Ausstellung über Queen Victoria : Goldener Käfig im Kensington Palace

Queen Victoria war bis 18 unter Kontrolle, erst Buckingham Palace brachte ihr die Freiheit. Zu ihrem 200. Geburtstag präsentiert London mehrere Ausstellungen.

Das Ölgemälde von Maler Franz Xaver Winterhalter zeigt Queen Victoria mit ihrem Mann Albert von Sachsen-Coburg und Gotha mit ihren fünf Kindern im Jahr 1846.
Das Ölgemälde von Maler Franz Xaver Winterhalter zeigt Queen Victoria mit ihrem Mann Albert von Sachsen-Coburg und Gotha mit ihren...Foto: Royal Collection Trust

Bis zu ihrem 18. Lebensjahr musste sich Queen Victoria das Schlafzimmer im Kensington Palast mit ihrer Mutter teilen. Damit nicht genug, ohne Begleitperson war es ihr nicht erlaubt, die Treppe hinunterzugehen. Nun, im Jahr ihres 200. Geburtstag, präsentiert London, die Stadt, in der sie 1837 den Thron bestieg, mehrere Ausstellungen über Kindheit und Thronjahre der berühmten und bis heute verehrten Monarchin.

Der Buckingham Palace war Traumziel und Fluchtpunkt vor den Bevormundungen ihrer Jugend gewesen. „Queen Victorias Palast“ heißt deshalb die Ausstellung, die den Besuchern des 775-Zimmer-Kolosses die saftigen Eintrittspreise schmackhaft machen soll. Nicht, dass man die Büro- und Privaträume zu Gesicht bekäme; für die zahlende Öffentlichkeit sind auch in diesem Jahr lediglich die gut 20 repräsentativen Räume und Säle im Hauptgebäude zugänglich.

Im Kensington Palast dagegen erzählt nun eine neue Dauerausstellung „Victoria: Eine königliche Kindheit“ die Vorgeschichte der späteren Monarchin, die am 20. Juni 1837 die Nachricht vom Tod des Königs erhielt. Und im ersten Stock des Palastes werden ihre 63 Thronjahre in der Ausstellung „Victoria: Frau und Krone“ behandelt. In dem West-Londoner Palast war die spätere Königin geboren worden, hier erhielt sie von ihrer Erzieherin, der Pfarrerstochter Louise Lehzen aus Hannover, fünf Stunden pro Tag, sechs Tage die Woche eine gründliche Schulbildung. Lehzen wurde bald zur wichtigsten Bezugsperson für die kleine Prinzessin, die Opernbesuche liebte und in Skizzen und Beschreibungen von ihren Lieblingssängern schwärmte.

Die Ausflüge mit der Erzieherin stellten auch kleine Fluchten dar aus dem „Kensington-System“, einer Art von behüteter Isolation, in der Victoria von ihrer deutschen Mutter und deren machtbewusstem Berater John Conroy gehalten wurde. Kein Wunder, dass die frischgebackene Königin umgehend mit Lehzen in den Buckingham-Palast umzog, Conroy aus ihren Diensten entließ und die Mutter vom Hofe verbannte.

Der rührenden Ausstellung über die Kinderjahre kann die Beschreibung der Thronjahre nicht ganz das Wasser reichen. Spannendes erfährt man aber auch hier: Victoria repräsentierte so etwas wie die letzte Chance der Monarchie, nachdem die ersten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts es nicht gut gemeint hatten mit der Institution. George III (1760-1820) war jahrelang regierungsunfähig und starb in geistiger Umnachtung; George IV (1820-30) rief die „Times“ nach, es habe „niemals ein Individuum gegeben, dem seine Mitmenschen weniger nachtrauerten als diesem König". Auch William IV erweckte „keine positiven Leidenschaften in der Bevölkerung“, schreibt die Historikerin Karina Urbach.

Ein Raum ist ausdrücklich Victoria als "Kaiserin von Indien" gewidmet

Für die blutjunge Königin, der sich 1840 Prinzgemahl Albert und binnen 17 Jahren Ehe neun Kinder hinzugesellten, begann also eine emsige Zeit. Außerdem hatte das Königspaar viel damit zu tun, sämtliche maroden Zimmer des Palasts renovieren zu lassen. Und beim Modernisieren beließen sie es nicht: Für die geplante Öffnung des bis dahin von Volk und Gesellschaft weitgehend abgekapselten Palastes waren größere, repräsentative Räume nötig. Der 33 Meter lange Ballsaal zum Beispiel, in dem bis heute Staatsbankette sowie jene Feiern steigen, bei denen verdiente Untertanen Auszeichnungen aus königlicher Hand empfangen.

Ein Raum ist ausdrücklich Victoria als „Kaiserin von Indien“ gewidmet, ein Titel, den der ausgefuchste Premier Benjamin Disraeli der geschmeichelten Queen 1876 während der Kolonialzeit zu Füßen legte. Obwohl sie ihr Kaiserreich nie selbst besuchte, ließ die Faszination durch den Subkontinent Victoria nicht los. Spät im Leben ließ sie sich von ihrem Bediensteten Abdul Karim ein wenig Urdu beibringen.

Zu besichtigen gibt es auch die Waschschürze, die sich die junge Königin schneidern ließ, um beim abendlichen Bad der Kinder dabei zu sein. Ein Sketchbuch dokumentiert das beachtliche künstlerische Talent der Monarchin. Es stammt aus dem Jahr 1863, „dem dritten Jahr meines Kummers“, wie es aus der Feder der um ihren 1861 verstorbenen Mann Albert trauernden Witwe heißt. Jahrelang ließ sich Victoria kaum noch in der Öffentlichkeit blicken, wodurch die Monarchie erheblich an Popularität verlor. Die Queen konterte 1868 durch die Veröffentlichung von Auszügen aus ihrem Tagebuch – eine Weltsensation, die blitzschnell zum Bestseller und in 33 Sprachen übersetzt wurde.

In den – posthum heftig zensierten – Tagebüchern und Briefen, schreibt Urbach in ihrer glänzenden Biographie über Victoria, „begegnet man der unbeugsamen Königin: einer parteiischen Frau, die um politischen Einfluss rang“.

- Karina Urbach: „Queen Victoria“, C. H. Beck Verlag

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