Menschenrechtlerin Jihyun Park aus Nordkorea : „Mein Leben glich dem eines Tieres“

Seit Generationen herrscht die Kim-Familie diktatorisch in Nordkorea. Jihyun Park über Hunger, Arbeitslager – und wie sie sich auf der Flucht verliebte

Jhyun Park, aus Nordkorea geflohene Autorin
Jhyun Park, aus Nordkorea geflohene AutorinFoto: Mike Wolff

Jihyun Park wurde in den 1960er Jahren in Nordkorea geboren. 1998 flüchtete sie erstmals aus ihrer verarmten Heimat nach China, um sich und ihre Familie zu ernähren. Heute lebt sie in Manchester. Dort engagiert sie sich bei der „Europäischen Allianz für Menschenrechte in Nordkorea“


Frau Park, Deutschland war einst geteilt wie Ihre koreanische Heimat. Bedeutet es Ihnen etwas, heute in Berlin zu Besuch zu sein?
Ich bin gerade erst angekommen und habe mir die Mauer leider noch nicht ansehen können. Schon hier auf dem Flughafen zu landen, hat mich berührt. Eben weil die Stadt wiedervereint ist. Ich habe mir vorgestellt, dass es in Korea eines Tages auch so sein könnte.
Sie gehören zu den Hunderttausenden, die seit Mitte der 1990er Jahre aus Nordkorea geflohen sind. Außenstehenden ist das Land ein Rätsel: Diktator Kim Jong-un umgibt ein bizarrer Personenkult, die Bevölkerung ist bitterarm, doch das Regime hat viel Geld in die Entwicklung der Atombombe gesteckt. gehören zu den Hunderttausenden, die seit Mitte der 1990er Jahre aus Nordkorea geflohen sind. Außenstehenden ist das Land ein Rätsel: Diktator Kim Jong-un umgibt ein bizarrer Personenkult, die Bevölkerung ist bitterarm, doch das Regime hat viel Geld in die Entwicklung der Atombombe gesteckt.
Lassen Sie uns nicht über die Führung sprechen. Die werden sich nie ändern, denn das wäre ihr Ende, ihr Tod. Sie wissen, was sie verbrochen haben. Statt Kim Jong-un sollten die einfachen Menschen internationale Aufmerksamkeit bekommen.
Nordkorea ist abgeschottet, Touristen wird ein Aufpasser zur Seite gestellt. Was wussten Sie vor Ihrer Flucht über den Rest der Welt?
Sehr wenig. Über Deutschland lernten wir, dass es Hitler gab und den Zweiten Weltkrieg. Die Engländer stellte ich mir als Gentlemen vor, mit diesem Hut auf dem Kopf, und die Frauen trugen alle schöne Kleider. Ich lebe heute in Manchester. Als ich 2008 in England ankam, war ich sehr verwundert, dass dort niemand so aussah. Besonders viel Schlechtes haben wir über Südkorea gehört. Dass es dort nur Bettler gebe, dass die Regierung eine Marionette der USA sei und die eigene Bevölkerung mit Panzern über den Haufen fahre. Nordkorea sei ein Paradies. Wir sangen sogar ein Lied im Norden, das den Titel trägt „Wir beneiden niemanden auf der Welt“.
Wenn Sie an Ihre Kindheit und Jugend denken, woran erinnern Sie sich als Erstes?
An das Porträt von Kim Il-sung.
Dem Staatsgründer und Großvater des heutigen Diktators.
Anderswo ist es normal, Familienbilder aufzuhängen. Die sieht man gleich, wenn man ein Haus betritt. Aber in Nordkorea geht es immer nur um die Kim-Familie, in jeder Wohnung hängen die Porträts von Kim Il-sung und seinem Sohn und Nachfolger Kim Jong-il. An Feiertagen muss man sich vor ihnen verbeugen.

Haben Sie wirklich geglaubt, dass die beiden gottgleiche Wesen sind?
Man kann nichts anderes denken. Es wird so im einzigen Fernsehkanal verkündet, es steht in der Zeitung und draußen auf Plakaten. Als Kind habe ich jeden Tag, daheim und in der Schule, die Familiengeschichte der Kims studiert. Jeder muss sich die kleinsten Details einprägen und regelmäßig Prüfungen ablegen. Am liebsten mochte ich die Geschichten über Kim Il-sungs militärische Erfolge. Angeblich hat er im Zweiten Weltkrieg die Japaner geschlagen, dann den von Südkorea begonnenen Koreakrieg gewonnen. Alles Lüge.
Die USA und die Sowjetunion haben Japan besiegt, und der Norden hat den Koreakrieg, der von 1950 bis 1953 stattfand, angefangen.
Hinzu kommt: Mein Vater, der in einer Baufirma arbeitete, war sehr loyal, er war Mitglied in der Partei und mächtig stolz darauf. Wenn er von den Parteitreffen nach Hause kam, hat er immer gestrahlt. In Nordkorea gibt es offiziell drei Klassen: die Zuverlässigen, dann die, deren Loyalität nicht hundertprozentig sicher ist, und schließlich die Feinde. Die Familie meiner Mutter gehörte zur zweiten Gruppe, weil ihr Vater während des Koreakriegs auf die andere Seite gegangen und dort geblieben war. Für so etwas wird in Nordkorea die ganze Familie bestraft, das überträgt sich sogar auf die folgenden zwei Generationen.
Die Bestrafung der Feinde kann brutal sein. Laut einem UN-Bericht von 2014 gibt es allein vier große Lager mit 80 000 bis 120 000 politischen Gefangenen. War es Angst, die Sie flüchten ließ?

Jhyun Park, aus Nordkorea geflohene Autorin
Jhyun Park, aus Nordkorea geflohene AutorinFoto: Mike Wolff

Nein. Etwa vom Jahr 1994 an gab es die große Hungersnot …
... bedingt durch den Zusammenbruch des Ostblocks, Misswirtschaft und Naturkatastrophen ...
… bei der insgesamt drei Millionen Menschen starben. Ich arbeitete damals als Mathematiklehrerin, und von Tag zu Tag kamen weniger Schüler. In meiner Familie hatten wir uns nie richtig satt essen können. Als ich klein war, gab es vor allem Mais und billigen Reis, selten mal Kimchi oder Fleisch. Nun wurden vom Staat nicht mal mehr Reisrationen ausgegeben. Morgens bin ich ans Meer, wo die Leute Tintenfische fangen – normalerweise isst man die Tinte nicht, aber etwas anderes konnte ich nicht bekommen. Alles brach auseinander. Meine Mutter verließ die Familie, mein Onkel verhungerte, und mein Vater wurde schwer krank. Keiner verdiente mehr Geld, deshalb musste ich nach China gehen.
Die meisten Flüchtlinge erreichen China auf dem Landweg. Sie auch?
Ja. Ich habe im Februar 1998 das erste Mal illegal den Grenzfluss Tumen überquert, der war in dieser Jahreszeit natürlich zugefroren. Ein Schleuser hat mir geholfen. In meinem Heimatort, einer Provinzhauptstadt im Nordosten, tummelten sich die Menschenhändler regelrecht. Besonders die Frauen, die oft nur im Haushalt arbeiteten und die deshalb weniger unter staatlicher Beobachtung standen, rissen nach China aus, um Geld heranzuschaffen. Meine ältere Schwester war schon im Jahr zuvor getürmt, und ich brach nun zusammen mit meinem Bruder auf.
Jang Jin-sung, einst in der nordkoreanischen Gegenspionage tätig, berichtet im Buch „Dear Leader“ von seiner Flucht – und davon, wie modern und fröhlich ihm China im Vergleich zu Nordkorea erschien. Ging es Ihnen genauso?
Ich habe schon bemerkt, dass die Menschen wohlhabender sind. Aber das hatte mit mir nichts zu tun. Ich wurde an einen Mann der koreanischen Minderheit in China verkauft, für 5000 Yuan.
Das entspricht etwa 700 Euro.
Ich ging die Ehe ein, weil der Schleuser versprach, dass dafür meinem Bruder nichts geschehen werde. Das Haus meines neuen Mannes stürzte langsam ein, ich musste auf dem Feld schuften. Er schlug und vergewaltigte mich. Zu allem Überfluss wurde ich schwanger. Man empfahl mir, das Kind abzutreiben, aber ich hatte meine ganze Familie verloren, deshalb empfand ich das Baby als Hoffnung. Ich habe meinen Sohn vom ersten Tag an geliebt.
Was passierte mit Ihrem Bruder?
Er wurde nach einem Jahr zurück nach Nordkorea verschleppt, was danach geschehen ist, habe ich nie erfahren. Etwa 200 000 Nordkoreaner leben derzeit in China – und sind dort immer in Gefahr, entdeckt und zurückgeschickt zu werden. Im Jahr 2004 hat auch mich jemand angezeigt. Die Chinesen bekommen dafür eine Belohnung: 500 Yuan pro Flüchtling, mehr als ein Monatsgehalt. Meinen Sohn musste ich in China lassen. Aufgegriffene Flüchtlinge werden als Volksverräter betrachtet. Deshalb kam ich in ein Arbeitslager. Die anderen Häftlinge und ich gruben im Wald oder auf den Hügeln Wurzeln aus. Schuhe durften wir dabei nicht tragen, es hieß, sonst würden wir wegrennen. Mein Leben glich dem eines Tieres.
Der 32-jährige Flüchtling Shin Dong-hyuk wurde angeblich im schlimmsten Lager Nordkoreas geboren. Ein deutscher Filmemacher hat über ihn die Doku „Camp 14“ gedreht, die viele Zuschauer tief bewegte. Doch Anfang des Jahres musste Shin Teile seiner Geschichte widerrufen.
Ich möchte nicht über ihn richten. Lange Zeit habe ich selbst nicht alles erzählt, weil ich Scham, ja Schuld empfand für das, was mir widerfahren ist. Seine Erfahrungen sind noch schlimmer als meine: Seine Mutter und sein Bruder wurden im Lager hingerichtet, weil er sie angezeigt hat.
Nordkoreas Gesellschaft fußt auf Lügen. Auch auf der Flucht muss man sich verstellen. Frau Park, woher wissen wir, dass Ihre Geschichte stimmt?
Ich will und muss nichts beweisen.

Für uns ist es fast unmöglich, nachzuprüfen, was Sie uns erzählen.
Ich vertrete keine politische Richtung, ich berichte einfach ehrlich, was ich erlebt habe. Mich zu erinnern, tut weh. Kürzlich habe ich an einem Film von „Amnesty International“ mitgewirkt, die Reaktionen darauf waren sehr positiv. Wenn ich merke, dass die Leute dank meiner Geschichte etwas über die Situation in Nordkorea erfahren, dann weiß ich, dass ich das Richtige tue. Weil Sie skeptisch sind, zeige ich Ihnen etwas. Schauen Sie, wenn ich meine Hose hochkremple …
An Ihrem Bein sieht man eine Narbe.
Im Lager habe ich mich verletzt und mit Tetanus infiziert. Zwischenzeitlich war das Bein nicht mehr durchblutet. Weil ich fast tot war, kam ich aus dem Lager raus. Zuerst bin ich wieder in meine Heimatstadt, aber dort fand ich keine Hilfe. Mein Vater lebte nicht mehr, und unter den Menschen gab es keine Wärme. Ich wäre auf der Straße gestorben, hätte ich nicht ein Militärkrankenhaus gefunden, wo man mich behandelte. Nach zwei Monaten ging es mir besser und ich flüchtete erneut nach China.

Jhyun Park, aus Nordkorea geflohene Autorin
Jhyun Park, aus Nordkorea geflohene AutorinFoto: Mike Wolff

Haben Sie Ihren Sohn wiedergefunden?
Ja, er sah erbärmlich aus, als hätte er sich nicht ein einziges Mal gewaschen. Er war nicht mal fünf Jahre alt und hatte doch betteln müssen, um zu überleben. Mittlerweile ist er 16. Erst vor ein paar Jahren fragte er mich: Mami, warum hast du mich damals in China zurückgelassen? Das hat mich schockiert. Irgendwie dachte er die ganze Zeit, ich hätte ihn damals verstoßen.
Wie schafften Sie es schließlich nach England?
Ich habe zuerst versucht, über die Mongolei nach Südkorea zu kommen, aber das hat nicht funktioniert. In China fand ich dann einen südkoreanischen Pastor. Er half, Kontakt zu Schleusern herzustellen. Es gibt viele Geistliche aus dem Süden, die sich um die Flüchtlinge kümmern. Mit gefälschten chinesischen Pässen flogen wir nach London.
Europa muss ein Kulturschock gewesen sein!
Anfangs nicht. Meine Gedanken kreisten nur darum, dass einer hinter mir her sein könnte und wir wieder nach Nordkorea geschickt würden. Deshalb verrate ich auch bis heute niemandem mein genaues Geburtsdatum. Ein Helfer brachte mich zum Liverpooler Büro des Innenministeriums. Ich sprach kein Englisch, alles, was ich sagen konnte, war „North Korea“. Meine Verletzungen wurden begutachtet, und ich musste Fragen beantworten. Nach zwei Monaten wurde uns Asyl gewährt, ich erhielt einen Ausweis. Ich habe so sehr geweint, es war eine große Erleichterung.
Wir haben gehört, dass Sie Ihren Mann auf der Flucht kennengelernt haben. Ist er Nordkoreaner?
Ja, wir sind uns in der Mongolei begegnet. Wir waren Teil einer Gemeinschaft von Nordkoreanern. Eines Tages wurde unsere Gruppe verfolgt. Mein kleiner Sohn und ich mit meinem Bein konnten nicht so schnell laufen, also blieben wir auf der Strecke. Mein Mann kam zurück, um uns zu suchen. Es war eine sehr gefährliche Situation für ihn. Die anderen Flüchtlinge haben wir nicht wiedergesehen, keine Ahnung, ob sie es je nach Südkorea geschafft haben, aber mein Mann und ich sind nie wieder auseinandergegangen. Für meinen Sohn und mich war er der Retter.
In Südkorea müssen Flüchtlinge aus dem Norden drei Monate in einer Einrichtung verbringen, die sie auf den neuen Alltag vorbereitet: Da lernen sie etwas über Demokratie oder Sozialversicherung und wie man mit einem Geldautomaten umgeht. Hätten Sie sich einen solchen Crashkurs auch gewünscht?
Ich habe so etwas nie vermisst. Sicher, an manches musste ich mich gewöhnen, etwa, dass sich Paare öffentlich küssen, so etwas macht man nicht in Korea. Bei allen praktischen Dingen habe ich die Leute beobachtet und es ihnen gleichgetan. Gott sei Dank gab es immer jemanden, der half. Ich erinnere mich, als wir einen Herd kaufen mussten, da gab es einen elektrischen und einen für Gas und unterschiedliche Preise in unterschiedlichen Läden – das hat mich überfordert.
Die ehemalige Chefin der südkoreanischen Aufnahmeeinrichtung erzählte mal, am schwierigsten sei es, die Ideologie aus den Köpfen der Nordkoreaner herauszubekommen.
Selbst als ich das erste Mal nach China geflohen war, habe ich noch an die Kim-Familie geglaubt. Obwohl mir viele Chinesen sagten, wie schlecht und brutal die Kims sind. Erst als ich nach Nordkorea zurückgebracht und dort eingesperrt wurde, hat sich mein Denken verändert.
Mittlerweile gibt es in Nordkorea nicht nur eine florierende Schattenwirtschaft, aus China kommen auch DVDs mit südkoreanischen Seifenopern ins Land. Bringt so etwas Veränderung?
Das ist sehr wichtig. Die Nordkoreaner leben in so einem erbärmlichen Zustand, weil ihre Gesellschaft verschlossen ist. Jede kleine Nachricht von außen wirbelt etwas in den Köpfen auf.
Wie sieht Ihr Alltag in Manchester aus?
Ich arbeite hauptberuflich für eine NGO, die sich für Menschenrechte in Nordkorea einsetzt. Mein Mann hat einen Teilzeitjob als Koch und kümmert sich viel um die Kinder. Zusammen haben wir eine fünfjährige Tochter und einen achtjährigen Sohn. Wenn die sich über Kleinigkeiten beschweren oder ihr Essen nicht mögen, gebe ich ihnen zu verstehen, dass sie dankbar sein sollten. Sonst habe ich ihnen nichts erzählt, ich möchte meine seelischen Narben nicht weitergeben. Einmal sagte ich zu meinem Ältesten: Wenn die zwei erwachsen sind, kannst du ihnen alles berichten – ich kann es nicht.
Möchten Sie eines Tages nach Nordkorea zurückkehren?
Wenn sich die Nordkoreaner ihrer Situation bewusst geworden sind, wenn sie sich vielleicht sogar erheben gegen die Machthaber, dann werde ich ganz sicher zurückgehen und sie unterstützen. Ich wünsche mir so sehr, dass sich das Land verändert; dafür zu arbeiten ist meine Berufung. Sie als Deutsche können dabei helfen. Weil Ihr Land auch eine Geschichte der Teilung hat, horcht die Welt auf, wenn Sie etwas über Korea sagen.
Dass Sie heute als freier Mensch hier sitzen können, betrachten Sie das eigentlich als Wunder?
Nein, ein Wunder war es nicht. Sondern ein Kampf. Aber ich habe es geschafft. Wenn mein Sohn mir heute berichtet, was er am Tag erlebt und getan hat, Alltäglichkeiten also, dann denke ich oft: So glücklich wie jetzt war ich nie zuvor.