Midlife Crisis : Bloß nicht in den Baumarkt!

Warum sich Männer plötzlich aus dem Flugzeug stürzen. In einem neuen Buch widmet sich unser Autor der Generation über 50.

"Wir verzogen die Gesichter": Der freie Fall ist schneller als man denkt
"Wir verzogen die Gesichter": Der freie Fall ist schneller als man denktFoto: GMS

Man springt bei hundert Stundenkilometern nicht einfach aus einem Flugzeug.“ Natürlich nicht, wollte ich einwenden. Nichts liegt mir ferner. Doch unser Einweiser meinte es vollkommen ernst. Tempo hundert mag nicht besonders schnell klingen. Aber angenommen, wir würden bei Tempo hundert auf der Autobahn das Fenster öffnen und die Hand raushalten, dann würden wir ja sehen, was da los sei.

Damit begann unsere erste Lektion: lernen, wie wir richtig rauskommen. Eine Übung, bei der ich, der Ahnungslose, wie ein Sandwich mit meinem Partner, dem Erfahrenen, fest verbunden durch den schmalen Rumpf nach vorn robben sollte. An der geöffneten Tür sollten wir mit dem Fuß das Trittbrett auf dem Fahrwerk ertasten und uns von dort aus dann gemeinsam in die Tiefe stürzen. Ich schaute auf das kleine Flugzeug, richtete den Blick nach oben, in den nahezu wolkenlosen Himmel. Du liebe Zeit, bin ich James Bond, dass ich in dreitausend Metern Höhe unter einer Tragfläche herumturne? Ich schaute Frank an, der mir das alles eingebrockt hatte, und dachte: Niemals.

Wir ziehen das durch

„Tut mir leid“, sagte der Einweiser. „Sonst nehmen wir die Maschine mit dem Heckausstieg. Da ist es einfacher. Aber heute haben wir die leider nicht. Ihr könnt die Sache auch verschieben, ich weiß nur nicht, wann wieder Termine frei sind.“ Verschieben, das klang gut. Ich guckte Frank aufmunternd an. Der spitzte kurz die Lippen und sprach in seinem eigentlich gar nicht echten Hamburgischen Tonfall, den er aber immer anschlägt, wenn er besonders lässig rüberkommen will: „Nee, lass mal, jetzt sind wir hier und ziehen das durch.“

[Dies ist ein gekürzter Vorabdruck aus Andreas Austilats Roman „Auch das geht vorbei!“, der am 20. Januar erschien (Goldmann, 285 Seiten, 10 Euro)]

Der Einweiser, er hieß Robert, aber alle nannten ihn Bob, war mit Franks Entscheidung zufrieden. „Das ist es, was ich meine, wenn ich sage, Fallschirmspringen fördert die Entschlusskraft. Jetzt spürt ihr es selbst.“ Bob klang wie ein Managertrainer, aber der Spruch war gut, den musste ich mir merken.

Natürlich hatte ich meine Frau in unseren Plan eingeweiht. Und ebenso natürlich hatte sie zuerst Bedenken, willigte dann aber doch ein. „Ich find’s gut“, sagte sie, „wenn ihr was zusammen macht. Und dass du so mutig bist, find’ ich auch gut.“

Die Komplimente wurden seltener

„Echt?“ Ich war ein wenig überrascht. Wenn mir etwas in unserer Ehe fehlte, dann dass Daniela mir ab und an mal Komplimente machte. Da war sie über die Jahre ziemlich sparsam geworden. Ich allerdings auch. „Ich finde …“, leider fiel mir nicht ein, wie mein Satz weitergehen sollte.

„Wer weiß“, unterbrach sie mich, „vielleicht ist es ja das, was Frank braucht. Er ist dein Freund, mach mit, wenn du es auch willst.“

Von wollen konnte keine Rede sein, aber wie sollte ich aus dieser Nummer wieder rauskommen, ohne fortan als Weichei zu gelten? Als meine Frau und ich ganz frisch zusammen waren, sind wir mal gemeinsam zum Segelfliegen gegangen, nur so, uns war gewissermaßen so hochfliegend zumute. Das Fliegen selbst entsprach zwar nicht ganz meinen Erwartungen, ich hatte es mir irgendwie ruhiger vorgestellt, stattdessen rappelte die Kiste, als ob sie gleich auseinanderfallen würde. Aber ein Erlebnis war es trotzdem.

„Willst du nicht mitkommen“, fragte ich, „wie damals?“ Ich weiß noch, wie wir uns in den Arm genommen hatten, nachdem sie aus dem Flugzeug gestiegen war, wie leicht wir uns gefühlt hatten.

Will sie mich loswerden?

„Nein“, sagte sie, „das ist jetzt euer Ding.“

Wir sagten beide nichts mehr, ich hörte den Eisschrank blubbern, dann fummelte ich ein wenig ungeschickt in ihrem Gesicht rum, um eine schwarze Haarsträhne wegzustreichen. Sie wich mit dem Kopf zurück. Für einen ganz kurzen Moment kam mir der lächerliche Gedanke, ob sie mich vielleicht loswerden wollte.

Es hätte auch sehr viel nähere Alternativen gegeben als diesen Flugplatz hier. Aber Frank kannte Bob, unseren Einweiser. Vielleicht gewährten sie ihm auch einen Rabatt. Und so nahm das Schicksal seinen Lauf. „Ein Unfall ist praktisch ausgeschlossen“, erklärte uns Bob. Der Fallschirm sei ein ganz simples mechanisches Gerät, setzte er seinen Vortrag fort, der physikalischen Gesetzen folgend aus seiner Hülle gerissen wird, sobald man ihn freilässt. Komme es doch einmal zu einem der seltenen Unfälle, dann handele es sich eigentlich immer um menschliches Versagen. Keine Frage, Bob wollte uns beruhigen.

Acht Sekunden bis zum Aufprall

Ich wollte ihn ein wenig provozieren: „Das mit dem menschlichen Versagen interessiert mich. Woran denkst du da?“ „Panik“, antwortete er, „angenommen, es sollte wirklich mal etwas nicht klappen, ist da immer noch die Reserve. Aber es ist schon vorgekommen, dass die Leute in ihrer Panik diese letzte Reißleine gar nicht ziehen.“ Er zeigte uns einen sehr großen Ring, der eigentlich nicht zu übersehen war. „Na, und nach hinten raus wird die Zeit dann knapp. Bei vierhundert Metern sind es nur noch acht Sekunden bis zum Aufprall.“

Wir verzogen die Gesichter. Aufprall, hässliches Wort. Ich guckte Chris an, meinen Sprungpartner, der mit mir über vier Karabinerhaken an Schulter und Hüfte verbunden sein würde. Chris würde nach fünfunddreißig Sekunden die Reißleine ziehen, ungefähr so lange sollten wir die ersten tausendfünfhundert Meter unterwegs sein. Anschließend begann der geruhsame Teil, in ein paar Minuten würden wir dann ganz gemütlich zu Boden gondeln. „Schon mal in Panik geraten?“, fragte ich ihn. Chris sagte nichts, befestigte stattdessen einen kleinen Höhenmesser auf meiner Brust.

Bin ich etwa alt? Warum Männer plötzlich aus dem Flugzeug springen
Bin ich etwa alt? Warum Männer plötzlich aus dem Flugzeug springenFoto: Imago/Metodi Popow

Und dann war es so weit, wir starteten. Das Flugzeug hatte innen nicht viel mit den Maschinen zu tun, mit denen ich bisher geflogen war. Ich meine, fliegen, das sind doch kleine Mahlzeiten mit Plastikbesteck und das freundliche Lächeln einer Stewardess, die vorführt, wie man eine Schwimmweste anlegt. Jetzt kauerten wir auf dem Boden eines einmotorigen Hochdeckers, in dem es nur vorne zwei Sitze gab. Vor meiner Brust schraubte sich der Zeiger meines Höhenmessers langsam Richtung dreitausend Meter. Ich versuchte, Sichtkontakt mit Frank aufzunehmen, aber der guckte aus dem Fenster und tat so, als ob er die Landschaft genießen würde. Ich hingegen konnte meinen Blick nicht von dem Höhenmesser lösen. Gleich würde es so weit sein.

Der Wind fauchte hinein

Die Tür ging auf. Der Wind fauchte wie ein Orkan hinein. Es wurde schneidend kalt, aber vielleicht kam mir das nur so vor, weil sich bei mir gerade allerhand zusammenzog. Leider war der Overall, den man mir zur Verfügung gestellt hatte, ein wenig eng. Ich hatte Mühe, auf meinen Knien nach vorn zu robben, weil das Ding überall kniff.

„Rechtes Bein aufs Trittbrett, linke Hand an die Strebe“, kommandierte Chris hinter mir. Ich zögerte. „Wie lange soll ich denn hier noch mit offener Tür rumfliegen“, moserte der Pilot. Keine Frage, nun war der Zeitpunkt wirklich vorbei, an dem ich dieses ganze Unternehmen noch hätte stoppen können.

Stück für Stück schob ich die Hand Richtung Ziel, bis wir schließlich beide unter der Tragfläche kauerten. Bob hatte recht, am Boden ist das viel schwieriger, weil man dort nicht genug Platz hat, um aufrecht stehen zu können. Jetzt hatten wir nach unten jede Menge Platz.

„Loslassen“, befahl Chris.

Meine Hand war wie festgeklebt

Meine Hand hing wie festgeklebt an der Strebe, ich musste mich richtig zwingen, die Finger zu lösen. Aber im gleichen Moment flogen wir schon weg, mit dem Rücken nach unten, die Augen zum Himmel. Totale Fassungslosigkeit. Ins Bodenlose zu fallen, davon hatte ich mal geträumt. Aber wirklich zu fallen …

Ich war tatsächlich ausgestiegen. Normalerweise neige ich ja auf Türmen oder am Rand von Abhängen zu Höhenangst. Die war jetzt im Wortsinn wie weggeblasen. Die Erde war noch so fern, dass gar keine Schwindelgefühle aufkommen konnten. Dafür konnte von Fliegen keine Rede sein. In dem Motivationsvideo, das wir uns vorher angeguckt hatten, sah das so schwerelos aus. Jetzt zerrte der Wind an meinem Overall, presste mir die Brille ins Gesicht. Die Nadel des Höhenmessers vor meiner Brust raste wie toll. Wir erreichten mehr als zweihundertfünfzig Stundenkilometer, erfuhr ich später, das ist wie Motorradfahren ohne Motorrad, nur schneller.

Für einen Moment schienen wir zu stehen

Ein Bremsschirm verzögerte unseren rasenden Sturz, erst jetzt spürte ich Arme und Beine, erst jetzt fiel ich nicht mehr, ich flog. Als Chris den Hauptschirm auslöste, traf mich der Ruck im ganzen Körper. Über uns entfaltete sich der helle Gleitschirm. Für einen Moment schienen wir zu stehen, doch tatsächlich schwebten wir über der spielzeugkleinen Landschaft. Das hätte sogar sehr schön sein können, wenn mich der Gurt nicht derart heftig im Schritt gequetscht hätte. Aber den zu richten, ging jetzt schlecht. Stattdessen konzentrierte ich mich auf eine Baumgruppe, die unter uns emporwuchs.

Ich konnte sogar schon einzelne Äste sehen, die steil in meine Richtung ragten. Trieben wir nicht geradewegs darauf zu? Chris forderte mich auf, am rechten Seil zu ziehen, prompt flogen wir eine Rechtskurve. Ich zog mal hier und mal da, wir drehten uns und pendelten ein wenig hin und her. Am Boden lief schon das Empfangskomitee zusammen. Der Höhenmesser fiel auf null, beinahe sanft setzten wir auf.

Frank schlug mir auf die Schulter, Bob auch. Jemand drückte mir einen Fragebogen in die Hand. Wie war es? Faszinierend, sehr schön, lohnend, furchtbar? Keine Ahnung, die letzten sechs Minuten waren über mein bisheriges Vorstellungsvermögen hinausgegangen. Ich drehte mich zur Seite, überprüfte, ob in meinem gequetschten Schritt noch alles in Ordnung war. War es.

„Und?“, wollte Frank jetzt wissen.

„Irre“, sagte ich.

Zehn Jahre jünger

„Du musst zugeben, da fühlt man sich doch gleich zehn Jahre jünger“, behauptete Frank sichtlich euphorisiert. Wollte von mir wissen, ob wir das jetzt öfters machen.

„Mal sehen“, antwortete ich etwas vage. Mag ja sein, dass Fallschirmspringen die Entschlussfreudigkeit antreibt, aber ich war mir nicht sicher, wie oft ich die Kraft dazu aufbringen würde. Und dann fiel mir etwas ein. „Frank“, sagte ich, „ich bin mit dir gesprungen, wie geht es nun weiter?“

"Auch das geht vorbei" von Andreas Austilat, erschienen im Goldmann Verlag
"Auch das geht vorbei" von Andreas Austilat, erschienen im Goldmann VerlagFoto: Promo

Er druckste rum. „Nimm es mir bitte nicht übel, wenn du alleine nach Berlin zurückmusst, aber ich komme nicht mit. Ich habe mich für den Rest des Wochenendes anderweitig verabredet.“

„Mit Karen?“, wollte ich wissen. Er nickte. Ganz offensichtlich wollte er ausnutzen, dass er sich gerade zehn Jahre jünger fühlte. Und ich? Wo sollte ich jetzt hin mit all dem Adrenalin?

„Was tust du denn da?“ Meine Frau mag es nicht, wenn ich schon morgens mit meinem Handy spiele, wie sie das nennt. Vor allem nicht, wenn wir noch im Bett liegen. Das sei wie Süßigkeiten vor dem Frühstück, meint sie. Ich war mir zwar keiner Schuld bewusst, fühlte mich dennoch ertappt. Früher hätte ich vielleicht sie angeschaut. Jetzt guckte ich stattdessen mich an, zumindest ein Foto von mir auf dem Display. „Bob hat mir ein paar Bilder geschickt“, antwortete ich.

Voller Adrenalin im Baumarkt

Ich hatte gar nicht bemerkt, dass er uns während des Sprungs fotografiert hatte. Na ja, ich war auch ein wenig abgelenkt gewesen, wie wir da so in die Tiefe stürzten. „Sieht cool aus“, ich hielt ihr das Handy vors Gesicht. Sie schaute nur kurz, sagte dann: „Wenn du schon mal wach bist, können wir auch aufstehen. Ich habe heute viel vor mit dir.“

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Das hätte ein Versprechen sein können. Ich fand aber, es klang wie eine Drohung. Ich dachte an Frank, sein Geständnis, dass ihm mit Connie die Zärtlichkeit gefehlt habe, die Zärtlichkeit, die er glaubte, nun anderweitig gefunden zu haben. Ich schob meine Hand rüber zu meiner Frau. Sie richtete sich auf, sagte: „Der Fliesenmarkt hat heute Sonntagsöffnung, lass uns jetzt dort hin.“