Meine Helden : Was Robert Harris an Sophie Scholl bewundert

Er verehrt die Aufrechten, die Mutigen und die Leisen. Bestsellerautor Robert Harris über seine größten Idole.

Robert Harris, 62, wurde berühmt als Verfasser historischer Romane. Zuletzt erschien sein Buch „Der zweite Schlaf“ (Heyne).
Robert Harris, 62, wurde berühmt als Verfasser historischer Romane. Zuletzt erschien sein Buch „Der zweite Schlaf“ (Heyne).Foto: Bernd Hoppmann

Sophie Scholl
Ich habe eine Menge über das „Dritte Reich“ geschrieben, und alle, die sich Hitler entgegenstellten und versuchten, ihn zu beseitigen, mussten sehr mutig sein. Doch die pazifistisch eingestellte Gruppe Weiße Rose, zu der Sophie Scholl gehörte, und die den Widerstand trotz des Risikos, um das sie wussten, auf sich nahm, hat mich besonders beeindruckt. Sophie Scholl ist eine Heldin, eine junge Frau in einer von Männern dominierten Zeit, die im Grunde den militärischen Widerstand gegen Hitler beschämt. Die meisten der Verschwörer haben bis 1944 viel zu lange mitgemacht und sich erst zum Widerstand entschlossen, als jeder sah, dass der Krieg verloren war. Erst dann traten sie mit dem Versuch an, den Staat zu übernehmen. Sophie Scholl und ihre Verbündeten hatten keine solchen Ambitionen, sie hatten nur ihren moralischen Standpunkt. Ich bewundere das, ich würde nicht im Traum den Mut dazu aufbringen.

Die Widerstandskämpferin Sophie Scholl
Die Widerstandskämpferin Sophie SchollFoto: pa/dpa

Georges Picquart
Als ich für „Intrige“, mein Buch über die Dreyfus-Affäre, recherchierte, stieß ich auf Georges Picquart, einen französischen Offizier in den 1890er Jahren. Der Überflieger beherrschte sechs Sprachen, war der jüngste Oberst in der Armee.

Der französische Offizier Georges Picquart
Der französische Offizier Georges PicquartFoto: Wikimedia

Ein schwieriger Mensch, der dieselben antijüdischen Vorurteile wie seine Geheimdienstkollegen teilte, doch als er erkannte, dass sie Hauptmann Alfred Dreyfus zu Unrecht des Verrats bezichtigten, war er bereit, für die Wahrheit seine Karriere, sogar sein Leben zu riskieren. Obwohl er nicht ohne Fehler war, macht ihn das in meinen Augen zu einem Vorbild. Er war lange vergessen, auch deshalb habe ich ihn zur Hauptfigur in meinem Roman gemacht. Und es freut mich, dass Polanskis Film „J’accuse“, der gerade in Venedig ausgezeichnet wurde, ihn noch bekannter machen wird. Die Affäre zeigt, wie vermeintlich anständige Leute lügen und betrügen, weil es angeblich zum Besten ihrer Institution sein soll. Es braucht enormen Mut, dagegen aufzubegehren.

Roy Jenkins
Die letzten zehn Jahre vor seinem Tod im Jahr 2003 traf ich Roy Jenkins beinahe jede Woche zum Lunch. Ein wunderbarer, liberaler Staatsmann, der als Innenminister in den 1960er Jahren maßgeblich an der Abschaffung der Todesstrafe beteiligt war, die Homosexualität entkriminalisierte und die Abtreibungsgesetzgebung reformierte.

Der britische Staatsmann und großer Europäer Roy Jenkins
Der britische Staatsmann und großer Europäer Roy JenkinsFoto: Imago

Ich schätzte Roy als warmherzigen und kultivierten Gesprächspartner, als klugen Autor, aber auch für seinen Mut. Er hätte Premierminister werden können, doch sein Einsatz für Europa kostete ihn den Rückhalt in der Labour Party. Er gründete eine neue Partei, die Sozialdemokraten, ein riskantes Unterfangen. Kreativität, ein Gespür für Geschichte und die Bereitschaft, die Karriere für die eigenen Überzeugungen zu riskieren, das ist es, was ich heute in der Politik vermisse. Ich bin froh, dass dieser leidenschaftliche Anhänger der europäischen Einigung nicht mitansehen muss, was in unserem Land gerade geschieht.

Cicero
Anders als Cäsar setzte Cicero sich nie über das Staatswohl hinweg. Er war kein Fanatiker, blieb immer menschlich, verabscheute die Quälerei jedweder Kreatur – in einer Zeit, in der das zur Volksbelustigung gehörte. Ihn beschäftigten die großen Fragen: Was bedeutet es, ein Mensch zu sein, wie stellt man sich dem Tod, und wie lebt man ein erfülltes Leben?

Der römische Rhetoriker und Staatsmann Cicero
Der römische Rhetoriker und Staatsmann CiceroFoto: Imago

Natürlich kann ich mich nicht mit ihm vergleichen, aber es gibt eine Parallele. Wie er kam ich aus der Provinz. Ich war der Erste in unserer Familie, der eine Universität besuchte, hatte weder Geld noch Verbindungen. Ciceros Ende jedoch war dramatisch, er wurde auf Geheiß seiner politischen Gegner ermordet, seine Leiche verstümmelt. Die römische Republik, für die er stand, ging ebenfalls unter. Aber er hatte so etwas wie das letzte Wort, denn seine Schriften überlebten. Es war mir eine Freude, gleich drei Bücher über ihn zu schreiben, ihn zu einer Figur der Populärkultur zu machen.

Neville Chamberlain
Ich habe eine leicht perverse Ader: Wenn jemand zum Helden gemacht wird, bin ich derjenige, der das infrage stellt. Umgekehrt kann ich mich für die erwärmen, die niedergemacht werden. Premierminister Neville Chamberlain ist so einer, der von der Geschichtsschreibung ungerecht beurteilt wurde.

Der britische Politiker Neville Chamberlain
Der britische Politiker Neville ChamberlainFoto: France Press Voir

Er sah 1938 voraus, dass ein künftiger Krieg sehr viel mehr Opfer kosten würde als der von 1914 bis 1918. Er wusste, dass ein solcher Konflikt das britische Empire zerstören, der Kommunismus in Gestalt der Sowjetunion hingegen siegen würde. Er ging davon aus, dass die Amerikaner nicht helfen, solange ihre Interessen nicht berührt werden. Seine Bemühungen, den Frieden in Verhandlungen mit Hitler zu bewahren, scheiterten, aber sie waren ehrenhaft. Gleichzeitig bereitete er Großbritannien auf den Krieg vor, zu dem es 1938 nicht bereit gewesen wäre. Das Finest-Hour-Britannien, von dem in letzter Zeit wieder die Rede ist, es ging von ihm aus.

Joan Clarke
Ich traf sie in den 1990ern, als ich für mein Buch „Enigma“ recherchierte. Die Mathematikerin aus Cambridge war im Krieg rekrutiert worden, um die Funkverschlüsselung der deutschen U-Boote zu knacken. Eine bescheidene Person mit außerordentlichen Fähigkeiten, ganz anders als Keira Knightley, die sie später im Film verkörperte.

Die Mathematikerin Joan Clarke
Die Mathematikerin Joan ClarkeFoto: Wikipedia

Sie arbeitete eng mit Alan Turing zusammen, verliebte sich in ihn, und die beiden planten ihre Hochzeit. Doch er gestand ihr seine Homosexualität und löste die Verlobung. Warum sie nicht zurück in die Mathematik ging, fragte ich sie. Weil Alan so genial war, antwortete Joan, sie hielt sich nicht mehr für gut genug. Sie blieb als Codeknackerin beim Geheimdienst, öffentliche Anerkennung erhielt sie nie. Dabei war sie eine Schlüsselfigur in der Nordatlantikschlacht. Eine typische Vertreterin meiner Elterngeneration: Bloß kein Aufheben um die eigene Person machen. Als sie starb, verwitwet und allein, wurde sie erst nach Tagen gefunden.

George Orwell
Die Gabe von George Orwell war es, politisches Schreiben in Kunst zu verwandeln, die für jeden zugänglich ist, selbst für Kinder, „Farm der Tiere“ ist das beste Beispiel. Auch ich habe schon als Teenager alles von ihm gelesen. Politisch stand Orwell dem sozialistischen Lager nahe, aber er folgte keiner Parteilinie, blieb immer misstrauisch und war bereit, dafür viel Kritik einstecken zu müssen.

Der englische Schriftsteller George Orwell
Der englische Schriftsteller George OrwellFoto: Imago

Das bewundere ich, es ist nie leicht, sich gegen die eigene Gruppe zu stellen. „1984“ ist wahrscheinlich der einflussreichste Roman des 20. Jahrhunderts. Orwell entlarvte die Funktionsweise totalitärer Systeme und machte es damit für sie schwerer, die Menschen zu täuschen. Und er war persönlich bereit, sehr weit zu gehen. Als er seine Sozialreportagen schrieb, lebte er wie ein Landstreicher.

Er kämpfte im Spanischen Bürgerkrieg für die republikanische Sache, und am Ende opferte er seine Gesundheit für die Arbeit an den Büchern, die ihm wichtig waren.