Von der TV-Serie zum VR-Spiel : Wer hat Angst vorm Krampus-Killer?

Im VR-Game zur Serie „Der Pass“ wird der Zuschauer zum Akteur. Die Region fördert die junge Branche.

Wenn sich der Mörder mit der Schreckensmaske so weit genähert hat, ist es schon zu spät.
Wenn sich der Mörder mit der Schreckensmaske so weit genähert hat, ist es schon zu spät. Im VR-Spiel „Pagan Peak“ muss sich der...Screenshot/Foto: Anotherworld VR

Dieses Computerspiel ist nichts für Menschen mit schwachen Nerven oder klaustrophobischen Ängsten. „Pagan Peak“ ist das VR-Game zur Sky-Dramaserie „Der Pass“, die zunächst beim Pay-TV-Sender lief, bevor sie das ZDF im Free-TV übertrug. Entwickelt wurde das Spiel vom Berliner Studio Anotherworld VR.

In der Serie bringt ein offenkundig wahnsinniger Mörder in der imposanten Bergkulisse der deutsch-österreichischen Grenzregion seine Opfer auf bestialische Weise um. Eine Zweiländer-Soko nimmt die Suche nach dem Serienmörder auf. Von der Presse erhält er den Namen Krampus-Killer – benannt nach den schaurigen Holzmasken, die er für die Morde anfertigt und die auf einem Brauchtum der Alpenregion beruhen.

Diese Masken begegnen zwar auch den Spielern von „Pagan Peak“, und auch die Hütte, in die der Killer die Spieler einsperrt, gibt es in der TV-Serie. Damit endet jedoch die Gemeinsamkeit, denn in der VR-Umgebung sind die Spieler auf sich allein gestellt. Keine Polizei wird ihnen helfen, sich zu befreien. Sie selbst müssen die versteckten Hinweise finden und die Rätsel lösen. Nur so finden sie die Schlüssel, um – wie bei Escape Games üblich – den Ausgang zu finden und den Krampus-Killer zu überleben.

Die Grenzen verschwimmen

Das Besondere bei VR-Games sind die speziellen Brillen mit den stereoskopisch-dreidimensionalen Bildern. Da die Brille exakt auf die Kopfbewegungen reagiert und der Spieler zudem über spezielle Controller aktiv in das Geschehen eingreifen kann, verschwimmt bei den VR-Spielen die Grenze zwischen Realität und virtueller Umgebung. Dass die Kopfhörer die Umgebungsgeräusche vergessen lassen, verstärkt den Eindruck.

Durch ständige Verbesserungen der Technik werden die Bilder immer höher aufgelöst, das verstärkt das Eintauchen nochmals – Experten sprechen von einem immer immersiveren Erlebnis. Dass dies bei „Pagan Peak“ so gut funktioniert, liegt aber auch daran, dass man in der Hütte tatsächlich alle Gegenstände aufheben und untersuchen kann, um sie beispielsweise zu schütteln und zu hören, ob sich etwas darin befindet. Das macht das immersive Erlebnis umso größer, aber auch den Horror der Krampus-Hütte.

VR-Spiele daheim und in Arcade-Umgebungen

Mit VR-Brillen wie der Oculus Quest oder der HTC Vive können Spiele wie dieses am heimischen PC gespielt werden. Man kann sie aber auch in kommerziellen VR-Arenen ausprobieren, die über die jeweils neuste technische Ausstattung verfügen. Das Team von Anotherworld VR arbeitet gerade an einer Arcade-Umsetzung von „Pagan Peak“ für bis zu vier Spieler. Diese Version soll im ersten Halbjahr 2020 fertiggestellt sein.

Damit kann dann im Team der Ausgang aus der Hütte des Krampus-Killers gesucht werden. Noch befindet sich die VR-Entwicklung in der Pionier- und Experimentierphase. Ein Teil der Akteure kommt aus dem Gamesbereich. Andere wie die Gründer und kreativen Köpfe von Anotherworld VR, Ioulia Isserlis und Max Sacker, haben ihre Wurzeln im Film- und Fernsehsektor. Sie sehen die VR-Technik als Chance, die Fesseln der Passivität abzulegen.

Geschichtenerzähler im neuen Medium

Ihr Ziel: als Geschichtenerzähler ein neues Medium definieren. Anders als im Film, wo in Zeiten gedacht wird, sind es hier Räume, die es auszufüllen gilt. Dass sie dafür den „Pass“ als fiktive Welt ausgewählt haben, hat mit der guten Zusammenarbeit mit der Produktionsfirma Wiedemann und Berg zu tun. Vor allem aber damit, dass diese Serie ebenso wie „Babylon Berlin“ oder „Dark“ zeigt, was inzwischen in Deutschland an Produktionen möglich ist.

Dass die beiden ein Faible für Horrorgeschichten und mythologische Figuren aus alten Erzählungen haben, tat ein Übriges. Zuerst wurde die internationale Version fertiggestellt, seit Anfang Dezember steht auch eine deutsche Version zur Verfügung.

Ganz ohne Förderung kommt die junge Branche nicht aus. In der Hauptstadtregion unterstützt das Medienboard Berlin-Brandenburg solche Entwicklungen. Die Fördersumme für das Feld der „Innovativen Audiovisuellen Inhalte“ wurde 2019 auf über zwei Millionen Euro aufgestockt. Im VR-Bereich erhielt neben „Pagan Peak“ auch das VR-Game „Huxley 2“ und die virtuelle Kunstinstallation „Das Totale Tanz Theater“ Fördergelder.

Investitionen wie diese zahlen sich aus, als Strukturförderung für den Standort, durch wichtige internationale Preise ("Pagan Peak" war für einen Goldenen Löwen nominiert), aber auch durch Rückzahlungen der Darlehen im Erfolgsfall. Die Fördergelder für die TV-Serie „Babylon Berlin“ wurden so gerade zurücküberwiesen.

Next Stop: eine Stummfilm-Hommage

In einem ihrer künftigen VR-Projekte planen Isserlis und Sacker eine Hommage an den Film, speziell geht es um die Stummfilmära. Der Fokus soll dann stärker auf menschlichen Darstellern liegen, verbunden mit KI-Elementen und stärkerer Interaktion der Avatare. Weil das neue Projekt zugleich aber auch zeitlich länger und umfangreicher sein wird, wollen sich die Macher von Anotherworld VR damit auch zwei bis drei Jahre Zeit für die Entwicklung lassen.

Über die VR-Brille und die Controller in beiden Händen verschwimmt die Grenze zwischen der Spielewelt und der Realität.
Über die VR-Brille und die Controller in beiden Händen verschwimmt die Grenze zwischen der Spielewelt und der Realität.Foto: Anotherworld VR

Freigegeben ist „Pagan Peak“ erst für Spieler ab 16 Jahren, tatsächlich ist das VR-Spiel in punkto Brutalität der Bilder jedoch bei Weitem nicht so drastisch wie die TV-Serie. Wenn beim Krampus-Killer im Fernsehen die Sicherungen durchbrennen, gerät er geradezu in einen Blutrausch.

Im Spiel spritzt hingegen kein Blut. Das heißt nicht, dass die Spielfigur vom Krampus-Killer nicht getötet werden könnte. Von den sechs möglichen Ausgängen, die in „Pagan Peak“ vorgesehen sind, endet nur einer mit dem Überleben der Spielfigur. In den anderen Fällen sieht man sich mehr oder minder plötzlich dem Serienkiller mit der Maske gegenüber, der einem auf die eine oder andere Weise ans Leben will – was dann jedoch dankbarerweise rechtzeitig genug ausgeblendet wird. Schließlich soll man sich wie in allen Horrorstorys gruseln, aber nicht zu Tode erschrecken.

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