ZDF-Thriller mit Karoline Schuch : Krimi für Pilger

„Die Toten am Meer“: Karoline Schuch ermittelt im teuflischen Husum. Trost gibt es von deutschen Dichtern.

Nikolaus von Festenberg
Aufbereitet. Ria Larsen (Karoline Schuch) und Mattern (Ronald Kukulies) sind gespannt auf die Obduktionsergebnisse von Bernhard Metzger (Markus John, l.).
Aufbereitet. Ria Larsen (Karoline Schuch) und Mattern (Ronald Kukulies) sind gespannt auf die Obduktionsergebnisse von Bernhard...Foto: ARD Degeto/Sandra Hoever

Alles fließt. Luftbildaufnahmen zeigen kringelige Rinnsale, die sich ins Meer ergießen. Oder sind es verschmelzende Körper? Oder Tätowierungen von Schlangen auf nackter Haut? Oder einfach nur Wahnsinn? Regisseur Johannes Grieser („Helen Dorn“, „Ein starkes Team“) und sein Kameramann Wolf Siegelmann („Schuld 2“ nach Ferdinand von Schirach) kippen im ARD-Samstagsfilm „Die Toten am Meer“ alles aus, was suppt, spuckt und spukt. Ganz am Anfang Explosionen des Formlosen, Kurzarien der Angst, als hätten die Macher das Horrorgefühl von Corona vorausgeahnt.

Es wird nicht gemütlicher, wenn die Handlung (Drehbuch: Heike Voßler, Idee: Holger Joos) einsetzt. In Husum, Theodor Storms grauer Stadt am Meer, ist der Teufel los. Formvollendete Killerarbeit. Die Ermordete wird sitzend auf einer Bank in den Nordseedünen gefunden. Mit rot geschminkten Lippen, durchschnittener Kehle, tätowierter zweiköpfiger Schlange unterm Schlüsselbein, natürlich blond – aufgedonnert für einen Thriller, der auf dem Samstagstermin mit dem sonntäglichen „Tatort“ mithalten will.

Die ranke Kommissarin Ria Larsen (Karoline Schuch) ahnt nicht, was sie erwartet, als sie das Handy aus dem Schwimmbecken zum Tatort ruft. Der jugendliche Ehrgeiz weicht ihr aus dem Gesicht, als sie sieht, was da auf sie zukommt. Es ist nicht nur der grausame Leichenfund, es sind auch die Umstände, die an diesem Einsatz hängen.

Die theatralische Aufbereitung der Leiche erinnert an eine vor Jahren vermeintlich aufgeklärte Mordserie, als die inzwischen pensionierte Polizistin Elisabeth Haller (Charlotte Schwab) zusammen mit dem Kollegen Bergmann (Max Herbrechter) den Psychopathen Wernicke (Martin Wuttke) in die lebenslange Obhut der Psychiatrie beförderte.

Nun, so will es das Drehbuch, lebt das Grauen wieder auf – im weiteren Verlauf sterben zwei Frauen und zwei Männer auf ähnlich grausame Weise. Wernicke kann die neuen Morde nicht ausgeführt haben, aber steckt er hinter ihnen? Als wäre die Aufklärung für die zerbrechliche Ria nicht schon genug Arbeit, öffnen sich weitere Abgründe.

Die Handlung schäumt

Das Klima bei der Polizei ist vergiftet. Nur einer, Kollege Michael Brandt (Christoph Letkowski), hält zu Ria, die überraschend zur Leiterin der Ermittlungsgruppe ernannt wurde. Andere arbeiten gegen sie, allen voran der sich zurückgesetzt fühlende Konkurrent Mattern (Ronald Kukulies).

Und dann ist da noch die undurchsichtige Pensionärin Elisabeth Haller, die den wahnsinnigen Psychopathen einst zur Strecke brachte und dabei dessen schwangere Geisel anschoss. Vertuschter Grund: Haller war über die Verfolgung des teuflischen Irren und wegen niederträchtiger Kollegen der Alkoholsucht verfallen und bei der Festnahme „im Tunnel“. Mon dieu, alles kommt ganz schön dicke. Die Handlung schäumt.

Als eine der wenigen Schauspieler erlauben Buch und Regie Charlotte Schwab die Tragödie einer alternden, am eigenen Ehrgeiz und an Kollegengemeinheit fast scheiternden Frau auszuspielen. Ihre Alkoholsucht findet Raum, für ihre kulturellen Tröstungsversuche mit Hesse-Gedichten und Richard-Strauß-Liedern gibt es Zeit.

Karoline Schuch wird diese Darstellungschance nicht zuteil („Die Toten am Meer“, ARD, Samstag, 20 Uhr 15). Für ihr Suchtproblem, die Bulimie, bleibt kaum Zeit, dazu ist die Vorlage mit zu vielen anderen Handlungswendungen vollgestopft. Wie die Bilderschwemmen des beeindruckenden Openings sich ins Meer ergießen, brechen die Erzählströme über den Zuschauer herein: neue Leichen und deren vertrackte Geschichten, Geheimnisse aus alten Akten, vor allem philologisch-kriminalistische Erkenntnisse aus Hesses „Der Pilger“-Gedicht.

Trost kann ein Zuschauer ohne Durchblick beim Dichter finden: „Unbekannt war Sinn und Ziel/Meiner Wanderschaft/Tausend Male, daß ich fiel/Neu mich aufgerafft!“ So machen wir’s ja immer, wir braven Fernsehpilger.

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