Alternatives Wohnmodell in Schweden : „Früher oder später verliert man seine Freunde“

In Stockholm zieht ein alternatives Wohnprojekt junge Menschen an. Sie teilen fast alles, organisieren ihr Leben professionell - und sind fast nie alleine.

Jeden Tag spontane Begegnungen - Leute, die sich für ein Zusammenwohnen wie bei K9 entscheiden, tun das sehr bewusst.
Jeden Tag spontane Begegnungen - Leute, die sich für ein Zusammenwohnen wie bei K9 entscheiden, tun das sehr bewusst.Foto: k9coliving/instagram

Car-Sharing, Stadträder, Elektro-Shuttles – der Trend geht eindeutig zum Teilen. Aber nicht nur bei Transportmitteln werden alternative Projekte ausprobiert. In Schwedens Hauptstadt Stockholm wurde im Jahr 2016 ein Wohnprojekt namens K9 gegründet. Die Idee: 60 Prozent Platz pro Person sparen und trotzdem ein nettes Leben haben – so steht es sinngemäß auf der Homepage des Projektes. Im zentralen Stadtteil Östermalm hat sich die Idee realisiert. 50 Leute aus 21 Nationen wohnen hier zusammen auf fünf Etagen in einem ehemaligen Hotel. Das Prinzip nennt sich „co-living“, was man einfach mit „zusammenleben“ übersetzen könnte – und doch mehr bedeutet, als schlicht Wohnraum zu teilen.

„Inspiriert wurde K9 von einem Wohnprojekt in San Francisco“, sagt Florian Fiebig, der seit etwa zwei Jahren in dem Haus lebt. Er arbeitet als Neurowissenschaftler und kam über eine Freundin auf die Idee, in das Wohnprojekt zu ziehen. Was das für ihn so attraktiv macht? „Dass man in seinem Alltag niemals alleine sein muss – und Vieles miteinander teilt.“ Vier Waschmaschinen anstelle von 50, sechs Mikrowellen anstelle von 50, vier Öfen anstelle von 50. Dazu Arbeitszimmer, mehrere Küchen, ein Meditationsraum und eine Art Heimkino – ökologische und ökonomische Ressourcenteilung.

Der Alltag im Haus ist sehr professionell organisiert und wird über eine Kommunikations-App geregelt. Ob Bücher-, Sport-, oder Brettspielgruppen, Leute, die sich um Reparaturen oder die Einrichtung des Hauses kümmern – alles wird geplant. Im Unterschied zur durchschnittlichen WG sei man natürlich wesentlich größer, sagt Florian. Auch habe man nur wenige Studenten im Haus – es sind vor allem junge Leute mit Jobs. „Es ist einfach anders, wenn sich Leute um die 30 entscheiden, zusammenzuleben, als wenn 18-jährige Studenten zusammenwohnen, um Geld zu sparen“, sagt Florian.

Und tatsächlich: Billig ist das Wohnen hier nicht. Ein Einzelzimmer mit Bad kostet um die 1200 Euro. Wenn man sich das Zimmer mit jemandem teilt, um die 800Euro. Florian teilt sich einen Raum mit fünf Leuten. Das stört ihn aber nicht. „Es ist ein Zimmer, in dem man schläft, nicht in dem man wohnt“, sagt er.

Das Projekt löst ein Problem wachsender Metropolen: Die Einsamkeit

Das Leben findet im Haus statt – was ein Problem in den stetig wachsenden Metropolen zu lösen scheint: Die Situation, als junger Mensch in eine fremde große Stadt zu kommen und sich einsam zu fühlen. „Ich war ganz neu in Schweden“, erzählt Jennifer Jun, die vor ein paar Wochen von Chicago nach Stockholm zog. Sie arbeitet für eine Umweltorganisation. „Ich habe kein soziales Netz hier, das hat das Haus so attraktiv gemacht. Ich habe keine Freunde außerhalb des Hauses, nur meine Kollegen.“

Immer wieder finden sich Gruppen im Hotel zusammen, da kann ein Frühstück schnell in einen ganzen Tag voller Aktivitäten ausarten. „Es kommt hier zu vielen spontanen Momenten, die es in der echten Welt, außerhalb von K9, nicht gibt – oder die sehr schwer zu organisieren sind“, sagt Jennifer. Sie stellt sich morgens auch keinen Wecker mehr – sie wacht auf zu dem Geräusch und Geruch von selbstgemachtem Masala-Tee, den sich ihr Mitbewohner jeden Morgen um 7.30 Uhr zubereitet. Seitdem sie ihm sagte, wie lecker der Tee riecht, stellt er ihr jeden Morgen eine Tasse dazu. „Das macht K9 für mich aus.“ Und Florian ergänzt, es gebe einen Spruch bei ihnen: „Wenn man Freunde außerhalb der Wohngemeinschaft hat, wird man sie früher oder später verlieren.“

Schweden hat mit 51 Prozent die höchste Rate an Single-Haushalten

Allerdings hat das Zusammenleben nicht ausschließlich Wohlfühlaspekte. Auch für Stockholm, wo Wohnungen knapp sind, scheint dieses Modell des geteilten Wohnraumes eine Option für die Zukunft zu sein. 2017 war Schweden das Land mit den meisten Single-Haushalten mit 51 Prozent, die höchste Rate in Europa. Da kommen Co-Living-Projekte, von denen es in Stockholm noch weitere gibt, gelegen. „Es ist eine Lösung für so viele unserer Probleme“, sagte auch Stockholms Bürgermeisterin Anna König Jerlmyr in einem Interview.

Das Leben in dem Haus und die dazugehörige Gemeinschaft ist das Entscheidende für Jennifer und Florian. Und sie sind restlos überzeugt. Jennifer bezeichnet den Entschluss, in das Co-Living-Projekt zu ziehen, als „die wahrscheinlich weiseste Entscheidung meines Lebens“. Florian bezeichnet sich gar als „Konvertit“ – er möchte nie wieder alleine wohnen. Demnächst nimmt er einen Job im Silicon Valley an – und hat sich natürlich schon nach einem Co-Living-Projekt umgesehen.

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