Wahlen in Weißrussland : Lukaschenko wird als „Sascha drei Prozent“ verhöhnt

Im Netz kursiert eine fingierte Filmliste, deren codierte Botschaft dem weißrussischen Präsidenten gar nicht gefällt.

Der amtierende Alexander Lukaschenko behauptet, dass drei Viertel der Bevölkerung hinter ihm stehen.
Der amtierende Alexander Lukaschenko behauptet, dass drei Viertel der Bevölkerung hinter ihm stehen.Foto: Maxim Guchek/dpa

In Weißrussland will sich der autokratische Herrscher Alexander Lukaschenko am Sonntag zum sechsten Mal im Präsidentenamt bestätigen lassen. Doch obwohl die Sicherheitskräfte hart gegen die Anhänger der Opposition vorgehen, protestieren immer mehr Menschen gegen die Diktatur des 65-Jährigen.

Lukaschenko spielt das herunter – und er kann das, weil nur ein sehr enger Kreis weiß, wie die Stimmung im Land tatsächlich aussieht. Was die Führung mit Hilfe ihrer Geheimdienste darüber erfährt, hält sie im Vorfeld der Wahl – bis auf eine unglaubwürdige Information – geheim. Politische Umfragen, die diesen Namen verdienen, sind verboten.

Aber in Diktaturen werden Verbote mit List umgangen. Eine besonders schöne hat sich die Online-Plattform „tut.by“ ausgedacht. Sie fragt ihre User vermeintlich nach ihren Lieblingsfilmen.

Jeder Filmtitel steht für einen Präsidentschaftskandidaten

Die Auswahl ist vorgegeben, die Liste entspricht der Zahl der Präsidentschaftskandidaten. Auf Startplatz 1 steht „A Single Man“ von Tom Ford aus dem Jahr 2009. Es folgt „Drei Frauen“ (1977) von Robert Altman. Mit im Rennen sind auch „Andrjuscha“ (Kalle Becker, 1992), „Anna“ (Luc Besson, 2019) und „Che“ (Steven Soderbergh, 2008). Fünf Filme, fünf Präsidentschaftskandidaten. 23 Prozent der Befragten finden alle diese Streifen „uninteressant“.

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Natürlich weiß jeder, wer sich hinter diesen „Überschreibungen“ verbirgt. Der „einzelne Mann“ ist Lukaschenko. In der zu Wochenanfang veröffentlichten Momentaufnahme von „tut.by“ kommt er im Ranking gerade einmal auf drei Prozent. Dieser Wert geistert auch schon seit längerem durch die sozialen Netzwerke, wo der Präsident mit der Verkleinerungsform seines Vornamens als „Sascha drei Prozent“ verhöhnt wird.

Die Opposition favorisiert drei Frauen

Das geht dem eitlen Lukaschenko offenbar doch nahe, denn vor Journalisten verwies er darauf, dass ihm seine Präsidialverwaltung andere Zahlen vorlegt. Drei Viertel aller Weißrussen, so ließ er eine angebliche Umfrage verbreiten, wollen ihn wählen. Das dürfte wohl eher die Vorgabe an seine regionale Apparatschiki sein. Zur Erreichung solcher Ergebnisse gibt es bewährte Mittel in Weißrussland.

In der Umfrage von „tut.by“ sieht es allerdings ganz anders aus. Dort führen die „drei Frauen“ mit gewaltigem Vorsprung. Zwei Drittel der Befragten gaben den Streifen als ihren „Lieblingsfilm“ an.

Gemeint sind damit Swetlana Tichanowskaja, Veronika Zepkalo und Maria Kolesnikowa, die ein Bündnis der Opposition geschlossen haben, um Lukaschenko aus dem Amt zu drängen. Den drei Frauen, deren Präsidentschaftskandidatin Swetlana Tichanowskaja ist, fliegen derzeit nicht nur im Netz, sondern auch auf den Straßen die Sympathien zu.

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