Walter Sittler spielt Robert Anders : Der Kommissar und die Gelassenheit

Walter Sittler ermittelt seit 2007 für das ZDF: Ein Schwabe, der trotz aller Streitlust in sich ruht. Eine Begegnung.

Jan Freitag
Wo waren Sie gestern Abend um acht? Wenn Walter Sittler als Robert Anders auf Mördersuche geht, wird die Fahndung schon mal zur Krimiroutine.
Wo waren Sie gestern Abend um acht? Wenn Walter Sittler als Robert Anders auf Mördersuche geht, wird die Fahndung schon mal zur...Foto: ZDF und Simon Vogler

Es gibt Schauspieler, die sind zwar sehr präsent, aber schwer zu fassen – dafür muss man gar nicht Harry Dean Stanton bemühen, dem in einer von tausend Nebenrollen mal ein Alien aus der Bauchgrube sprang. Hanns Zischler ist so ein A-Darsteller im C-Promimodus. Unter Kolleginnen fällt Johanna Gastorf nicht weiter auf oder die meistgebuchte „Tatort“-Randfigur Anke Sevenich, wovon der notorische TV-Prolet Karl Kranzkowski ein unerhörtes Ruhrpottlied singen kann. Und dann wäre da noch einer, dessen Namensnennung gemeinhin kein Gesicht vorm inneren Auge erzeugt, und wenn es vorm äußeren auftaucht, nicht die passende Anrede. Die ist ja auch eher gewöhnlich: Walter Sittler.

Nicht ganz so gewöhnlich ist sein Auftritt. Wenn der Schwabe, geboren in Chicago, zum Interview kommt, garniert er sein bauchiges Bühnenorgan mit einem Händedruck zum Kartoffelstampfen, der gut zur hünenhaften Statur passt. Das eisgraue Haar dirigentenwild, die Konturen scharfkantig, der Blick fokussiert – fast alles an Walter Sittler ist eindrücklich. Seit zwölf Jahren spielt er Robert Anders in der ZDF-Reihe „Der Kommissar und das Meer“, dem sein Darsteller in 26 Fällen ein Aroma von aufreizender Unscheinbarkeit verleiht. Ende 2007 gab er nach Commissario Brunetti und Commissario Laurenti einen weiteren deutschen Ermittler im Ausland – nur, dass der hier die Legende erhielt, aus dem südlichen Nachbarland auf die schwedischen Insel Gotland gezogen zu sein, um dort Mordfälle unter Eingeborenen zu lösen. Mordfälle, die mit Effekthascherei weniger zu tun haben als Uwe Kockischs Brunetti mit einem Italiener.

Fahndung in aller Seelenruhe

„Auch Effekte haben ihre Existenzberechtigung“, sagt Walter Sittler spürbar entspannt über seine ZDF-Rolle, „aber den meisten Flitterkram kann man aus meiner Sicht weglassen“. Und das beherzigt sein Stamm-Regisseur Thomas Roth auch im neuen 90-Minüter. Zu Beginn von „Nachtgespenster“ treibt zwar die Leiche eines flamboyanten Millionärs im blutroten Pool der eigenen Villa. Bevor Robert Anders jedoch in aller Seelenruhe unter eifersüchtigen Geschwistern, Freunden, Eltern ermittelt, wird es zunächst mal persönlich. Hat sein Seriensohn Niklas etwa gekifft, womöglich mit Stiefbruder Kasper? Beim Frühstück geht der Patchwork-Papa dem Verdacht mit ähnlicher Sensibilität vor wie im Einsatz. Es ist sein Markenzeichen, fast ein Alleinstellungsmerkmal. Und hat viel mit dem Mann hinter der Rolle zu tun.

Denn nicht nur beruflich, auch privat ist Walter Sittler die Ruhe selbst, haltungsstark zwar und streitbar, aber selten aufbrausend, gar zornig. Unweit seiner Haustür zum Beispiel hat sich der linke Stipendiat am Eliteinternat Salem, den die SPD mal zur Wahl des Bundespräsidenten delegierte, vehement gegen das umstrittene Bahnprojekt „Stuttgart 21“ gewehrt – auch wenn es ihm dabei „weniger um Aufruhr als Vernunft“ ging. Er sei halt jemand, „der nicht gegen die Mauer läuft, sondern einen Weg dran vorbei sucht“. Darin ähnelt er Robert Anders, „ein normal ambitionierter Mann mit gesundem Gerechtigkeitsempfinden“, wie es der gelernte Bühnendarsteller im sonoren Ton seiner Radiostimme ausdrückt. „Das mag ich.“

Ob er auch die Drehbücher von der „Weissensee“-Autorin Annette Hess bis hin zum „Tatort“-Veteranen Harald Göckeritz mag, traut man sich angesichts seiner milden Aura da kaum noch zu fragen. Schließlich münden sie bei aller Zurückhaltung häufig in eine Art Fernsehen, das atmosphärisch besser auf den Pilcher-Sendeplatz passt, als es dem anspruchsvollen Herrn Sittler lieb sein dürfte. Im kreuzbraven Wo-waren-Sie-gestern-Abend-Stil scheint ja selbst im schwedischen Winter nur dann nicht gleißend die Sonne, wenn bedrohliche Musik Belastendes zutage fördert. Episodencharaktere sind vielfach plakativ, ihre Synchronisationen lausig, ständige Rückblenden Ausdruck einer Hilflosigkeit, die der dramaturgischen Kraft von Wort und Bild offenbar nicht so recht traut.

Start in der "Schwarzwaldklinik"

Dabei ist Walter Sittler ein wenig Schlichtheit im Portfolio gar nicht fremd. Sein Fernsehstart in der „Schwarzwaldklinik“ ist 32 Jahre her und aufs „Traumschiff“ sei er zwischendurch „überredet“ worden. Schon während seiner Langzeitrolle als zänkischer Arzt der preisgekrönten Krankenhausserie „Nikola“ fand er sich immer wieder in Mainstreamunterhaltung mit Titeln wie „Heute heiratet mein Mann“ wieder. „Beruflich gab es gewiss den einen oder anderen Film, den ich besser nicht gemacht hätte“, räumt er da ein. Dennoch will der dreifache Vater mit 67 Jahren auch nicht alles infrage stellen. Muss er ja auch nicht.

Dank Sittlers freundlichem, oft leicht lakonischem Naturells hebt sich auch „Der Kommissar und das Meer“ schließlich angenehm ab aus dem Ozean klischeehafter Auslandskrimis, deren Daseinszweck vor allem im Ersten darin zu bestehen hat, den jeweiligen Drehort als Reiseziel zu bewerben. Dafür ist das schwedische Gotland im Zweiten vielleicht doch zu diffus, unbehaust, zu wenig greifbar.

Sittlers Ruhepol Robert Anders wirkt dort weit authentischer als Kockischs Commissario Brunettis in Venedig. Letzteren löst ersterer übrigens seit dieser Woche als dienstältester Auslandskommissar deutscher Zunge ab, nachdem das Erste „Donna Leon“ am Mittwoch (endlich) beendet hat. Stolz darauf dürfte Walter Sittler kaum sein. So tickt er nicht.

„Der Kommissar und das Meer: Nachtgespenster“, ZDF, Samstag, 20 Uhr 15

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