ZDF-Film "Südstadt" : Alles fliegt – auseinander

Der ZDF-Film „Südstadt“ von Regisseur Matti Geschonneck und Autor Magnus Vattrodt zeigt die innere Obdachlosigkeit der 68er-Erben.

Nikolaus von Festenberg
Blick zurück im ... Anne (Anke Engelke) bilanziert ihr bisheriges Leben.
Blick zurück im ... Anne (Anke Engelke) bilanziert ihr bisheriges Leben.Foto: ZDF und Martin Valentin Menke

Da singt der einstige „Ladykracher“-Star Anke Engelke vollkommen losgelöst das traurigste Lied deutscher Romantik: „In einem kühlen Grunde, da geht ein Mühlenrad“, Joseph von Eichendorffs Wehmutspoesie vom Ende einer großen Liebe. Verse über gebrochene Treue, über ein zersprungenes Ringlein. Poetischer Ausbruch von Todessehnsucht.

Als die von Engelke gespielte Sozialarbeiterin Anne jung war, so in den siebziger Jahren, hatte man Gefallen an ganz anderer Musik, an einer wilderen, nicht so schwer deutschen. Aber nun? Die Inbrunst des Scheiterns bricht aus der singenden Anne, eine Art Befreiung vom Zwangsoptimismus ihrer Kindheit. Ist das Reife? Ist das Resignation?

Oft sind die Szenen des ZDF-Films „Südstadt“ von solch großer szenischer Präzision. Ein Film blickt in die Seele einer Generation. Im Mittelpunkt stehen die heute um die 50 Jahre alten Menschen, die von ihren 68er-Eltern ins Leben geschickt wurden, um deren Freiheitsideale zu leben. Aber, oh Wunder, im Älterwerden dieser Kinder hat sich mehr Eichendorff angesammelt, als es die von den Eltern befürworteten Lebensentwürfe verhießen.

Das Projekt der sexuellen Freizügigkeit ging so richtig schief. Die Sozialpädagogin Anne betrügt ihren Mann Martin (Matthias Matschke) mit einem Schulkollegen. Der Gatte betrügt zurück: Seinen Unijob hat der Soziologe wegen Unfähigkeit längst verloren und versteckt die Schande vor seiner Frau – ist aber noch stolz darauf, nicht „ein neoliberal rundgelutschtes Zäpfchen zu sein, das ohne Widerstand in den Arsch des Kapitalismus flutscht“.

Eberhard predigt die Ideale der Revolte

Den Chor mit dem Eichendorff-Lied dirigiert Martins Vater Eberhard (Manfred Zapatka), ein pensionierter Gymnasiallehrer. Er hat die Ideale der Revolte nicht gelebt, aber gut reden. Die Jüngeren musizieren, die Älteren geben den Takt an. Die spießigen Ringlein der Treue hat dieser Altideologe entwertet, nun leben seine gläubigen Kinder mit den Folgen.

Eva (Andrea Sawatzki) zum Beispiel. Die Single-Ärztin wohnt im Dachgeschoss des Hauses in der Kölner Südstadt, in dem sich gerade das Problempaar Anne und Martin trennt. Diese Eva versucht das Ringlein zu finden, das ihr nicht zerbrechen soll. Als das ehrenwerte Haus noch eine wilde WG war und sich erst nach und nach zu einer Mittelstandsherberge linksliberaler Gutverdiener entwickelte – zu Anne und Eva stießen Saskia mit Kind und Journalisten-Mann –, hatte Ärztin Eva zeitgeistbegeistert die Sexualität mit schnell wechselnden Männern zu genießen versucht. Das Mühlrad der Sehnsucht nach wahrer Liebe wurde immer lauter, das Misstrauen gegen die Männer größer.

Andrea Sawatzki zeigt ihre große Kunst, lächelnd zu weinen. In ihrem scheuen Clownsgesicht mit den flehend aufgerissenen Augen spielt sich die Tragödie der unheilbaren Einsamkeit ab. Sie muss leidvoll erfahren, was der Zuschauer sogleich erkennt: Thomas (Dominic Raacke), ihre neueste Eroberung, ist nicht der Mann, bei dem Eva ihr Glück finden wird.

Gesucht wird die unbedingte Liebe

Als er in die Mansarde der Ärztin einzieht, werden die Fesseln sichtbar, an denen Thomas hängt: an seiner Frau Karen (Julia Stemberger) und seiner Tochter Greta (Emma Drogunova). Eva ist zerrissen. In ihrem Gemüt ballen sich unvereinbare Leitvorstellungen zusammen. Die Liebe soll unbedingt sein. Alles Unausgesprochene soll sich dem Planbaren unterwerfen. Der Eifersucht der verlassenen Ehefrau und der enttäuschten Tochter soll mit Vernunft und Diskussion begegnet werden, den entscheidungsschwachen Mann, den Raacke als herrlichen Hasenfuß spielt, sollen die alten 68er-Werte aufrichten – das kann nicht gut gehen.

Der dritte Fall eines Kollateralschadens durch 68er-Prägung spielt sich bei Saskia (wunderbar ungeduldig: Bettina Lamprecht) und dem Journalisten Kai (verzweifelt orientierungslos: Alexander Hörbe) ab. Mit jäher Entschlossenheit stürzt sich die Nur-Mutter Saskia ins Berufsleben. Sie zerstört fast die Karriere des Mannes. Sie behandelt auch ihr Kind mit plötzlicher Rücksichtslosigkeit, eine Schwangerschaft bricht sie ab. Der Mann erfährt nichts. Der Zuschauer erschrickt.

Regisseur Matti Geschonneck und Autor Magnus Vattrodt gelang 2015 mit dem preisgekrönten Film „Ein großer Aufbruch“ eine erbarmungslose Satire auf einen 68er-Guru (Matthias Habich), der seinen Tod mit narzisstischem Pathos inszeniert. „Südstadt“ ist milder gestimmt. Zapatkas mondgesichtiger Studienrat muss sich von seinem gescheiterten Soziologensohn zwar den Vorwurf anhören: „Du und deine Generation haben zu uns gesagt, macht, was euch Freude macht. Alles andere kommt dann schon. Ein Scheiß kommt, alles fliegt auseinander.“ Der Alte erwidert milde: „Man soll seine Eltern nicht zu ernst nehmen.“ Geht vom Tisch und stirbt den Herzinfarkttod. Auf der Trauerfeier singt der Chor des 68er-Beamten den Bläck-Fööss-Song „Drink doch eine met - Stell dich nicht so an“.

„Südstadt“, ZDF, Montag, 20.15 Uhr

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