Perrier Jouët und selbst gemachte Currywurst

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Ostseeurlaub : Kühlungsborn ist die Riviera des Nordens
Flanieren bis zum Ende. Diese Seebrücke ist 240 Meter lang.
Flanieren bis zum Ende. Diese Seebrücke ist 240 Meter lang.Foto: Mauritius Images/Peter Lehner

Currywurst und Champagner? Du spinnst total!, sprach Vater Erdmann vor 13 Jahren zu seinem Sohn. Er hatte kurz zuvor einen merkwürdigen Anruf erhalten: Ob er nicht Lust habe, am neu entstehenden Jachthafen einen Imbiss aufzumachen? – Nee, wenn, dann einen Schuhladen!, sprach der Inhaber der „Brutzelstube“ von Kröpelin, hinter Kühlungsborn landeinwärts gelegen, mehr zum Spaß, beging aber den Fehler, seinem als Versicherungsmakler um die Welt reisenden Sohn davon zu erzählen, und der sagte nur: Perrier Jouët und selbst gemachte Currywurst!

Gerd Erdmann gehört zu der Generation Ost, die die Wende 1990 mit eiskalter Hand traf. Eben noch war er Chef der Instandhaltung im Kombinat Schiffbau in Rostock gewesen, da plötzlich begegnete der Arbeitslose zu ganz unmöglichen Tageszeiten zu Hause auf dem Sofa seiner Frau, der just entlassenen Diplomingenieurin für Schiffbau. Und nun? Sollten sie etwa hier sitzen bleiben? Wir machen einen Imbiss auf!, beschlossen die Überqualifizierten.

„Jeden Morgen um fünf fuhren wir nach Hamburg zum Großmarkt einkaufen“, erinnert sich der Seniorchef von „Edel und Scharf“ und sieht zufrieden auf die Strandbürger ringsum, die seine patentierte Currywurst essen, und die holländischen Pommes mit der selbst gemachten Sauce, deren Rezept nur er kennt. Allerdings trinken die meisten heute keinen Champagner, sondern Erdbeerbowle. Wie gut, dass er damals doch auf seinen Sohn gehört hat!

Großstadtstressversehrte gehen kochen mit Tillmann Hahn

Der Imbiss an der Strandpromenade ist schon der zweite in Kühlungsborn, und seine Diplomingenieurs-Frau hat noch drei Schuhläden am Hafen.

Der Jachthafen! Der ist auch in Ost. Kinners, da legt nie einer an, prophezeiten die Skeptiker. Dabei hat man manchmal den Eindruck, ganz Kühlungsborn Ost und West wäre am Hafen, obwohl die Letzteren fast fünf Kilometer zurücklaufen müssen.

Gleich neben der Seebrücke liegt das „Travel Charme Hotel“, es war das erste Vier-Sterne-Haus am Ort und versteckt sich anders als die anderen nicht hinter dem Küstenwald. Direkter Meer- und Seebrücken-Blick – hat fast keiner sonst. Und das Morgen- und Abendbuffet des „Travel Charme“ durchmisst ganze Geschmacks-Kosmen. Je genussfähiger der Mensch, desto mäkliger wird er. Da fehlt noch was, denkt er oft. Hier eher nicht.

Und schräg gegenüber befindet sich „Tillmann Hahns Gasthaus“. Tillmann Hahn ist der Sternekoch, der während des G-8-Gipfels für die wichtigsten Mägen dieser Welt gekocht hat. Bei Hahn gibt es zu ausgewählter Küche ein ausgewähltes Live-Musikprogramm, aber auch „Kochen mit Tillmann Hahn“. Vier Stunden?

Vier Stunden kochen und essen? Wer – großstadtstressversehrt – noch überlegt, ob er lieber an die Ostsee fahren oder besser zum Psychotherapeuten gehen sollte, der wähle die erste Option und gehe kochen mit Tillmann Hahn. Allein zu sehen, wie dieser Mann eine Lachsforelle filetiert, kommt einer Art Tiefenentspannung gleich.

Und was ist in West? Eine Kunsthalle!

Das alles also ist in Ost. Und was ist in West? Keine Seebrücke, dafür eine große kaputte geschlossene Schwimmhalle mit großer kaputter geschlossener Schlossvilla. Sauna, Friseur und Café für den Meerwasserschwimmer? Geschichte. In stummer Nachbarschaft verrottet das ungleiche Paar. Das ist der Mittelpunkt von Kühlungsborn West. Die Gründe sind vielfältig, zu hohe Betriebskosten hier, Furcht vor nie erhobenen jüdischen Besitzansprüchen dort.

Aber da gibt es etwas im früheren Arendsee, das hat das frühere Brunshaupten nun doch nicht: eine Kunsthalle! In der einstigen Jugendstil-„Lesehalle“ von 1907 – Zutritt nur für Herren, gern mit Zigarre – hat sich gleich nach der Wende das „Amt für Wahrnehmungsstörungen“ etabliert. Der Leiter Franz N. Kröger gehört zu dem Typus Mensch, von dem man sagt, er sei bekannt wie ein bunter Hund. Dank solcher Mitbürger wie ihm hat die Küste den Herbst 1989 nicht verschlafen.

Dass fast alles eine Frage der Perspektive ist, erfuhr der Junge von der Insel Poel zum ersten Mal mit sieben Jahren, als die DDR sich weigerte, ihn einzuschulen. Dabei war der Inseljunge gar nicht besonders dumm, das Problem war bloß: Er verstand nur Plattdeutsch. Er hatte gewissermaßen eine andere linguistische Perspektive, Kunst aber ist die Feier der Perspektiven. Demnach ist Kunst eine Art Plattdeutsch für jedermann.