"Warum hast du mich zurückgelassen?"

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Menschenrechtlerin Jihyun Park aus Nordkorea : „Mein Leben glich dem eines Tieres“
Jhyun Park, aus Nordkorea geflohene Autorin
Jhyun Park, aus Nordkorea geflohene AutorinFoto: Mike Wolff

Haben Sie Ihren Sohn wiedergefunden?
Ja, er sah erbärmlich aus, als hätte er sich nicht ein einziges Mal gewaschen. Er war nicht mal fünf Jahre alt und hatte doch betteln müssen, um zu überleben. Mittlerweile ist er 16. Erst vor ein paar Jahren fragte er mich: Mami, warum hast du mich damals in China zurückgelassen? Das hat mich schockiert. Irgendwie dachte er die ganze Zeit, ich hätte ihn damals verstoßen.
Wie schafften Sie es schließlich nach England?
Ich habe zuerst versucht, über die Mongolei nach Südkorea zu kommen, aber das hat nicht funktioniert. In China fand ich dann einen südkoreanischen Pastor. Er half, Kontakt zu Schleusern herzustellen. Es gibt viele Geistliche aus dem Süden, die sich um die Flüchtlinge kümmern. Mit gefälschten chinesischen Pässen flogen wir nach London.
Europa muss ein Kulturschock gewesen sein!
Anfangs nicht. Meine Gedanken kreisten nur darum, dass einer hinter mir her sein könnte und wir wieder nach Nordkorea geschickt würden. Deshalb verrate ich auch bis heute niemandem mein genaues Geburtsdatum. Ein Helfer brachte mich zum Liverpooler Büro des Innenministeriums. Ich sprach kein Englisch, alles, was ich sagen konnte, war „North Korea“. Meine Verletzungen wurden begutachtet, und ich musste Fragen beantworten. Nach zwei Monaten wurde uns Asyl gewährt, ich erhielt einen Ausweis. Ich habe so sehr geweint, es war eine große Erleichterung.
Wir haben gehört, dass Sie Ihren Mann auf der Flucht kennengelernt haben. Ist er Nordkoreaner?
Ja, wir sind uns in der Mongolei begegnet. Wir waren Teil einer Gemeinschaft von Nordkoreanern. Eines Tages wurde unsere Gruppe verfolgt. Mein kleiner Sohn und ich mit meinem Bein konnten nicht so schnell laufen, also blieben wir auf der Strecke. Mein Mann kam zurück, um uns zu suchen. Es war eine sehr gefährliche Situation für ihn. Die anderen Flüchtlinge haben wir nicht wiedergesehen, keine Ahnung, ob sie es je nach Südkorea geschafft haben, aber mein Mann und ich sind nie wieder auseinandergegangen. Für meinen Sohn und mich war er der Retter.
In Südkorea müssen Flüchtlinge aus dem Norden drei Monate in einer Einrichtung verbringen, die sie auf den neuen Alltag vorbereitet: Da lernen sie etwas über Demokratie oder Sozialversicherung und wie man mit einem Geldautomaten umgeht. Hätten Sie sich einen solchen Crashkurs auch gewünscht?
Ich habe so etwas nie vermisst. Sicher, an manches musste ich mich gewöhnen, etwa, dass sich Paare öffentlich küssen, so etwas macht man nicht in Korea. Bei allen praktischen Dingen habe ich die Leute beobachtet und es ihnen gleichgetan. Gott sei Dank gab es immer jemanden, der half. Ich erinnere mich, als wir einen Herd kaufen mussten, da gab es einen elektrischen und einen für Gas und unterschiedliche Preise in unterschiedlichen Läden – das hat mich überfordert.
Die ehemalige Chefin der südkoreanischen Aufnahmeeinrichtung erzählte mal, am schwierigsten sei es, die Ideologie aus den Köpfen der Nordkoreaner herauszubekommen.
Selbst als ich das erste Mal nach China geflohen war, habe ich noch an die Kim-Familie geglaubt. Obwohl mir viele Chinesen sagten, wie schlecht und brutal die Kims sind. Erst als ich nach Nordkorea zurückgebracht und dort eingesperrt wurde, hat sich mein Denken verändert.
Mittlerweile gibt es in Nordkorea nicht nur eine florierende Schattenwirtschaft, aus China kommen auch DVDs mit südkoreanischen Seifenopern ins Land. Bringt so etwas Veränderung?
Das ist sehr wichtig. Die Nordkoreaner leben in so einem erbärmlichen Zustand, weil ihre Gesellschaft verschlossen ist. Jede kleine Nachricht von außen wirbelt etwas in den Köpfen auf.
Wie sieht Ihr Alltag in Manchester aus?
Ich arbeite hauptberuflich für eine NGO, die sich für Menschenrechte in Nordkorea einsetzt. Mein Mann hat einen Teilzeitjob als Koch und kümmert sich viel um die Kinder. Zusammen haben wir eine fünfjährige Tochter und einen achtjährigen Sohn. Wenn die sich über Kleinigkeiten beschweren oder ihr Essen nicht mögen, gebe ich ihnen zu verstehen, dass sie dankbar sein sollten. Sonst habe ich ihnen nichts erzählt, ich möchte meine seelischen Narben nicht weitergeben. Einmal sagte ich zu meinem Ältesten: Wenn die zwei erwachsen sind, kannst du ihnen alles berichten – ich kann es nicht.
Möchten Sie eines Tages nach Nordkorea zurückkehren?
Wenn sich die Nordkoreaner ihrer Situation bewusst geworden sind, wenn sie sich vielleicht sogar erheben gegen die Machthaber, dann werde ich ganz sicher zurückgehen und sie unterstützen. Ich wünsche mir so sehr, dass sich das Land verändert; dafür zu arbeiten ist meine Berufung. Sie als Deutsche können dabei helfen. Weil Ihr Land auch eine Geschichte der Teilung hat, horcht die Welt auf, wenn Sie etwas über Korea sagen.
Dass Sie heute als freier Mensch hier sitzen können, betrachten Sie das eigentlich als Wunder?
Nein, ein Wunder war es nicht. Sondern ein Kampf. Aber ich habe es geschafft. Wenn mein Sohn mir heute berichtet, was er am Tag erlebt und getan hat, Alltäglichkeiten also, dann denke ich oft: So glücklich wie jetzt war ich nie zuvor.