Naturerlebnis im Almtal : Unter Tannen entspannen

Wald + Wellness = Waldness. Im österreichischen Salzkammergut schwören sie auf die Heilkraft der Bäume – und die Anziehungskraft der Wirtshäuser.

Felix Denk
Im Almtal im Salzkammergut ist es so ruhig, da hört man jede Blaumeise
Im Almtal im Salzkammergut ist es so ruhig, da hört man jede BlaumeiseIllustration: Jonas Schulte, TSP

So ein Waldbad startet man nicht mit einem Kopfsprung. Also stehen bleiben, einatmen, ausatmen, schauen, horchen. Das ist die erste Lektion, die Sabina Haslinger vermittelt. „Erleben, nicht erklären“, umschreibt sie ihre pädagogische Idee am Ufer des Almsees im Salzkammergut, ein Bergsee am Ende eines langen, bewaldeten Tales, der so türkis leuchtet als hätte jemand unter Wasser ein Licht angeknipst.

Unser Leben sei wahnsinnig rechtwinklig, findet die Wander- und Schneeschuhführerin. Allein die modernen Häuser. Kein Dach obendrauf und auch sonst streng geometrisch. Wenn alles so geordnet ist, hilft nur die Unordnung der Natur. „Das da ist Chaos“, sagt sie und zeigt auf den Brucherlenwald, der am südlichen Seeufer wächst. Tatsächlich sind viele Bäume umgeknickt, im Frühjahr zur Schneeschmelze steht alles unter Wasser. Ein paar wilde Berberitzen wachsen am Wegesrand. Im Totholz nisten Kohlmeisen und zwitschern, der Wind säuselt durch die Baumwipfel, in der Ferne rauscht ein Wasserfall – der Sound der Bergwelt.

Spa-Zieren wie in Japan

Damit man diese feinen Schwingungen überhaupt wahrnimmt, muss man langsam ankommen. Für diese Art des achtsamen Naturerlebnisses haben sie im Almtal das Konzept „Waldness“ erfunden. Wellness mit und im Wald. Ohne stromfressendes Spa. In einem mehrtägigen Programm gibt es etwa Kräuterwandern, Kneippkuren, aber auch Wyda, angeblich das Yoga der keltischen Druiden mit Atem- und Bewegungsübungen. Und eben Waldbaden – ein geführter Spaziergang mit Achtsamkeitspraktiken, die dem japanischen Shinrin Yoku nachempfunden sind. In dieser Lehre gilt bereits der Wald als Medizin. Die Japaner nutzen seit Jahrzehnten die heilenden Kräfte der Bäume zu therapeutischen Zwecken.

Vorbei am Erlenbruch führt ein schmaler Jagdsteig einen Hang hinauf. Die Bäume werden kleiner, die Aussicht noch besser. Die Bergwelt um den Almsee ist grandios: die schroffen Kalkfelsen des Toten Gebirges, die Gipfel der Almtaler Sonnenuhr, vom Neuner- bis zum Zwölferkogel. Am Fuße einer Felswand hält Haslinger an. „Im Frühling ist hier alles blau. Dann blüht der Enzian.“ Jetzt aber geht es zu den Latschen. Ihre ätherischen Öle sind gut für die Bronchien. Sie wirken entzündungshemmend, desinfizieren, lösen Schleim. Und: „Sie erden uns“, sagt Haslinger. Die knorrigen Nadelhölzer haben viel Kraft. Sie trotzen selbst großen Schneemengen und halten Lawinen auf. Im Sommer legt Haslinger hier aufblasbare Sitzsäcke aus, und dann wird eine halbe Stunde die gute Luft bewusst geatmet. An einem Wintertag müssen ein paar tiefe Luftzüge reichen.

Wo die Elfen wohnen

Zurück im Tal geht es weiter entlang des Almsees. Ein Biber hat am Weg einen Stamm abgenagt. So ruhig ist es hier, dass das scheue Pelztier gar nicht auf die Idee kam, dass es gestört werden könnte. Ein Schwan tunkt seinen Kopf ins Wasser. Nebelschleier ziehen über die Oberfläche, kleine Strudel deuten darauf hin, dass der See von unterirdischen Quellen gespeist wird. „Früher dachten die Leute, dass hier Elfen wohnen“, sagt Haslinger, die auch Märchenerzählerin ist.

Jetzt könnte man als kritisch aufgeklärter Großstädter sagen: Ein Waldspaziergang tut’s doch auch, wozu das ganze „Waldness“? Weil es eben eine Resonanzbeziehung zwischen Wald und Mensch gibt und die könne man gezielt verstärken. „Ich habe noch nie jemanden gesehen, der beim Wandern grantig war“, sagt Sabina Haslinger beim Aufstieg auf einen schmalen von Buchen gesäumten Pfad. Auch sie müsse irgendwo hin mit ihrer Überwältigung, die sie befällt, wenn sie in der Natur ist. Und deshalb endet das Waldbad am „Echoplatzl“. Haslinger hält die Hände trichterförmig vor den Mund. Ihr langer Jodler schallt quer durchs Tal – und das Echo antwortet ihr prompt von der Felswand gegenüber.

In Viechtwang ist die Kirch noch im Dorf

„Ich komm’ gerade vom Wald pflegen“, entschuldigt sich Fritz Wolf für seine Montur. In seiner roten Schutzhose klafft ein Loch am Knie, etwas weißes Plastik schaut aus den schwarzen Gummiflicken hervor.

Da ist dem 70-Jährigen die Motorsäge kurz ausgerutscht, mit der er gerade in dem Wald, der seiner Familie seit fünf Generationen gehört, ein paar Tannen gefällt hat, damit die nachwachsenden Bäumchen genug Platz haben, um selbst groß zu werden. Hinter ihm steht eine Barockkirche mit Zwiebelturm, daneben ein beinahe palastähnlicher Bau, in dem früher der Kaplan residierte, und vor ihm der Fleischhauer mit Gaststube.

Hier trifft sich donnerstags ganz Viechtwang beim „Silmbroth“. Um kurz nach 10 Uhr ist jeder Tisch im holzvertäfelten Wirtshaus besetzt, und vor jedem Gast steht ein Schloss Eggenberg, das lokale Bier, das ein paar Orte weiter gebraut wird. Dazu gibt’s „Kesselhoaße“ – Weißwürste, Wiener, Käsekrainer, Braunschweiger, die man sich aus der Rauchkammer holen muss, wo sie in einem großen dampfenden Kessel simmern.

Fritz Wolf geht im Almtal als lokale Berühmtheit durch. Er ist Oberförster, Jäger und Begründer der Waldpädagogik in Österreich. Über 1000 Lehrer bildete er in den vergangenen 25 Jahren aus. Vom Kind im Rollstuhl bis zum dementen Senioren führte er Menschen in die Geheimnisse des Dickichts ein. Denn der Wald tue jedem gut. „Seine Luft ist ein Heiltrunk zum Einatmen“, sagt er.

Nicht so Sissi und Franz wie in Bad Ischl

Bäume haben sie eine ganze Menge im Almtal. Hier ist das schmucke Salzkammergut nicht so postkartig wie am Wolfgangsee, nicht so Sissi und Franz wie in Bad Ischl, nicht so Anna und Elsa wie in Hallstatt. In dem Ort meinen so viele Fans das Arendelle aus den Disney-Filmen „Die Eiskönigin“ zu entdecken, dass die Behörden erwägen, die Busstellplätze zu begrenzen. Im Almtal dagegen ist die Natur nicht nur Kulisse. Traktoren tuckern über die Landstraße, Hühner laufen auf der Wiese hinter dem alten Bahnhofshäuschen in Grünau rum, das auch in einer Modelleisenbahnlandschaft stehen könnte, und drum herum sieht man die Werkstätten von Schreinern und Möbelherstellern. Salzminen, wie im restlichen Oberösterreich, gab es hier nie. Schon immer hat das Holz das Tal geprägt.

Geht es nach Fritz Wolf, soll das auch so bleiben. Mit ihm lernt man Demut im Wald. „Eigentlich müsste ein Förster 300 Jahre alt werden“, sagt Wolf, als er neben einer riesigen Buche steht. Die Bäume, die er fällt, sind zum Teil vom Urgroßvater gehegt und gepflegt worden. „Bei jedem Ast, den ich im Wald abbreche, muss ich an meine Enkel denken. Aber den Menschen fehlt die Energie, solche Zeiträume zu erfassen.“

Waldpflege mit Motorsäge

Man klebt an seinen Lippen wie das Harz an der Rinde der Fichten, die hier stehen. Noch stehen. Denn denen geht’s nicht gut. „Für die wird’s zu heiß“, sagt Wolf. Die Wurzeln reichen nicht tief genug, kommen nicht gut an Wasser heran, und die Bäume sind dadurch anfälliger für Sturmschäden. Die Tanne sei deutlich stabiler, wird jedoch vom Borkenkäfer drangsaliert, der mit der Nordmanntanne vor 100 Jahren aus dem Kaukasus ankam. Am stabilsten sei der Mischwald. Daran arbeitet er nun schon seit Jahrzehnten, dass wieder mehr Buchen, Eschen, Eiben und Birken im Wald wachsen. Doch das dauert, und dazu kommt, dass die Lernkurve so langsam ist: „Die Douglasie hier, da haben wir einen Fehler gemacht. Die wächst nicht auf kalkhaltigen Böden. Nur einer der gepflanzten Bäume hat es geschafft.“

Will man Fritz Wolf ärgern, muss man nur den Namen des Naturerklärers Peter Wohlleben fallen lassen. Kitschig, findet Wolf. Allein die Sache mit den großen und kleinen Bäumen. Dass die sich helfen: „Für die Kleinen sind die Großen ein Problem. Die Natur ist da anders als der Mensch.“ Der habe inzwischen den Bezug zur Natur verloren. Deshalb lernt man bei Wolf nicht nur etwas über die Terpene, jene unsichtbaren, bioaktiven Substanzen und Botenstoffe der Bäume, die mit unserem Immunsystem kommunizieren, körpereigene Killerzellen aktivieren und das Stresshormon Cortisol verringern. Man lernt auch, wie eine ökologische Forstwirtschaft aussieht. Ein klimafitter und nachhaltig genutzter Wald sei sinnvoller als jedes Naturschutzgebiet, sagt Wolf. Und holt die Motorsäge heraus.