Von Tor zu Tor : Orakelfestival im Ersten

Mehr Übertreibung als mit Tom Bartels geht nicht. Mit dem ARD-Fußball-Kommentator erreicht die Eventisierung des Sports ihren Höhepunkt. Eine TV-Kritik.

Tom Bartels kommentierte in der ARD das WM-Eröffnungsspiel Russland gegen Saudi-Arabien.
Tom Bartels kommentierte in der ARD das WM-Eröffnungsspiel Russland gegen Saudi-Arabien.Foto: SWR/Werner Schmidtke

Sie ist wieder da. Schreit und tötet Nerven. Sie, das ist die Stimme von Tom Bartels, jenem Kommentator der ARD gegen den grundsätzlich nichts einzuwenden ist. Menschlich jedenfalls. Am Donnerstag aber war seine Stimme wieder zu hören. Eröffnungsspiel der Fußball-WM in Russland, der Gastgeber kickte gegen Saudi-Arabien, ein torreicher Start sollte es werden – aber, wie zu befürchten war – auch ein Orakelfestival. Mit Sätzen wie: „Der darf niemals reingehen“, „Das Spiel ist entschieden“, „Am Ende ist es ein Klassenunterschied“.
Nun ist Tom Bartels weiß Gott nicht der einzige seiner Spezies, der Sätze auspackt, die schnellstmöglich wieder eingepackt gehörten. Und, mal ehrlich, ein Fußballspiel ist eben immer noch und nur ein Fußballspiel. Doch genau dies ist es ja, warum Tom Bartels’ Stimme so nervt: Sie kapiert nicht, dass ein Fußballspiel wirklich nur ein Fußballspiel ist.

Stimme, schweig!

Wer ihr lauscht, könnte meinen, die Welt stünde entweder vor dem nächsten atomaren Wettstreit oder der Klimawandel sei soeben erfolgreich bekämpft worden. Je nachdem, ob Tom Bartels die Spielsituation „verdammt gut“ oder „wahnsinnig schlecht“ findet. Sein Hang zur Übertreibung nervt nur noch. Wenn Bartels ins Mikrofon spricht, erreicht die Eventisierung des Sports ihren Höhepunkt. „Das wichtigste Spiel ihrer Karriere“ steht für die Spieler an, nein sogar: „Das wichtigste Spiel für die ganze Mannschaft.“ Und dank Bartels weiß man auch, wie gut der russische Spieler Golovin ist: „Einer der besten, wenn nicht gar der beste, auf jeden Fall der begabteste.“ Jedenfalls: „Wenn Golovin fehlen würde – das würde den Russen verdammt weh tun.“ Stimme, schweig!

Zugegeben: Seit 2014 ist die Antipathie etwas kleiner geworden. Trotzdem wird Bartels’ Stimme immer jene bleiben, die einst Martin Schmitt und Sven Hannawald die Skisprungschanzen hinabbegleitet hat. Hin und wieder so: „Ziiiieh. Jaaaaaaa!“ Oft aber auch so: „Ziiiieh. Neiiiin.“ Und die Welt ging unter.

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