OECD-Studie zu Übergewicht : Ist Fettleibigkeit eine Privatsache?

Die hohe Zahl Übergewichtiger in Deutschland hat gesellschaftlichen Konsequenzen. Doch ohne Eigenverantwortung bringen auch Gesetze nichts. Eine Kolumne.

Currywurst und Pommes.
Currywurst und Pommes.Foto: Jörg Carstensen/dpa

Und, haben Sie schon gefrühstückt? Machen Sie bitte nicht mich verantwortlich, wenn Ihnen gleich vor Schreck das Mettbrötchen aus der Hand fällt. Ich bin nur die Überbringerin der schlechten Nachricht: Die OECD hat herausgefunden, dass jeder vierte Erwachsene und jedes siebte Kind in Deutschland zu dick oder fettleibig ist. Schuld daran, so die Experten, sei das immer größer werdende Angebot an Junk Food und Softdrinks – auf Deutsch gesagt: Wir schaufeln zu viel ungesundes Zeug in uns hinein.

Ich musste an meine eigene Kindheit denken, als ich in der Studie las, dass sich die Zahl der übergewichtigen Kinder in Deutschland im Vergleich zu 1990 um 37 Prozent erhöht hat. Warum das so gekommen ist, lässt sich einfach erklären: Wir haben damals den ganzen Tag draußen verbracht, statt vor einem Endgerät zu sitzen, und unsere Eltern hatten noch Zeit, sich ums Essen zu kümmern. Meine Mutter zum Beispiel hat alles verarbeitet, was ihr Garten hergab. Unser Brot kauften wir von einem Bäcker, der ausgebildet war und nicht Aufbackstationsbefüller hieß. Natürlich haben wir auch Süßigkeiten gegessen, aber das war etwas Besonderes und nicht wie heute eine Hauptmahlzeit. In der Klasse meiner Tochter werden Brotdosen mit Chips, Schokoriegel und Gummibärchen gefüllt.

Jetzt höre ich den Aufschrei: „Ich bin froh, dass mein Kind überhaupt etwas isst!“ Nun, dann müssen Sie sich auch sagen lassen, dass Sie die Verantwortung dafür tragen, sollte ihr Kind übergewichtig sein. Ich bin ganz sicher nicht das Gewissen der Nation, aber eines habe ich von meiner Mutter gelernt: Ich esse nichts, wovon ich nicht weiß, was drin ist. So sind Gammelfleisch- Döner und Pferdefleisch-Lasagne an mir vorbeigegangen.

Jeder Deutsche zahlt 431 Euro mehr Steuern im Jahr

Nun können Sie natürlich sagen: Was geht es die Akyün an, wie dick ich oder meine Kinder sind? Und im Grunde gebe ich Ihnen dabei recht. Nur steht in der Studie auch, welche gesellschaftlichen Konsequenzen es hat, wenn wir immer dicker werden. Wegen der hohen Zahl der Übergewichtigen sinkt das Bruttoinlandsprodukt um drei Prozent. Und um die Kosten auszugleichen, muss jeder Deutsche 431 Euro mehr Steuern im Jahr bezahlen. Es geht also jeden von uns etwas an.

Also was tun? Als Erstes muss die oberste Instanz der Lebensmittelüberwachung, Ministerin Julia Klöckner, gesetzlich dafür sorgen, dass Lebensmittelhersteller keinen Dreck mehr als Nahrung verkaufen dürfen. Die Strafen für Panscher sind so gering, dass selbst wer erwischt wird, mit einer Ordnungswidrigkeit davonkommt. Ungesunde Produkte müssen verpflichtend eine Kennzeichnung bekommen und keine, wie bisher, freiwillige.

Wer glaubt, der Markt regele alles, sitzt einem Irrtum auf

Und trotzdem: Ohne Eigenverantwortung bringen auch die besten Gesetze nichts. Wer billige Fertigprodukte kauft, muss sich die Frage gefallen lassen, ob man tatsächlich glaubt, dass in einem Pfund Lasagne für knapp drei Euro gesunde Zutaten enthalten sein können. Es ist wahrlich ein großer Fortschritt, dass in diesem Land mehr als 80 Millionen Menschen täglich satt werden. Doch wer glaubt, der Markt regele das schon von selbst, sitzt einem Irrtum auf – die vielen Lebensmittelskandale haben das Gegenteil bewiesen. Wir, die Verbraucher, sind beim Einkauf nicht davon befreit, den eigenen Kopf zu benutzen.

Übergewichtige Menschen leben etwa drei Jahre kürzer. Drei Jahre sind nicht viel, aber mit Herz-Kreislauferkrankungen, Diabetes, Bluthochdruck und Knochenproblemen macht das Leben auch keinen Spaß. Wie immer kommt es auf das Maß an. Also: Genießen Sie Ihr Mettbrötchen, aber eben nicht jeden Tag.

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