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Alter : Der Methusalem-Komplex

Und die Wissenschaft zieht nach. Die herkömmliche Einteilung des Lebens in drei Abschnitte – Kindheit, Berufszeit, Alter – hat ausgedient. Die späten Jahre werden in zwei neue Segmente gespalten: drittes und viertes Alter.

Viertes Alter! Es sind jene beiden Wörter, bei denen der Vorhang fällt über die Welt der rüstigen Altersgenießer und sich eine neue Szenerie auftut. Denn die steigende Lebenserwartung hat ihren Preis. Es ist ein hoher Preis. Denn immer älter werden heißt zugleich: immer länger alt sein. Und die Fortschritte der Medizin vermögen es meist nicht, die Phase der Hochaltrigkeit, die statistisch etwa ab dem 80. Lebensjahr beginnt, in eine Glücksphase zu verwandeln. Die Verheißung des längeren Lebens wird zu einer Verheißung des Leidens, einer Zeit der Krankheiten, Schmerzen, einer Zeit des erhöhten Sterberisikos. Das eine bedingt das andere. Die Verlängerung der Lebenserwartung führt dazu, dass mehr Jahre in der Nähe des Todes verbracht werden, als das früher jemals der Fall war.

Auch hierfür gibt es Zahlen. Bis zum 60. Lebensjahr liegt das statistische Pflegefall-Risiko unter einem Prozent. Auch bis zum 70. Geburtstag ist die Gefahr sehr gering, Berechnungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung sprechen von 2,1 Prozent. Dann aber, mit Beginn des „vierten Alters“, steigen die Zahlen massiv an. Zwischen 80 und 85 sind schon 20 Prozent pflegebedürftig, zwischen 85 und 90 sind es 33 Prozent, und bei den über 90-Jährigen liegt die Zahl der Pflegefälle bei 58 Prozent. Noch erheblich höher sind die Steigerungsraten bei Demenzerkrankungen.

Was früher die Ausnahme war, weil die Menschen meist starben, ehe sie pflegebedürftig wurden, wird in den kommenden Jahrzehnten beinahe die Regel sein. Im Altenbericht der Bundesregierung heißt es, erstmals in der Geschichte sei Pflege „zu einem erwartbaren Regelfall des Familienzyklus“ geworden.

Auch hier hat sich das Bild des Alters in wenigen Jahren grundsätzlich gewandelt. Noch 1995, in dem Jahr, als der damalige Sozialminister Norbert Blüm sein „Jahrhundertwerk“, die Pflegeversicherung, aus der Taufe hob, erwartete er, dass die Zahl der Pflegebedürftigen in den folgenden zwei Jahrzehnten auf 1,9 Millionen steigen würde. Was für ein Irrtum! Bereits nach sieben Jahren war diese Zahl erreicht. 2004 war dann die Grenze von zwei Millionen überschritten. 2020 werden es 2,9 Millionen sein, und die Prognosen für die Jahrhundertmitte schwanken zwischen 3,7 und 4,7 Millionen. Wer all diese Menschen dann pflegen soll, wird eine der großen sozialen Fragen der Zukunft sein. Schon heute ist die Pflege in Deutschland der größte Wirtschaftssektor, hunderttausende zusätzliche Arbeitskräfte werden in den nächsten Jahren und Jahrzehnten gebraucht. Politische Konzepte, wie diese gigantische Aufgabe bewältigt werden könnte, gibt es bisher nicht einmal in Umrissen.

Krankheiten und Schmerzen sind indessen nur ein Teil der Wahrheit über die Hochaltrigkeit. Der andere heißt Einsamkeit. Die meisten Menschen haben in dieser Lebensphase den Tod naher Angehöriger zu verkraften, des Ehemanns, der Ehefrau. Gut 16 Prozent der Bevölkerung in Deutschland leben allein, bei den über 85-Jährigen sind es 75 Prozent. Meist bleiben, da sie länger leben, die Frauen übrig. Etwa 80 Prozent der Patienten in Pflegeheimen sind weiblich.

Ohnehin stellen sich der weibliche und männliche Alterungsprozess völlig verschieden dar. Das beginnt schon damit, dass die Benimmregeln vorschreiben, Frauen nicht nach ihrem Alter zu fragen, wenn sie in die Jahre gekommen sind. Sie bleiben alterslos, weil das Alter ihre öffentliche Wertschätzung definiert. „Alter“, schreibt die Literaturwissenschaftlerin Hannelore Schlaffer, „ist für Frauen ein Makel.“ Das zeige sich schon bei der Kleidung. „Ein 70-jähriger Aufsichtsrat trägt denselben Anzug, den er als Geschäftsführer von 40 trug. Frauen hingegen unterliegen, wenn sie älter werden, einer regelrechten Beschneidung; alles, was reizvoll sein könnte, wird gekürzt: die Haare werden geschnitten, die Absätze erniedrigt, der Ausschnitt verkleinert, die Beine bedeckt.“ Verstößt eine Frau gegen diesen Kleiderkodex, wird sie als unwürdige Greisin wahrgenommen. Es gibt keine welke Venus.

Nicht nur die Geschlechterunterschiede verändern das Alter, auch die Einkommensunterschiede. Alter hatte in allen geschichtlichen Perioden viel mit den ökonomischen Verhältnissen zu tun. Wer Geld hat, lebt länger. Kann sich bessere Pflege, eine intensivere medizinische Betreuung, gesündere Ernährung leisten. Alt werden in Würde war schon immer eine Frage des Geldbeutels. Es zählt zu den großen Mythen über das Altern, dass das zu anderen Zeiten anders gewesen wäre. Früher, so erzählen diese Mythen, hätten die Alten im Schoß der Großfamilie ihren Lebensabend verbracht, geachtet und geschätzt ob ihrer Erfahrung und Weisheit. Gerade ganz früher, in der Antike sei das so gewesen. Nicht umsonst hieß das Gremium, das zum Beispiel die Geschicke der römischen Republik bestimmt, Senat, Versammlung der Älteren.

In der Realität sah es meist anders aus. Dass die Alten früher besonders geachtete Personen waren, ist eher eine Verklärung neuerer Tage. Mochten Personen von Stand auch das Hohelied des Alters singen wie etwa Seneca oder Cicero („Der alte Mann ist von Natur aus Philosoph“), für die meisten anderen und die weniger Begüterten zumal war der Lebensabend eine Zeit voller Düsternis. Wer keine Rücklagen hatte, den erwartete bittere Armut. Zu allen Zeiten ist bezeugt, dass die Alten wenig galten, dass die Jungen sie als Klotz am Bein empfanden und insgeheim wünschten, sie möchten doch recht bald das Zeitliche segnen.

Selbst von Gewalt gegen Alte ist immer wieder die Rede. Auch in Deutschland, zum Beispiel in Brandenburg. Da hingen im 18. Jahrhundert an den Toren einiger Städte große Holzkeulen. Sie trugen die Inschrift: „Wer sich vom Brot seiner Kinder abhängig macht, soll mit dieser Keule erschlagen werden.“

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