„West of Liberty“ im ZDF : Jagd auf den Whistleblower

Dank Darstellern wie Wotan Wilke Möhring und Lars Eidinger hätte der ZDF-Spionagethriller „West of Liberty“ durchaus gelingen können. Doch der Inhalt bleibt plakativ und aufgeblasen.

Jan Freitag
Aus Wikileaks wird in dem ZDF-Spionagefilm „Hydraleaks“ und Julian Assange heißt nun Lucien Gell. Lars Eidinger kommt in seinem Spiel der selbstgerechten Eitelkeit des Originals erstaunlich nahe.
Aus Wikileaks wird in dem ZDF-Spionagefilm „Hydraleaks“ und Julian Assange heißt nun Lucien Gell. Lars Eidinger kommt in seinem...Foto: ZDF/Carolina Romare

Wenn Spione im Spionagethrillerfernsehen Spionagethrillerfernsehsachen machen, gibt es ein paar Standards, die offenbar einzuhalten sind. Je erfahrener der Agent (Regel 1), desto abgefuckter. Je abgefuckter sein Chef (Regel 2), desto dienstälter. Je dienstjünger seine Assistentin (Regel 3), desto eifriger. Je eifriger der Feind (Regel 4), desto manischer. Und falls das Publikum die verschachtelte Dynamik dieser Spionagethrillerfernsehpersonalpolitik trotzdem nicht begreifen wird, verteilt das Drehbuch vorsorglich alliterierende Anreden à la Ludwig Licht und Jeanny G. Johnson.

Lucien Gell erinnert also nicht nur dem Vornamen nach an Julian Assange, sondern im Nachnamen an Schreie. Schreie, die letzterer jahrelang medienwirksam ins Netz ausgestoßen hat, was ersterer dem realen Vorbild im Spionagethriller „West of Liberty“ [ZDF, Sonntag und Montag, jeweils 22 Uhr 15] gleichtut. Weil der Gründer und Kopf von „Hydraleaks“ alias Wikileaks zwanghaft geheimes Staatswissen ans Tageslicht bringt, hetzt ihm der abgefuckte CIA-Agent GT Berner den noch viel abgefuckteren Berliner Absturzkneipenbesitzer Ludwig Licht auf den Hals. Eine konventionelle Spionagethrillerkonstellation – die dank des unkonventionellen Bösewichts das Potenzial zu guter Unterhaltung hätte.

Im Konjunktiv. In dem nämlich sind zumindest die zwei Hauptfiguren nahezu traumbesetzt. Während Wotan Wilke Möhring seinem Ex-Stasi-Spitzel Ludwig Licht einen akkuraten Grad an geistiger Verwahrlosung verpasst, den sein alternder Ex-Kontaktmann Berner mit Schmeicheleien („nur wir zwei sind noch übrig“) und Geld (in Briefumschlägen) lindert, strahlt Lars Eidingers Whistleblower bei allem Good Will eine selbstgerechte Eitelkeit aus, die dem Habitus des Originals verstörend nahekommt.

Im Indikativ allerdings begeht die internationale Koproduktion unter ZDF-Führung mal wieder den deutschesten aller dramaturgischen Fehler: statt die Form ihrer Funktion folgen zu lassen, ist Oberfläche erneut alles.

Mit rohem Ei und Whiskey zum Katerfrühstück

So muss Möhrings Licht nicht nur abgefuckt sein, sondern den Zustand auch noch mit rohem Ei und Whiskey zum Katerfrühstück verdeutlichen; so muss der Keller, in dem Eidingers Gell Lecks in die hermetische Welt der Geheimdiplomatie schlägt, ein Stilmix aus „Saw“ und „007“ sein; so muss seine Anwältin Faye (Michelle Meadows) sogar noch heißer sein als ihr Name und die CIA mit lasziv geöffnetem Mund auf die Spur eines Komplotts führen; und dieser Komplott muss dramaturgisch dann sehr dünne Bretter mit inhaltlich sehr großen Bohrern bohren.

Nach Thomas Engströms schwedischem Roman dickt die österreichische Regisseurin Barbara Eder das nachrichtendienstliche Ränkespiel der deutsch-englischen Autorinnen Sara Heldt und Donna Sharpe natürlich noch um ein gerüttelt Maß globaler Konflikte an. Unter Verbindungen von „Hydraleaks“ zum Assad-Regime läuft da gar nichts. Dabei waren selbst klischeeanfällige Spionageserien schon weiter – dafür muss man gar nicht „Homeland“ bemühen; es reicht ein Blick vorn eigenen Tellerrand. Mit „Deutschland 86“ und „Der gleiche Himmel“ hat Politaction Made in Germany angedeutet, dass es bei aller Kulissenschieberei Leidenschaft in Figuren und Dialoge stecken kann.

„West of Liberty“ dagegen ist so vernebelt vom Thrill der eigenen Story, dass die Kettenraucherin Faye mit einer inhalationsunfähigen Nichtraucherin besetzt wurde, die sich auf der Flucht dauernd nervös umblickt und wie so viele im Cast fast alles heillos überspielt. Nerviger ist da nur noch die lausige Synchronisation, gepaart mit dem Drang, alles, was am Bildschirm zu sehen ist, auch noch wortreich zu erklären. „Jede Wahrheit braucht Skepsis“, sagt der unterforderte Wotan Wilke Möhring im Interview über einen Sechsteiler, den das ZDF heute und morgen in zwei Filme presst, „Und je größer die Wahrheit, desto größer sollte sie sein.“ Hätte er dieses Misstrauen „West of Liberty“ entgegengebracht – er stünde nicht auf der Besetzungsliste.

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