Mode-Metropole Dakar : Afrikas letzter Schrei

Senegals Hauptstadt Dakar ist das Modezentrum des Kontinents. Sogar Präsidenten anderer Länder und ihre Gattinnen kleiden sich hier ein. Die Design-Stars sind Frauen, an den Nähmaschinen sitzen Männer.

Die Stadt als Laufsteg. Eine Straßenszene während der „Dakar Fashion Week“, der wichtigsten Modenschau Afrikas.
Die Stadt als Laufsteg. Eine Straßenszene während der „Dakar Fashion Week“, der wichtigsten Modenschau Afrikas.Foto: SHOBHA/CONTRASTO/laif

Im Morgengrauen ist Saliou Fall neben der Nähmaschine eingeschlafen. Ein zitronengelbes bodenlanges Kleid lag neben ihm auf dem Tischchen, das Stück Stoff, das er gerade bearbeitet hatte, war auf seinen Schoß gerutscht, die Nadel der Maschine stach ins Leere und ließ das Tischchen gleichmäßig vibrieren. Als seine Frau die Nähmaschine um sieben Uhr morgens nach dem Aufstehen abschaltete, schreckte Fall hoch, sprang auf, holte einen kleinen Teppich, betete darauf und machte sich gleich wieder an die Arbeit.

In den vergangenen zwei Wochen hat Saliou Fall keinen Tag länger als drei Stunden geschlafen, Tag und Nacht saß der Schneider vor der Nähmaschine. Fall hat gerade so viel zu tun, weil in zwei Tagen einer der wichtigsten muslimischen Feiertage ansteht.

Wie an jedem großen Feiertag verwandeln sich die Straßen von Dakar dann in einen riesigen Laufsteg. Die Frauen, auch die Ärmsten, tragen auf dem Weg zur Moschee neue Kleider, entworfen vom Schneider ihrer Wahl. Dann glitzern Perlen und Strass am Ausschnitt, Ärmel wölben sich handbreithoch über Schultern, Kragen ragen wie Heiligenscheine über den Köpfen ihrer Trägerinnen.

Für Saliou Fall und die anderen Schneider sind diese Tage die wichtigsten des Jahres. Nicht so sehr, weil sie dann am meisten Geld verdienen. Sondern vor allem, weil sie ihre Entwürfe zeigen und die der Konkurrenten beäugen können: Die Schneider stellen sich frühmorgens an den Straßenrand, betrachten die Kleider der Frauen und prüfen, „ist das origineller oder moderner als meins?“, bei jedem außergewöhnlichen Entwurf fragen sie sich, „wird das der neue Trend?“

Schon an normalen Tagen fühlt man sich als Europäerin in Dakar schlecht angezogen. Die Senegalesinnen tragen Kleider, die ihnen auf den Leib geschneidert sind, das Muster des Rocks passt perfekt zur Bluse. Die Stoffe ihrer Kleider kommen meist aus Burkina Faso, Mali oder Ghana, die Schnitte aber sind so gut wie immer aus dem Senegal.

Dakar gilt als Modehauptstadt Afrikas. Hier zeigen einmal im Jahr die 30 bekanntesten afrikanischen Designer ihre Kreationen, bei der „Dakar Fashion Week“, der ersten und wichtigsten Modenschau des Kontinents. Die afrikanischen Premières Dames und auch ein paar Präsidenten reisen in die Stadt, um sich neu einzukleiden – bei Designerinnen wie Oumou Sy, Diouma Dieng Diakhaté und Colle Ardo Sow. Die drei Frauen haben ihre Entwürfe auch schon in Paris gezeigt.

In Dakar erscheinen die wichtigsten afrikanischen Modezeitschriften, etwa „Afrik Fashion“. Der bis 2012 amtierende Präsident Abdoulaye Wade unterstützte die Modebranche ganz offiziell, er ließ einen Showroom errichten, direkt neben der Universität. Und Dakar ist wahrscheinlich jene afrikanische Stadt, wo man am meisten Schneider trifft, die sich als Designer bezeichnen. Auch Saliou Fall nennt sich selbst nur „styliste“.

Eines der Modezentren von Dakar ist das Viertel Médina, dort, wo Fall kurz vor dem großen Feiertag über seiner Nähmaschine eingeschlafen ist. Auf den ersten Blick kaum zu glauben, dass hier die afrikanische Avantgarde handwerken soll. Der Stadtteil liegt zwar im Zentrum Dakars, sieht aber aus wie ein nicht enden wollender Vorort. Die Mehrfamilienhäuser sind schmutzig weiß, die Straßen staubig. Hähne krähen, Schafe blöken, und man hört die Tiere nicht nur, man riecht sie auch. Fliegende Händler bieten Gemüse, Gasflaschen und Unterwäsche feil, auf Holzkarren, die sie mit der Hand ziehen oder von Eseln ziehen lassen.

Saliou Falls Werkstatt liegt im Innenhof eines betongrauen Wohnhauses, die Ausstattung: Tischchen und Nähmaschine, Stuhl. Wände gibt es keine. Fünf Jungs spielen jetzt, am frühen Vormittag, zwei Meter von Fall entfernt Fußball, kreischen und wirbeln feinen Sand vom Boden durch die Luft.

Der Schneider-Designer lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Gerade arbeitet er an seinem Meisterstück für den anstehenden Feiertag: ein eng geschnittener, bodenlanger, unten ausgestellter Rock aus rot-weißem Satinstoff, dazu eine taillierte Bluse mit Puffärmelchen aus demselben rot-weißen Stoff mit glitzernden Steinen am Dekolleté. Extrem taillierte Schnitte sind gerade der letzte Schrei in Dakar.

Seit vier Jahren arbeitet Fall selbstständig. Davor war der 35-Jährige bei einer Designerin angestellt. Von sieben Uhr morgens bis sechs Uhr abends verwandelte er die Entwürfe seiner Chefin in Kleider, für die sie zwischen 200 und 400 Euro bekam, und träumte von der Selbstständigkeit. Im Senegal sind die meisten erfolgreichen Designer Frauen und die meisten Schneider Männer.

Fünf Jahre machte Fall den Job, so lange dauerte es, bis er genug Geld gespart hatte, um sich die zwei gebrauchten Singer-Nähmaschinen – eine fürs Nähen, eine fürs Sticken – kaufen zu können, die er brauchte, um selbst ins Designgeschäft einzusteigen. Sie kosteten jeweils 150 Euro. Für ein Kleid verlangt er heute zwischen zehn und 20 Euro, mehr können die Bewohner von La Médina nicht zahlen. Im Monat entwirft er etwa zehn Kleider, seine kleine Familie kann er damit gerade so ernähren. Fall träumt jetzt davon, eine Boutique in der Innenstadt zu eröffnen, wo die Kundinnen deutlich mehr für einen Entwurf bezahlen.

So lange er sich erinnern kann, wollte Saliou Fall Frauen einkleiden. Sein großer Bruder war Schneider, der brachte ihm das Nähen bei und nahm ihn an den Feiertagen mit, die neuesten Modelle zu begutachten. Den kleinen Saliou Fall faszinierten Glitzer und Schimmer – und die Entwürfe der Designerin Oumou Sy, die Frauen meterhohe Federn auf die Schultern steckt, ihnen schallplattengroße Strohkreisel um Ellbogen und Handgelenke bindet und sie in regenbogenfarbene Chiffongewänder hüllt.

Die 61-jährige Sy hat viel damit zu tun, dass Dakar als afrikanische Modehauptstadt gilt. Anfang der 90er Jahre gründete sie die Modeschule Les Ateliers Leydi, wo bis heute der Designernachwuchs der Stadtausgebildet wird. 1997 rief sie die „Semaine Internationale de la Mode de Dakar“ ins Leben, ein Vorläufer der Fashion Week.

Oumou Sy wuchs als eines von 17 Kindern auf dem Land auf, ohne Vater, in die Schule ist sie nie gegangen. Mit fünf begann sie, Stoffreste zu Kleidern zu nähen, mit 13 eröffnete sie ein Atelier in Saint Louis, im Norden von Senegal, mit 20 hatte sie einen Laden in Dakar. Sys Entwürfe sind bei Schauen in Paris zu sehen, dort und in Genf besitzt sie Geschäfte, und sie kleidet sogar Stars wie den Sänger Youssou N’Dour ein. Für ihre Filmkostüme wurde sie mehrfach ausgezeichnet.

Diouma Dieng Diakhaté, die zweite große senegalesische Designerin hat einen ähnlichen Aufstieg hingelegt. Mit 33 schneiderte sie noch in ihrer Garage. Heute, mit 65, ist sie die Lieblingsdesignerin der afrikanischen Politikelite – und seit der Wahl im vergangenen Jahr selbst Politikerin: Der neue Präsident ernannte sie zur Sonderbotschafterin.

Diakhatés Atelier liegt am Boulevard du Général de Gaulle, einer breiten Straße im Stadtzentrum mit Bürgersteigen und großen Bäumen. Dort wird seit 1959 der Jahrestag der Unabhängigkeit gefeiert. In einem zweistöckigen, verglasten Gebäude sind Diakhatés Kreationen ausgestellt. Die Desigerin hat eine Vorliebe für den Grand Boubou, ein knöchellanges, rechteckiges senegalesisches Männergewand, das traditionell gedeckte Farben hat und an einen Sack erinnert. Sie hat das Kleidungsstück auch für Frauen salonfähig gemacht, allerdings knallbunt oder zumindest schimmernd.

„Ich komme nicht aus einer reichen Familie, auch mein Mann ist nicht reich. Meinen Erfolg habe ich mir ganz alleine erarbeitet“, sagt Diakhaté, mit einer Stimme, die klingt als würde sie jeden Tag zwei Schachteln Zigaretten rauchen. Sie trägt ein nachtblaues Kleid, bodenlang, und einen 20 Zentimeter hohen, wild gewickelten silbernen Turban. Diakhaté sitzt hinter ihrem Holzschreibtisch, auf dem Boden davor stapeln sich Stoffe. Bei ihrem Aufstieg habe ihr geholfen, dass Senegalesinnen elegante Frauen sind, erklärt sie. Auf die Frage, wie sie es geschafft hat, Lieblingsdesignerin von Afrikas Staatschefs zu werden, antwortet sie nur: „Gute Arbeit zahlt sich aus.“ Nachfragen ignoriert sie, verrät nur, dass sie Anfang der 90er Jahre vom damaligen Präsidenten Malis, Alpha Oumar Konaré, entdeckt wurde – als er bei einem Besuch in Dakar an ihrer Boutique vorbeilief.

Diakhaté spricht lieber über die Zukunft. „Ich bin in die Politik gegangen, weil ich denke, dass mein Leben ein Beispiel sein kann. Im Senegal gibt es Möglichkeiten, etwas aufzubauen. Die jungen Leute müssen nicht nach Europa gehen, wo sie nur als Feldarbeiter enden.“ Sie spricht energisch, doch ihr Turban hält jeder abrupten Kopfbewegung stand. „Wir müssen unsere Designer überall in Europa und in den USA bekannt machen, damit ihre Mode dort in Geschäften verkauft wird. Bei den großen Modeschauen sind wir ja schon vertreten.“

Bis dahin ist es noch ein weiter Weg. In Dakar, wie in Afrika allgemein, wird keine Mode für die Stange gemacht, es gibt kaum Textilfabriken. Hier ist Mode Kunsthandwerk. Für ein Kleid braucht es einen Tag, manchmal eine ganze Woche.

Das will Diouma Dieng Diakhaté ändern. „Heute verdienen ein paar tausend Menschen im Senegal ihr Geld mit Mode“, sagt sie. „Es könnten Zehntausende sein, wenn Produktionsstätten für Konfektionsware gebaut würden.“ Der ehemalige Präsident Abdoulaye Wade bemühte sich angeblich darum, die senegalesischen Designer mit internationalen Geldgebern zusammenzubringen, um solche Produktionsstätten errichten zu lassen. Passiert ist jedoch nichts. Nun will Diakhaté seinen Nachfolger, Macky Sall, für die Idee gewinnen.

Am Morgen des Feiertags steht Saliou Fall mit einem befreundeten Schneider am Straßenrand. Die meisten Entwürfe, die sie sehen, beeindrucken sie nicht. Dann zieht eine Frau die Blicke der beiden auf sich: Auf ihrer Schulter streben gelbe und schwarze Zacken in die Höhe, der schwarze Rock ist am Saum gelb bestickt, von der schmalen Taille abwärts züngeln gelbe Flammen. „Nicht schlecht“, sagt Fall zu seinem Freund.

Unvorstellbar, dass dieses Kleid einmal Massenware wird.

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