Außergewöhnliches Kunstwerk : Künstler prangert in Istanbul Frauenmorde an

Mit seiner Installation will Vahit Tuna auf Frauenmorde in der Türkei aufmerksam machen. Auch in Deutschland wird geschlechtsspezifische Gewalt oft verharmlost.

Inga Hofmann
Mit dieser ausgewöhnlichen Schuh-Installation macht der Künstler Vahit Tuna auf Gewalt an Frauen und Frauenmorde aufmerksam.
Mit dieser ausgewöhnlichen Schuh-Installation macht der Künstler Vahit Tuna auf Gewalt an Frauen und Frauenmorde aufmerksam.Foto: AFP/Ozan Kose

In Istanbul zieht zurzeit ein außergewöhnliches Kunstwerk die Blicke der Passanten auf sich: 440 Paar schwarzer Damenschuhe schmücken die Wände zweier Hochhäuser. Was auf den ersten Blick abstrakt erscheinen mag, hat eine wichtige politische Botschaft. Denn mit seiner Schuh-Installation will der Künstler Vahit Tuna auf Gewalt gegen Frauen aufmerksam machen und Frauenmorde in der Türkei anprangern. Allein im Jahr 2018 seien offiziellen Zahlen zufolge mindestens 440 Frauen von Männern ermordet worden. Die Dunkelziffer dürfte deutlich höher sein.

Erst im August schockierte ein Video auf Twitter, in dem eine junge Frau ermordet wurde. Wie die „Deutsche Welle“ berichtete, wurde Emine Bulut von ihrem Ex-Mann in der Öffentlichkeit erstochen. Dieser hätte sich infolge eines Sorgerechtsstreits „provoziert gefühlt“ und Bulut deshalb vor den Augen ihrer Tochter ermordet. Das Video verdeutlicht, dass Gewalt gegen Frauen in der Türkei immer noch ein großes Problem darstellt.

Frauenmorde werden oft vertuscht

Dagegen setzen sich Aktivistinnen zur Wehr: Nach der Ermordung Buluts gingen Frauen in unterschiedlichen türkischen Städten auf die Straßen und protestierten mit den Worten „Ich will nicht sterben“. Das waren die letzten Worte Buluts, die im Video gezeigt wurden. Doch nicht alle ermordeten Frauen finden Eingang in die öffentlichen Medien. Die Organisation „Terre des Femmes-Menschenrechte für die Frau“ kritisiert, dass Femizide immer noch vertuscht oder als Selbstmorde abgetan würden.

Mit seinem Kunstwerk will Vahit Tuna deshalb an die anonym gebliebenen Frauen erinnern. Die Installation betitelte er mit „Isimsiz“ („Namenlos“). Viele Menschen in der Türkei wüssten nichts von den Frauenmorden, erklärt der Künstler in einem Interview mit der türkischen Zeitung T24. Er wolle diese Menschen sensibilisieren und öffentlich Aufmerksamkeit auf das Thema lenken.

Die "Istanbul Konvention"

Bei der Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen spielt die sogenannte „Istanbul Konvention“ eine wichtige Rolle.  Dieses „Übereinkommen des Europarats zur Verhütung und zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häusliche Gewalt“ wurde 2011 in Istanbul beschlossen. Die Vertragsstaaten verpflichten sich dazu, Maßnahmen zum Schutz gegen geschlechtsspezifische Gewalt zu ergreifen und gegebenenfalls Sanktionen zu verhängen. Die Konvention trat im Jahr 2014 in Kraft und wurde mittlerweile von 33 Staaten unterschrieben. Auch die Türkei ratifizierte das Abkommen. Die Berliner Frauenrechtlerin Sehnaz Kiymaz Bahceci kritisierte in einem Interview mit der „Deutschen Welle“, dass die Konvention zu selten angewandt würde. Es fehle der türkischen Regierung unter Erdogan an Willen, sich für Geschlechtergleichheit einzusetzen. So würde das rechtliche Abkommen an den politischen Bedingungen scheitern.

Auch in Deutschland wird geschlechtsspezifische Gewalt verharmlost

Femizide sind kein türkisches, sondern ein globales Problem. In Deutschland trat die „Istanbul Konvention“ erst im Jahr 2018 in Kraft und bis heute werden Frauenmorde oft nicht als solche benannt. Beispielsweise war im  Nachrichtensender „Welt“ im April 2018 die Rede von einem „Familiendrama“, nachdem eine Frau von ihrem Ehemann ermordet worden war. Und beim „NDR“ hieß es im Dezember 2018 dass „bei einem Familiendrama in Hamburg-Altona […]eine vierfache Mutter getötet worden“ sei.

Diese Verschleierung der eigentlichen Taten prangert Vanit Tuna in Istanbul an. Er setzt sich gegen die Verharmlosungen geschlechtsspezifischer Gewalt ein. Und für sein Projekt, das sechs Monate zu sehen sein wird, hat er sich den richtigen Ort ausgesucht: Im lebhaften Stadtteil Kabatas werden täglich hunderte Menschen auf die Installation aufmerksam. Und auch auf Sozialen Netzwerken wurde die Installation mehrfach geteilt und erregte dadurch internationale Aufmerksamkeit. Das Kunstwerk kann dazu beitragen, die strukturelle Problematik von Gewalt an Frauen bis hin zu deren Ermordung sichtbar zu machen.

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