Ostafrika : Wie junge Kenianer versuchen, den Tribalismus zu überwinden

Kenia ist ein zersplittertes Land: Die 42 Ethnien der Nation bleiben unter sich. Das fördert Korruption und gipfelt regelmäßig in Gewalt.

Lisa Winter Lotta Pommerien
Die Frustration ist groß. Proteste der Opposition nach den umstrittenen Wahlen 2017.
Die Frustration ist groß. Proteste der Opposition nach den umstrittenen Wahlen 2017.Foto: AFP

Oft sind die Vorurteile eher harmlos. Als Joseph Kwaka vor 20 Jahren heiratete, musste er sich gegen die eigene Familie durchsetzen. Die Mutter zum Beispiel hielt gar nichts von seiner Wahl: „Meru-Frauen sind alle Prostituierte, die heiraten nur des Geldes wegen!“, schimpfte sie. Kwakas künftiger Frau erging es nicht besser. In ihrer Verwandtschaft hieß es, Luo-Männer wie Joseph seien faul und verschwenderisch.

Doch manchmal sind die Vorurteile tödlich. Nach den kenianischen Wahlen 2007 gingen die Angehörigen verschiedener Volksgruppen aufeinander los. Sie lieferten sich Straßenschlachten, plünderten Geschäfte, Männer vergewaltigten Frauen. Insgesamt starben 1300 Menschen, darunter Kwakas Bruder und ein weiterer Verwandter. „Wir mussten die Leichen mit einem Privatflugzeug heim nach Westkenia transportieren lassen, um sie beerdigen zu können“, erzählt Kwaka. „Eine Polizeieskorte schützte uns nach der Landung vor den Angriffen anderer Stämme.“

In Kenia gibt es nach offizieller Zählung 42 Ethnien. Jede davon spricht neben den Amtssprachen Englisch und Kisuaheli ein eigenes Idiom, lebt nach eigenen Traditionen – und kämpft für die eigenen Interessen. Der Tribalismus spaltet das ostafrikanische Land. Doch die junge Generation versucht, ihn zu überwinden. Kann sie jahrhundertealte Ideen hinter sich lassen?

Joseph Kwaka erinnert sich mit Schrecken an die Wahlen

Kenias Jugend ist vor allem in Nairobi zu Hause, dem einzigen Ort, wo die unterschiedlichen Ethnien wirklich zusammenkommen. Universitäten, internationale Schulen und Jobs ziehen die Leute in die Stadt; sie ist mit ihren vier Millionen Einwohnern das wirtschaftliche Zentrum Ostafrikas. Massai treiben hier ihre Kuhherden über den Highway, vorbei an teuren Geländewagen mit abgedunkelten Scheiben. R’n’B-Tracks aus Musikboxen übertönen den Verkehrslärm. Hochhäuser reihen sich an Lehmhütten.

Joseph Kwaka lebt südlich von Nairobi, in „Acacia Estate“, einem mittelständischen Viertel. In Anzug und Rollkragenpullover sitzt er auf dem Sofa, dicht neben seiner Frau, und erinnert sich mit Schrecken an die Wahlen von 2007. „Das war einer der schlimmsten Momente in Kenias Geschichte“, sagt er. Seit Mitte der 90er Jahre leitet er Entwicklungsprojekte, ist derzeit Geschäftsführer einer NGO. Einst hat Kwaka Politik- und Literaturwissenschaften studiert, er weiß, in welchem Maße der Tribalismus hier, wie in anderen Teilen Afrikas, verantwortlich ist für die politische Instabilität. Auch bei der jüngsten Präsidentschaftswahl 2017 gab es wieder Manipulationen, gekaufte Stimmen. Vor allem stellen zu viele ihre ethnische Zugehörigkeit über die Interessen der Gemeinschaft.

Das politische Geschehen wird von den vier größten Volksgruppen beherrscht, dazu gehören auch die Luo, denen Joseph Kwakas Familie angehört. Am einflussreichsten sind Kikuyu – mit einem Viertel der Bevölkerung die größte Gruppe. Sie stellten bisher denn auch die wichtigsten politischen Führer, darunter den aktuellen Präsidenten. Die Wurzeln des Problems reichen zurück in die Kolonialzeit. Die Briten, die Kenia von 1895 bis 1963 beherrschten, teilten das Land in ethnische Gebiete auf, um es leichter regierbar zu machen: Die Menschen wurden voneinander separiert und durften sich nur innerhalb ihrer Gruppe politisch organisieren.

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