Warum Medikamente lange nur an Männer getestet wurden

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Medizin für Männer und Frauen : Der große Unterschied
Beatrice Schlag

Frauen, glaubten Wissenschaftler jahrhundertelang, seien biologisch lediglich eine kleinere Ausgabe des Mannes mit einem Reproduktionsapparat. Das menschliche Modell war das männliche. Das lag nicht nur daran, dass die Gesellschaft insgesamt von Männern dominiert war. Für die medizinische Forschung hatte das Ausklammern von Frauen – die Gynäkologie und Geburtshilfe ausgenommen – den Vorteil, dass die Ärzte sich nicht mit Ergebnissen herumschlagen mussten, die durch Menstruationszyklen und Hormonschwankungen kompliziert wurden.

Tests an Männern ergaben eindeutige Daten. Das vereinfachte die Auswertung und sparte überdies viel Geld. Denn je mehr Merkmale bei Frauen und Männern zu untersuchen sind, desto teurer die Forschung. Vor allem die US-Frauenbewegung erzwang eine Wende. Es waren weniger die Slogans der Protestierenden als die Tatsache, dass in den 80er Jahren bedeutend mehr Frauen in der Forschung arbeiteten. Sie forderten, dass die Aufmerksamkeit der medizinischen Forschung denen zu gelten habe, für deren Gesundheit geforscht werde.

Damit waren nicht nur Frauen gemeint, sondern auch verschiedene Ethnien und Altersgruppen. Die feministischen Forscherinnen akzeptierten nicht länger, dass die Resultate männlicher Testpersonen unter 40 – zu dieser Gruppe zählt bis heute die Mehrheit der Probanden – unbesehen auf die gesamte erwachsene Bevölkerung übertragen wurden. Gegen ihre Kritik gab es keine stichhaltigen wissenschaftlichen Argumente. Neue Richtlinien für die Vergabe von Forschungsgeldern wurden erlassen.

Dass Medikamente dennoch weiterhin vorwiegend von Männern getestet wurden, ist eine Folge der Contergan-Katastrophe. Das in Deutschland mehrere Jahre rezeptfrei erhältliche Beruhigungs- und Schlafmittel, das vor allem Schwangeren empfohlen wurde, hatte Ende der 50er Jahre zu Tausenden von Totgeburten und Geburten schwerst missgebildeter Kinder geführt. Danach erging die Schutzbestimmung, dass potenziell schwangere Frauen nicht als Testpersonen in die Forschung einbezogen werden dürfen.

Inzwischen wurden die Vorgaben in manchen Ländern geändert. In Deutschland fordert das Bundesinstitut für Arzneimittel, dass „im Prinzip“ an beiden Geschlechtern getestet wird. Die Europäische Zulassungsbehörde EMA stellt die Richtlinie auf, dass beide Geschlechter in dem Maße an Studien beteiligt werden müssen, wie sie von Erkrankungen betroffen sind.

Obwohl sich die Gender-Medizin anfänglich mehrheitlich auf Frauen konzentrierte, weil dort dringender Nachholbedarf bestand, ist sie inzwischen genauso auf die Gesundheit von Männern fokussiert. In ihrem 2012 erschienen Buch „Gesundheit: Eine Frage des Geschlechts“ schreibt die österreichische Ärztin Alexandra Kautzky-Willer, Professorin für Gender Medicine an der Med-Uni Wien: „Männer, das zeigen viele Statistiken und Studien, sind an einer gesunden Lebensführung und an ihrer eigenen Gesundheit weit weniger interessiert als Frauen. Sie nehmen seltener an Vorsorgeuntersuchungen teil, und ihre im Vergleich zu Frauen um fast sechs Jahre kürzere Lebenserwartung ist nur zu einem geringen Teil in der biologischen und genetischen Ausstattung begründet.“

Als Hauptgründe für die geringere Lebenserwartung nennt Kautzky-Willer mehr Verkehrsunfälle durch Schnellfahren, mehr Alkohol und Nikotin, mehr Arbeitsunfälle: 90 Prozent aller Opfer tödlicher Arbeitsunfälle sind Männer.

Nicht nur die Sorglosigkeit der Männer im Umgang mit sich und ihren schädlichen Süchten setzt ihrer Gesundheit zu. Daneben gibt es zahlreiche biologische Veranlagungen, die Männer mehr gefährden als Frauen. Männer erkranken deutlich öfter an Leukämie als Frauen. Sie entwickeln Darmpolypen – mögliche Vorläufer von Darmkrebs – in sehr viel jüngerem Alter und sollten deswegen rechtzeitig mit Vorsorgeuntersuchungen beginnen. Und sie sterben häufiger an Infektionserkrankungen als Frauen.

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