Der Eingriff zaubert kein neues Leben

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Nach der Geschlechtsangleichung : "Es hat alles nur schlimmer gemacht"
Alexandra Rojkov
Gefangen. Manche Transmenschen wünschen sich nach der Geschlechtsangleichung ihren alten Körper zurück.
Gefangen. Manche Transmenschen wünschen sich nach der Geschlechtsangleichung ihren alten Körper zurück.Illustration: Irvandy Syafruddin

Joachims weibliche Seite kommt immer dann hervor, wenn seine Beziehung besonders unglücklich ist oder sein Chef besonders unfair. Nach jedem Streit mit seiner Partnerin wirft ihm der Spiegel ein Frauenbild zurück. Dann nimmt Joachim wieder die Antibabypille und trägt im Haus lange, wallende Nachthemden. Joachims Partnerinnen können damit nicht umgehen. Drei Ehen gehen in die Brüche.

Heute sagt Joachim, das Frausein sei eine Flucht gewesen: Wenn er Kleider trägt, ist er in einer anderen Welt. Die Probleme, die er als Mann hat, treten in den Hintergrund. Sobald sich sein Leben beruhigt, kehrt auch der Mann in ihm zurück. Doch Joachims weibliche Seite verschwindet nie völlig.

50 Jahre lang lebt er mit diesem Bild von sich, das ständig auf der Kippe steht. Mal trägt er Hemden und Jeans, dann wieder Frauenkleider. Manchmal rasiert er sich die Haare auf den Unterarmen und spricht mit hoher, weicher Stimme. Anderntags ist er überzeugt, ein Mann zu sein – und nur das. Kosmetik und Kleider landen auf dem Speicher.

Immer wieder sucht Joachim Hilfe bei Therapeuten – die noch mehr Schaden anrichten. Einer spritzt Joachim beim ersten Termin Östrogen. Joachims Körperbau wird dadurch weiblicher, sein Bartwuchs weniger. Nach einigen Wochen sehnt er sich nach seiner männlichen Erscheinung zurück. Er setzt das Hormon ab, besucht einen anderen Psychologen. Der hält Transsexualität für eine Erfindung und überredet Joachim, sich seinen kleinen Busen amputieren zu lassen.

Ein bekannter Mediziner rät ihm zur Operation

Joachims Identität bleibt zerrissen, bis er im Herbst 2013 die Sprechstunde eines bekannten Psychiaters und Sexualmediziners besucht. Der sagt ihm: Sie sind eindeutig transsexuell. Der Arzt empfiehlt eine geschlechtsangleichende Operation.

Sein Termin fällt in eine Zeit, als sich die Gesellschaft für Menschen, die von der vermeintlichen Norm abweichen, öffnet. Jahrhundertelang wurden Homosexuelle und Transmenschen stigmatisiert und ausgegrenzt. Nun lautet die Botschaft: Jeder und jede soll leben können, wie es ihn oder sie glücklich macht. Zahlreiche Medien greifen das Thema Transidentität auf und berichten über die geschlechtsangleichende Operation. Studien empfehlen, den Zugang zu erleichtern.

Immer mehr und immer jüngere Menschen spüren, dass sie sich im falschen Körper befinden, und wünschen sich eine Operation, die das ändert. Einerseits dürfen Behörden und Beratungsstellen das Leid der Betroffenen nicht unnötig verlängern. Andererseits ist die Angleichung ein gravierender Eingriff, der sich chirurgisch kaum rückgängig machen lässt. In Deutschland müssen deshalb zwei Gutachter bestätigen, dass der oder die Betroffene dauerhaft im anderen Geschlecht leben will.

Als der Mediziner ihm zur Operation rät, ist Joachim fast 60 Jahre alt. Er lebt von staatlicher Unterstützung und führt die vierte Ehe mit einer Frau, die er über das Internet kennengelernt hat. Auch diese Beziehung ist unglücklich, sagt er. Die Frau gebe sein Geld aus, interessiere sich sonst aber kaum für ihn. Joachim zieht sich immer mehr zurück, flüchtet in seine Weiblichkeit. Die Operation erscheint ihm plötzlich als Chance auf einen Neuanfang, als Chance, „dem Elend zu entrinnen“.

Er erzählt Lügen, um den Eingriff anzuschieben

Den Großteil seines Lebens war Joachim unsicher, ob er wirklich transsexuell ist. Oder vielleicht nur ein Zwischenwesen. Nicht ganz Mann, aber auch nicht genug Frau. Doch nun fühlt er sich ermutigt. Von dem Arzt, den Medien, der Politik. Der Zuspruch, den er von offizieller Seite erfährt, lässt ihn hoffen. Die Operation soll ihm nicht nur zu einem neuen Körper verhelfen, sondern zu einem neuen, besseren Leben.

„Ich war wie im Rausch“, sagt Joachim. „Als hätte man mir Drogen verabreicht.“

Er holt seinen Ordner hervor: 29 Seiten, eingefasst in gelbes Plastik. Darin hat er jeden Arztbesuch notiert, jedes Psychologengespräch protokolliert. So behielt er den Überblick. Welche Dokumente fehlten noch? Wo musste er eine Sprechstunde vereinbaren? Wenn eine Anhörung gut gelaufen war, malte Joachim ein Herzchen hinter den Termin.

Die Mappe ist ein Logbuch der Lügen. Um den Eingriff schnell anzuschieben, erzählt Joachim den Gutachtern, er habe schon immer ausschließlich als Frau leben wollen. Das Motivationsschreiben, das er dem Antrag beilegt, verfasst er zusammen mit Transmenschen, die er im Internet kennenlernt. Joachim erfindet homosexuelle Erfahrungen und gibt an, sein Leben lang Östrogene genommen zu haben. So will er die Behörde dazu bringen, dem Eingriff möglichst bald zuzustimmen. „Es gibt wohl nichts, was ich mir mehr herbeisehne, als meine geschlechtsangleichende Operation“, schreibt er an seine Krankenkasse, die den Schritt bewilligen und finanzieren soll.

Die Sachverständigen irren sich nur selten

„Das meiste war Fantasie“, sagt Joachim heute. „Ich wusste ja, was sie hören wollten.“ Dass Joachim manchmal gerne ein Mann war, dass seine Partnerin nicht in die OP-Pläne eingeweiht ist – all das verschweigt er. Will es selber nicht mehr wahrhaben.

In den Sitzungen mit seinen Therapeuten präsentiert sich Joachim als jemand, der sich seiner Sache sicher ist. Er sehne sich danach, endlich eine Frau zu werden. Die Gutachter glauben ihm, obwohl es Anzeichen gibt, dass Joachim labil ist. Er hat in kurzer Zeit Ehefrauen, Berufe und Wohnorte gewechselt. Doch die Therapeuten deuten Joachims Probleme offenbar als Folge seiner Transidentität. Sie befürworten den Eingriff.

Wenn Joachim heute über diese Zeit spricht, klingt er gleichzeitig wütend und stolz. Die meisten Transmenschen brauchen Jahre, bis die Operation bewilligt wird. Joachim schaffte es in wenigen Monaten. Er täuschte Ärzte und Gutachter so perfekt, dass man ihnen keinen Vorwurf machen kann.

Tatsächlich irren sich die Sachverständigen nur selten. Dem Psychiater Bernd Meyenburg zufolge wollen „deutlich weniger als ein Prozent“ der Transmenschen nach der Operation zu ihrem ursprünglichen Geschlecht zurückkehren. Selbst bei Blinddarmeingriffen, sagt Meyenburg, sei die Fehlerquote höher.

Doch der Experte auf dem Gebiet sagt auch: Transmenschen hätten oft zu hohe Erwartungen an die Operation. „Einige glauben: Als Frau wird alles besser. Aber der Eingriff zaubert kein neues Leben.“

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