Zu meinem Ärger : Ohne Gespür für Menschen

Wer Unbehagen über die Berichterstattung von der Rettung der thailändischen Kinder vor dem Hintergrund der Toten im Mittelmeer empfindet, muss noch lange kein "nach Likes gierender Tastatur-Samariter" sein, meint ZDF-Moderator Marcus Niehaves.

Marcus Niehaves ist Moderator und Redaktionsleiter der ZDF-Sendung „Wiso“.
Marcus Niehaves ist Moderator und Redaktionsleiter der ZDF-Sendung „Wiso“.Foto: ZDF/Danuta Urbanowicz

Herr Niehaves, worüber haben Sie sich in dieser Woche in den Medien am meisten geärgert? 

Auch ich habe fasziniert verfolgt, wie es den Rettungskräften gelang, die zwölf Kinder und ihren Trainer aus der Höhle in Thailand zu befreien. Und auch mir kamen gleich zu Beginn der Rettungsaktion die sterbenden Menschen im Mittelmeer in den Kopf.  Ohne Hintergedanken – ich musste einfach an das unendlich große Leid im Mittelmeer denken. Der Gedanke, man sollte weniger über die Rettung in Thailand berichten, der kam mir nicht. Darum habe ich mich über einen Kommentar in der Zeitung „Die Welt“ geärgert, der dieses Unbehagen vieler Menschen als „pseudo moralischen Theaterdonner“ abtat und diejenigen beschimpfte, die ihre Sorge in den sozialen Netzwerken kundtaten – als  „nach Likes gierende Tastatur-Samariter“. Ein Kommentar ohne Gespür für Menschen, die nicht hinnehmen wollen, dass andere Menschen ertrinken – egal aus welchen Ländern sie kommen.

Gab es auch etwas, worüber Sie sich gefreut haben?

Über einen Kommentar mit dem Titel „Nie hatten wir so viel zu verlieren“ von Detlef Esslinger in der SZ habe ich mich dagegen gefreut, weil die Analyse richtig ist: Nur Europa kann Europa retten! Was die EU – die Idee einer Friedensgemeinschaft – geschaffen hat, spielt in der aktuellen Diskussion über Flüchtlinge, Brexit und Verschuldung fast keine Rolle. 73 Jahre Frieden, keine Grenzen, eine Währung, Brüder und Schwestern im Geiste, die unterschiedliche Sprachen sprechen: Wo sind die Politikerinnen und Politiker, die uns diese unglaubliche Geschichte immer und immer wieder erzählen? Wo ist die Partei, die diese Lücke füllt? Diese Fragen stellt sich der Autor. Und diese Fragen treiben auch mich um.

Welche Webseite empfehlen Sie?

Sich kritisch mit uns Medienmachern zu  beschäftigen ist wichtig. Und wir nehmen die Kritik an unserer Arbeit sehr ernst. Darum empfehle ich heute mal die Seite uebermedien.de. Besonders Stefan Niggemeier ist all zu oft kein Freund unserer Berichterstattung. Er hat nicht immer Recht, aber er stellt den Wert unseres Mediensystems nicht platt in Frage. Er will gut informiert und gut unterhalten werden und dafür schaut er eben ganz genau hin. Professionelle Medienkritik liefert einen wertvollen Beitrag im öffentlichen Diskurs über die Qualität unserer Arbeit. Über Medien zu berichten kann spannend sein – uebermedien.de lesen auch. 

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