Millionen für Notre-Dame : Wenn Reichtum provoziert

Können Reiche zu viel und zu schnell spenden? Es regt sich verbreitetes Unbehagen mit den Millionengaben der Superreichen für Notre-Dame. Eine Entgegnung.

Mathias Müller von Blumencron
Blick auf Notre-Dame
Blick auf Notre-DameFoto: AFP/Stephane de Sakutin

Eine merkwürdige Diskussion ist in Gang gekommen, eine Diskussion um die Spender für die Notre-Dame. Um es genauer zu nehmen, um die reichen Spender, die innerhalb von Stunden Millionenbeträge für den Wiederaufbau zusagten. Die Arnaults, Pinaults, Bettencourts, die unfassbar vermögenden Spitzen des französischen Geldadels. „Reiche Mistkerle“ seien das, empörte sich ein Gast im französischen Frühstücksfernsehen. Sie würden sich in die Aufgaben des Staates einmischen und nach Gutsherrenart gesellschaftliche Entscheidungen treffen, ohne dafür legitimiert zu sein.

Können Reiche zu viel spenden? Zu schnell spenden? Oder gar durch ihre Geste die Gemeinschaft eines Symbols berauben? Viele Franzosen sind jedenfalls irritiert, ein Gefühl, das sich auch diesseits des Rheins verbreitet. Ist es gerechtfertigt?

Es ist jedenfalls eine irrationale Aufwallung, eine widersprüchliche, aber so ist es nun mal mit Unbehagen oder Empörung, den leisen Schwestern der Wut. Es sind Emotionen jenseits der Ratio - so auch in diesem Fall. Die Alternative wäre ja, dass der Staat den Aufbau des Monuments mit Steuergeldern finanziert, zum Nachteil aller. Das Geld würde dann für Sozialprogramme fehlen, für den Straßenbau, für neue Wohnungen, für Steuersenkungen. Die Reichen würden ihr Geld behalten, es in ihre Besitztümer stecken oder in ihre Firmen - und damit noch reicher werden.

Notre-Dame als Monument der Eliten?

Was kommt hier zum Ausdruck? Es reibt sich die Gesellschaft am Umgang mit Reichtum, ökonomischer Macht, den Mechanismen des Kapitalismus, der Basis ihres eigenen Wohlstands. Was hinter dem Unbehagen steht, ist die Empörung über eine Ordnung, die für viele aus den Fugen geratenen ist. In der Reiche und Superreiche innerhalb kürzester Zeit Summen aufbringen können, die für den Normalbürger unvorstellbar sind. 

Nun tun sie dies in ihren Unternehmen ständig in Form von Investitionsentscheidungen - etwa für neue Werke oder um andere Firmen aufzukaufen. Wirtschaftsentscheidungen waren noch nie demokratisch legitimiert. Aber gilt das auch für Großspenden mit gesellschaftlichem Bezug?

Dürfen Menschen überhaupt so reich sein, dass sie mit einem Mausklick Fragen des Gemeinwohls beeinflussen können? Hätte man ihnen nicht viel früher den exzessiven Besitz wegbesteuern müssen - damit der Staat mit dem abgeschöpften Vermögen im vermeintlichen Namen aller agieren kann? Nun wollen die Superreichen Frankreichs auch noch Besitz ergreifen von einem zentralen Symbol des Landes, das nicht einigen wenigen, sondern allen gehören sollte. Notre-Dame könnte als ein Monument der Eliten wieder auferstehen - eine Privatisierung der Seele Frankreichs sozusagen. Ein Zeichen, das sich viele Franzosen gerade in diesen Tagen nicht wünschen.

Auch in Deutschland ist es herrschende Meinung, dass für die Dinge des Gemeinwohls primär der Staat zuständig sein sollte: Für die Wasserversorgung, die Energienetze, zunehmend auch das Wohnen (dabei völlig außer acht lassend, das zu den schlimmere Skandalen dieser Republik jene aus dem gemeinnützigen Wohnungsbau gehörten). Und natürlich für Kultur und gesellschaftliche Symbolik.

Eigentum verpflichtet

Auf der anderen Seite wird die deutsche Gesellschaft nicht müde, den verantwortungsvollen Kapitalisten zu fordern. Und die gibt es, trotz der Bankenschwindel, Bilanzbetrug, Dieselsabzocke. Der privaten Initiative hat die Gemeinschaft Institutionen zu verdanken, die der Staat sich nicht hätte leisten können, auf die er auch gar nicht gekommen wäre. Spenden, und gerade in großen Summen, sind ein Zeichen gelebter Verantwortung. Aber sie bedeuten eben auch Gestaltung des öffentlichen Raums. Maßgebliche Institutionen der Kultur wären nicht in Gang gekommen, ohne die Initiative von Reichen. Nur ein paar Beispiele von vielen: Das Museum Ludwig in Köln, das Museum Barberini sowie das Hasso-Plattner-Institut in Potsdam oder die zahlreichen Gemäldesammlungen in den Kunsthallen der Republik.

Die Gesellschaft muss sich entscheiden: Will sie Kapitalismus, muss sie auch Reichtum zulassen. Will sie Verantwortung der Wirtschafts-Eliten, muss sie auch deren Einmischung zulassen. Es gibt nichts wünschenswerteres, als dass die mit Fortune zu Reichtum Gekommenen ihr Vermögen an die Gesellschaft zurückgeben, wie es etwa die Amerikaner Bill Gates oder Warren Buffett angekündigt haben, die nahezu alle ihre Milliarden für das Gemeinwohl einsetzen wollen.

Es gibt also eine andere Symbolik, welche die Kritik gern übersieht: Die Großspender setzen Signale, dass es wichtigere Dinge gibt als reinen Kommerz. Ein richtiges Signal, aber auch ein Signal, an dem die reichsten Familien des Landes gemessen werden sollten. Dass ihr Eigentum und ihr Reichtum jenseits von Steuerzahlungen vor allem eines tut: Verpflichtet.

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