung der ostdeutschen Wirtschaft in eine gesamtdeutsche?


Der Regisseur Friedemann Fromm ist im Westen aufgewachsen und sagt von sich selbst, „dass ich den Osten erst durch meine Arbeit richtig verstanden habe“. Auch durch die vielen Gespräche am Set mit den Schauspielern, die fast allesamt aus dem Osten kommen. Florian Lukas als guter Kupfer-Sohn Martin, überfordert mit der Leitung des VEB Möbelbau Rosa-Luxemburg. Uwe Kockisch, der geläuterte Stasi-Offizier Hans Kupfer, er liest im Sessel Schopenhauer, plagt sich mit einem dunklen Familiengeheimnis. Seine Frau Marlene (Ruth Reinecke) hilft der zur PDS gewendeten SED, das Parteivermögen beiseitezuschaffen, „weil die uns enteignen wollen, wie 1933“. Ein herrlich schräger Vergleich.

„Katrin ist für mich eine der großen Diven des deutschen Films."


Und Katrin Sass? Sie hätte gern weiter die tief gefallene Liedermacherin Dunja Hausmann gespielt – allerdings exponierter, als es das Drehbuch vorsah. „Katrin ist für mich eine der großen Diven des deutschen Films. Das meine ich überhaupt nicht negativ, im Gegenteil“, sagt Friedemann Fromm. Er ist diesmal für Regie und Buch zuständig, „da habe ich meine Verantwortung für die Geschichte, die ich erzählen will. Ich bin Katrin so weit entgegengekommen, wie es möglich war, vielleicht sogar noch ein bisschen mehr. Sie hatte andere Vorstellungen, das respektiere ich.“ Da seien sie zu dem Schluss gekommen, „dass es für beide Seiten am besten ist, die Figur aus der Serie zu nehmen“.


Und doch schwebt Dunja Hausmann wie ein Geist über diesem Sommer der Anarchie. Als die Volkspolizei von niemandem mehr ernst genommen wird und sich die ersten Neonazi-Trupps bilden, auch das spielt hinein in die Familie Kupfer. Die bemerkenswerteste Wende vollzieht der böse Kupfer-Sohn Falk (Jörg Hartmann). Der einst hundertfünfzigprozentig überzeugte Stasimann sitzt nach einem Attentat im Rollstuhl und dient sich der anderen Seite an. Der Klassenfeind im Westen profitiert vom Herrscherwissen des Geheimdienstes im Osten.


Die Treuhandanstalt ist eine Idee des Runden Tisches, an dem die Opposition mit der alten Staatsführung den Übergang zur Demokratie aushandelt. Die Bürgerrechtler träumen nach ihrer friedlichen Revolution von einer gerechten Aufteilung des Volksvermögens. Der Traum platzt schon bei den ersten freien DDR-Wahlen am 18. März. Die im Bündnis 90 vereinigten Bürgerrechtler kommen zusammen auf nicht mal drei Prozent der Stimmen, weit hinter der Allianz für Deutschland unter Führung der CDU. In Weissensee sinniert die Freundin der fassungslosen Vera Kupfer, die so gern für das Bündnis in die Volkskammer gezogen wäre: „Hinter der CDU steht der Dicke. Hinter dem Dicken steht die D-Mark. Und hinter der D-Mark steht das Paradies.“


Die wütende Vera geht also nicht in die Politik, sondern zur Treuhand. Und trifft dabei auf ihren Schwager Martin, der längst das gemacht hat, was das Volk im Wendeherbst der politischen Nomenklatura entgegen brüllt. Er ist in die Produktion gegangen. Jetzt leitet er mit zwei Kollegen die Möbelfabrik, hat sich den schwäbischen Kredit aufschwatzen lassen und steht vor dem Bankrott. Die Treuhand soll helfen, aber sie hilft nicht. Obwohl doch Vera Kupfer auf der anderen Seite des Schreibtisches sitzt, aber sie ist kaum mehr als ein Quoten-Ossi.

„Was der Politik damals fehlte, war der Mut zur Ehrlichkeit."


Die Treuhandanstalt wird im Sommer 1990 von Managern aus dem Westen geführt, und die sehen ihre Aufgabe nicht in finanzieller Umverteilung. In der Berliner Zentrale (erst am Alexanderplatz, später an der Wilhelmstraße) wird der Boden für westliche Investoren bereitet. „Am Beispiel der Treuhand lässt sich sehr gut erklären, warum so viele Ostdeutsche bis heute ein tiefes Misstrauen gegenüber dem Staat empfinden“, sagt Friedemann Fromm. „Die Politik hat sich damals zu sehr von der Wirtschaft vereinnahmen lassen. Von Managern, die kein Interesse an den Menschen hatten, sondern an einem riesigen neuen Markt.“


In Weissensee wird Martin Kupfer angefeindet, weil er Kollegen entlassen muss, „dabei will ich doch nur den Betrieb retten“, es wird ihm nicht gelingen. „Solche Fälle haben wir nicht erfunden, die hat es tatsächlich so gegeben“, erzählt Friedemann Fromm. „Was der Politik damals fehlte, war der Mut zur Ehrlichkeit. Ja, wir können das schaffen, aber es wird sehr, sehr schwer. Das wollte damals keiner hören, und deswegen hat sich auch keiner getraut, so etwas zu sagen. Mal abgesehen von Oskar Lafontaine, und wir wissen ja, wie es ihm ergangen ist.“


Die vierte Staffel endet wie schon die ersten drei mit einem Cliffhanger. Könnte schon sein, dass es weitergeht, aber dafür müsste Friedemann Fromm erstmal eine erzählenswerte Geschichte finden. „Diese Geschichte hatten wir für 1990 mit der Treuhand, die Jahre danach waren in Deutschland nicht so furchtbar spannend. Aber es gibt ja Leute, die waren früher Bürgerrechtler und marschieren heute bei Pegida mit. Das wäre zum Beispiel eine sehr gute Geschichte, die Entwicklung dieser Menschen nachzuzeichnen.“ Bis dahin ist es noch ein weiter Weg vom Sommer der Anarchie im Jahr 1990.

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„Weissensee“, von Dienstag bis Donnerstag in drei Doppelfolgen jeweils ab 20 Uhr 15 im Ersten. Im Dienstag läuft um 21 Uhr 50 zusätzlich eine Dokumentation über die Zeit zwischen Januar und September 1990.

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