Autofahren im Alter : Wenn alte Autofahrer zur tödlichen Gefahr werden

Schlechte Augen, langsame Reaktionszeit: Viele Ältere können nicht mehr sicher Auto fahren. Doch die Politik schreckt vor Nachprüfungen zurück – anders als andere Länder.

Peter Mlodoch
Eine Teilnehmerin des Fahrtrainings für Senioren ab 65 Jahren "Fit im Auto" stellt ihren Rückspiegel ein.
Eine Teilnehmerin des Fahrtrainings für Senioren ab 65 Jahren "Fit im Auto" stellt ihren Rückspiegel ein.Foto: Alexander Körner/dpa

Eine 81-Jährige kommt mit ihrem Auto von einer Bundesstraße im Siegerland ab und fährt ungebremst in eine Gruppe von fünf Motorradfahrern gefahren. Die standen mit ihren Fahrzeugen an einer Bushaltestelle. Zwei Männer werden schwer verletzt. Das passierte am Samstag.

Ein 88- Jähriger verwechselt beim Einparken vor einer Apotheke in Hessisch Oldendorf (Landkreis Hameln) das Brems- mit dem Gaspedal. Sein Auto schießt los, zwei Passanten können sich nur mit einem beherzten Sprung zur Seite retten. Das war am Dienstag. Weitaus schlimmer endete am 13. Mai der Unfall in Brandenburg, bei dem ein 81-Jähriger auf der Bundesstraße 179 im Landkreis Dahme-Spreewald mit seinem Auto in eine Gruppe Berliner Radfahrer krachte. Eine 51-jährige Frau starb kurze Zeit später, die drei anderen wurden schwer verletzt.

Nach Horror-Vorfällen wie diesen gibt es sofort Rufe nach verpflichtenden Fahreignungstests für Senioren. Deren Augen sehen schlechter, die Hörleistung lässt nach. Ältere Autofahrer reagieren außerdem langsamer, ihre kognitiven Fähigkeiten nehmen ab, und sie schätzen gefährliche Situationen oft falsch ein – so wird argumentiert.

Die Statistiken scheinen diese Vorbehalte auf den ersten Blick zu bestätigen. „Drei Viertel der über 75-Jährigen tragen an den Unfällen, an denen sie beteiligt sind, die Hauptschuld“, sagt Siegfried Brockmann, Leiter der Unfallforscher des Versicherungsverbandes GDV. Damit schnitten sie noch schlechter ab als die gemeinhin als Hochrisikogruppe bezeichneten 18- bis 21-Jährigen mit einer Quote von 70 Prozent.

Gemessen an der Gesamtzahl sieht es jedoch schon deutlich günstiger aus: Obwohl Menschen über 65 Jahre 20 Prozent der Bevölkerung stellten, verursachten sie mit 13 Prozent weit weniger Unfälle, rechnet der ADAC vor und warnt vor Vorurteilen : „Senioren am Steuer haben oft einen schlechten Ruf – zu Unrecht.“ Dass sie weit weniger häufig mit dem Auto unterwegs sind als Jüngere, erwähnt der Automobilclub dabei nicht.

Noch seien Ältere als relativ kleine Gruppe bei der absoluten Unfallhäufigkeit kein Problem, gibt selbst Brockmann zu. Allerdings: Die Zahl der Senioren werde in den nächsten Jahren rasant in die Höhe schnellen und damit auch ihre Teilnahme im Straßenverkehr. „Dann steigt der Leidensdruck auf den Gesetzgeber“, prophezeit der Experte mit Blick auf die zu erwartenden höheren Unfallzahlen dieser Altersgruppe.

Nur Lastwagen- und Busfahrer ab 50 Jahren müssen zum Test

Im Gegensatz zu anderen Ländern brauchen ältere Autofahrer in Deutschland ihre Verkehrstüchtigkeit nicht prüfen lassen. Nur Lastwagen- und Busfahrer ab 50 müssen zum Test. Frankreich, Dänemark, Italien, Portugal oder auch die Niederlande dagegen schicken ihre Verkehrsteilnehmer ab einem bestimmten Alter, manchmal sogar schon ab 50, zur Fahrtauglichkeitsprüfung, Gesundheitsuntersuchung oder zumindest zur Augenkontrolle.

Hierzulande schreckt die Politik vor solchen Zwangstests zurück. Das Bundesverkehrsministerium winkt bei entsprechenden Anfragen ab, auch die Länder halten nichts von verpflichtenden Checks. „Die Notwendigkeit von gesetzlichen Vorgaben zu gesundheitlichen oder auch anderweitigen Überprüfungen wird derzeit nicht gesehen“, heißt es aus der niedersächsischen SPD/CDU-Regierung.

„Grundsätzlich steht es in der Eigenverantwortung eines jeden Einzelnen, für sich selber festzustellen, ob man in der Lage ist, ein Fahrzeug sicher zu führen, ohne sich oder andere zu gefährden oder sogar zu schädigen“, betont Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius (SPD) im Gespräch mit dem Tagesspiegel. Diese Grundregel bestehe für jedermann vor jedem einzelnen Fahrtantritt, unabhängig von Faktoren wie zum Beispiel dem Alter oder dem Gesundheitszustand. „Darum kann ich nur jede und jeden ermutigen, den eigenen Ist-Zustand bei einem Fahrtraining zu überprüfen.“

Experten fordern obligatorische Teilnahme an Testfahrten

Auf Einsicht und Vernunft hatte bereits der Verkehrsgerichtstag Ende Januar 2017 gesetzt und verpflichtende Tests zunächst ausgeschlossen. Das angesehene Gremium in Goslar plädierte für freiwillige „Rückmeldefahrten“ in Begleitung eines Fahrlehrers oder Verkehrspsychologen, die den Älteren mögliche Defizite aufzeigen. Aber: Falls sich herausstelle, dass von solchen Testfahrten nur unzureichend Gebrauch gemacht werde, „ist die Teilnahme obligatorisch zu machen“, forderten damals die Experten. Bislang bieten ADAC und ACE freiwillige FeedbackTouren an, allerdings nahmen 2017 daran nur 3300 ältere Autofahrer teil.

Das eintägige Programm „Fit im Auto“ der niedersächsischen Landesverkehrswacht mit Bremstraining und Fahrschulfahrt absolvierten 1800 Senioren. Größeren Zuspruch hatten die Kurse „Sicher mobil“ des Deutschen Verkehrssicherrats, in denen 83.000 ältere Menschen unter anderem lernten, wie man vom Auto in den öffentlichen Verkehr umsteigt.

Unfallforscher Brockmann hält obligatorische Prüfungsfahrten, bei denen neutrale Autoritätspersonen die Senioren auf Fehler hinweisen und qualifizierte Empfehlungen aussprechen, für den richtigen Weg. Diese Tests müssten jedoch bestimmte Standards erfüllen, um echte Defizite erkennen zu können. Dazu liefen derzeit zwei Forschungsprojekte, an denen sich noch ein „Feldversuch“ draußen im Verkehr sowie die Schulung der Begleitpersonen anschließen müssten. Das werde noch sechs, sieben Jahre dauern. Allein das Alter, betont Brockmann, sei kein Kriterium für die Fahrqualität. „Es gibt 40-Jährige, die schlecht Auto fahren. Und es gibt 80-Jährige, die sind noch richtig gute Autofahrer.“

Vor anderthalb Wochen verwechselte ein Audi-Fahrer in Helmstedt beim Einparken in seine Garage Gas- und Bremspedal. Er krachte auf der anderen Straßenseite rückwärts gegen die Hauswand seines Nachbarn. Alter des Fahrers, der unverletzt blieb: 52 Jahre.

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