ZDFneo-Serie "Art of Crime" : Krimi mit dem Sinn für Kunst

In der französischen Serie „Art of Crime“ finden die Verbrechen im Umfeld schöner Künste statt. Da wird dann über die Frage sinniert, ob Da Vinci Nord- oder Südtoskanisch sprach.

Jan Freitag
Ungleiches Duo: Polizist Antoine (Nicolas Gob) und Historikerin Florence (Éléonore Gosset).
Ungleiches Duo: Polizist Antoine (Nicolas Gob) und Historikerin Florence (Éléonore Gosset).Foto: ZDF/Etienne Chognard

Klischees über französische Frauen sind so weit verbreitet wie beharrlich. Ihre Attraktivität, heißt es allerorten, entspringe einer natürlichen Eleganz, die weder Highheels noch Hotpants benötigt, um nachhaltig sexy zu sein. Schließlich kommt sie aus dem Innersten des femininen Selbstbewusstseins. Auch Florence Chassagne trägt statt heißer Kleidung drei Stirnfalten, die durch kastaniendunkle Brauen senkrecht zur herben Mundpartie weisen. Trotz flacher Schuhe zur praktischen Hose strahlt die Hauptfigur der französischen Krimiserie „Art of Crime“ eine Art hintergründiger Erotik aus, von der deutsche TV-Figuren meist nur träumen. Man könnte also meinen, ZDFneo bade ab heute drei Doppelfolgen lang in Vorurteilen.

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Könnte man. Tatsächlich aber ist vieles am Sechsteiler aus Frankreich anders als auf dem heillos überdüngten Acker des Kriminalfernsehens üblich. Es beginnt mit dem Thema. Florence Chassagne ist nämlich Kunsthistorikerin, die an der Seite des Kunstbanausen Antoine Verlay Kunstdiebstähle aufklärt. Und zum Auftakt kriegt es das Polizeiduo mit einem Kunstdiebstahl zu tun, dessen Beute scheinbar viel zu wertlos ist für einen Raubmord. Weil hinter dem gestohlenen Gemälde der renommierten Sammlerin Catherine Dutilleil womöglich ein anderes, älteres, weit wertvolleres Bild steckt, für das die Diebe sogar töten, entspinnt sich aus der distinguierten Grundkonstellation ein Thriller, an dem lange Zeit wenig an die grassierende Ödnis des weltweit wichtigsten TV-Genres erinnert.

Zwangsneurotisch unterwanderte Kultiviertheit

Das liegt zum einen an Eléonore Gosset, die ihrer versonnenen Florence eine zwangsneurotisch unterwanderte Kultiviertheit verleiht, der sich Leonardo Da Vinci schon mal leibhaftig als Diskutant verstiegener Kunstdebatten gegenübersetzt. Es liegt zudem am hemdsärmeligen Ermittlungspartner Antoine (Nicolas Gob), der große Meister schon mal mit Fußballprofis verwechselt, aber ein erstaunlich seelenwundes Herz unterm muskulösen Panzer trägt (was sogar durch die erstaunlich zurückhaltende Synchronisation von Tim Sander auf Deutsch gut funktioniert).

Am spannendsten aber sind die Tatorte und ihre Protagonisten, hinreißend barock verkörpert von der französischen Kino-Legende Miou-Miou als opake Kunstmäzenin Dutilleil. DNA-Spuren führen hier weit seltener ans Ermittlungsziel als Lapislazuli-Händler oder die Frage, ob Da Vinci nun Nord- oder Südtoskanisch gesprochen hat.

Für durchschnittlich kultivierte Zuschauer mag das manieriert wirken. Die Kunst zum Gegenstand einer Krimiserie zu machen, darf man in einer Zeit heillos verrohter Sitten durchaus als Statement des Drehbuch-Teams Angela Herry-Leclerc und Pierre-Yves Mora verstehen. Wenn der Alltag vor den Toren luxuriöser Galerien und Villen derart von Hass und Hässlichkeit dominiert wird wie jetzt, hat die Rückbesinnung aufs Erhabene, Schöne, Entrückte etwas Tröstliches. Außerdem beweisen milliardenschwere Gemäldediebstähle oder Raubkunstfälle ähnlich wie der schillernde Gemäldefälscher Wolfgang Beltracchi, dass auch die Sphäre von Malerei und Hochkultur Entertainmentpotenzial hat.

Das Actionfinale vom Auftakt hätte sich Regisseurin Charlotte Brändström da zwar genauso sparen können wie all die Splitscreens. Darüberhinaus indes ist „Art of Crime“ ein angenehm ungewohntes Gewürz im Krimi-Eintopf, ohne die Rezeptur gleich grundlegend zu ändern. Bleibt noch eine Hoffnung: Bitte, liebe Autoren, lasst Florence und Antoine kein Paar werden! Das wäre klischeehafter als jedes Vorurteil über die sprichwörtliche Erotik französischer Frauen.

"Art of Crime", Freitag, ZDFNeo, 21.45 Uhr

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