Bildung in der Kritik : Wie Lehrer in Russland das Schulsystem modernisieren

Die Lehrmethoden gelten oft als streng und veraltet. Eine Initiative will das ändern. Manch ärmere Region profitiert bereits davon. Ein Besuch in Karinskoje.

Alexander Jadrins Methoden unterscheiden sich von vielen anderen Lehrern.
Alexander Jadrins Methoden unterscheiden sich von vielen anderen Lehrern.Foto: Oliver Bilger

Mittwoch, Viertel nach zwölf. Fünfte Stunde: Physik. Alexander Jadrin erklärt den Jugendlichen in der 9a an der Schule im russischen Karinskoje die Funktion von Röntgenstrahlen. Er lehrt, wer Marie Curie war, was Becquerel bedeutet und warum Radioaktivität gefährlich sein kann. Jadrin malt Atome an die Tafel, zeigt auf Youtube einen Clip über ihren Aufbau. Wo das erste wirtschaftliche Atomkraftwerk der UdSSR gebaut wurde, will er anschließend wissen. Die Schüler überlegen. Moskau? Tschernobyl? „Der erste Reaktor entstand in Obninsk“, lautet die richtige Antwort.

Jadrins Schüler sitzen an Zweiertischen aus hellem Holz. An der Spitze des Raumes auf einer leichten Erhöhung thront das Lehrerpult – das russische Lehrer fast wirken lässt wie einen Zar vor Untertanen. Bei Jadrin allerdings symbolisiert die kleine Stufe kein Machtgefälle.

Wenn Schüler tuscheln und den Unterricht stören, spricht er in einem strengereren Ton, wird aber nicht laut. Alexander Viktorowitsch, wie ihn die Kinder mit Vatersnamen anreden, ist eine Respektsperson – ohne Geschrei und Strafe. Stattdessen ermahnt er die Störer höflich, sagt ihnen, dass er enttäuscht ist. „Ich hoffe, dass sie das übernehmen und selbst sagen, wenn etwas nicht in Ordnung ist“, erklärt er nach dem Unterricht. „Ich spreche über meine Gefühle, weil das hilft, miteinander zu kommunizieren.“

Viele Eltern haben den Drill selbst erlebt

Jadrin, das wird rasch klar, ist anders als andere Lehrer. Schon mit seinen 196 Zentimetern Körperlänge fällt er sofort auf, weil er jeden auf dem Schulflur überragt. Ein Schlacks mit Vorliebe für Hosenträger und Fliege, weinrot und aufeinander abgestimmt. Er trägt ein dünnes Bärtchen und das Haar gescheitelt. Mit 30 Jahren ist er deutlich jünger als die meisten seiner Kollegen und energetischer. Und auch die sanfte Art ist hier in der russischen Provinz alles andere als alltäglich.

„Neugier“ sei „wie eine Kerze“, sagt Alexander Jadrin. Er möchte seine Schüler ermutigen, eigene Träume zu haben. 
„Neugier“ sei „wie eine Kerze“, sagt Alexander Jadrin. Er möchte seine Schüler ermutigen, eigene Träume zu haben. Foto: Oliver Bilger

Andere Lehrer sind oft streng, sie schikanieren und bestrafen Kinder, schreien sie an. Ihre Methoden im Unterricht: altmodisch und steif. Viele Eltern schockt das nicht, schließlich haben sie den Drill der eigenen Schulzeit noch gut in Erinnerung. Alte Traditionen überleben auch, weil viele Lehrer über den offiziellen Ruhestand hinaus unterrichten, um ihre bescheidene Rente aufzubessern. Ihre Methoden behalten sie bei.

Mancherorts verändert sich Russlands Schulsystem dennoch – zum Beispiel drinnen, in den Klassenräumen von Karinskoje. Draußen, hinter dem hohen Zaun, der das Schulgebäude einfriedet, wird klar, wieso Wandel nötig ist.

Moskau ist nah und trotzdem fern

Karinskoje ist ein Nest mit knapp 1500 Bürgern, 70 Kilometer westlich von Moskau. Wo man einen Speckgürtel um die Metropole erwarten könnte, beginnt hinter der Stadtgrenze schnell Tristesse. Hier stehen graue, fünfgeschossige Plattenbauten, es gibt einen kleinen Supermarkt und ein georgisches Restaurant. Größte Attraktion und zentraler Treffpunkt ist die schmale Hängebrücke über die Moskwa.

Moskau ist nah und für viele trotzdem unerreichbar. Manche Schüler aus dem Dorf waren noch nie in der Hauptstadt. Vielen, sagen die Lehrer, genüge die Aussicht auf einen Job im Supermarkt ums Eck. Viele verlassen die Schule nach der 9.Klasse, suchen lieber einen Job, statt an eine Uni zu gehen; besser festen Boden unter den Füßen, als eine Zukunft so unstet wie die schwingende Moskwa-Brücke.

Die Schule in Karinskoje, ein Nest mit knapp 1500 Bürgern, 70 Kilometer westlich von Moskau.
Die Schule in Karinskoje, ein Nest mit knapp 1500 Bürgern, 70 Kilometer westlich von Moskau.Foto: Oliver Bilger

Auch der Lehrerberuf ist nicht sonderlich begehrt, das gilt insbesondere in der Provinz. Es gibt kaum Gründe, in einen Ort wie Karinskoje zu ziehen, mit schwacher Infrastruktur und niedrigen Löhnen. Nur etwas mehr als umgerechnet 300 Euro beträgt der Lohn. Die Folge: Lehrermangel.

Seit sechs Jahren versucht eine privat- gegründete Initiative, der Krise des Schulsystems etwas entgegenzusetzen. Damals riefen Lena Jarmanowa und Aljona Markowitsch – beide studierten zusammen internationale Beziehungen – das Programm „Lehrer für Russland“ ins Leben. Ähnlich wie bei den Vorbildern „Teach for All“ aus den USA oder „Teach First“ in Deutschland geht es darum, junge Uni-Absolventen als Lehrer auf Zeit an die Schulen zu schicken; ohne vorheriges pädagogisches Studium, aber mit einem Spezialtraining und einem zweijährigen Stipendium, das das magere Gehalt kompensiert.

Kritisches Denken vermitteln

Die neuen Lehrer sollen ihre praktische Erfahrung in den Unterricht einbringen. „Wir schicken Vorbilder, die die Schulen ohne unsere Lehrer nicht hätten“. Die Lehrer, erklärt die 31-jährige Jarmanowa, sollen neue Möglichkeiten der Berufswahl aufzeigen, die gerade in abgelegenen Regionen unerreichbar scheinen. Deshalb entsendet das Programm Teilnehmer an leistungsschwache Schulen in einem schwierigen sozialen Umfeld.

Im Fokus steht, was an anderen Schulen oft in den Hintergrund rückt: die Vermittlung von selbstständigem und kritischem Denken. „Jedes Kind ist Autor seines eigenen Lebens“, lautet die Philosophie der Initiative. Jeder solle die Möglichkeit haben, verschiedene Lebensentwürfe abwägen zu können, erklärt Jarmanowa.

177 Lehrer zählen zum aktuellen Jahrgang. 107 Alumni haben das Programm absolviert. „Die meisten sind immer noch Lehrer“, erklärt die Gründerin stolz. Die Schule in Karinskoje war die erste im Moskauer Umland, die ihre Türen für die „Lehrer für Russland“ öffnete. Jadrin war unter den ersten. Nun ist er Alumnus und Ansprechpartner für Nachfolger, von denen es in Karinskoje zurzeit sechs gibt, von insgesamt 27 Lehrern – für insgesamt 272 Schüler.

Stures pauken ist nichts für Jadrin

Jadrin möchte seinen Schülern zu mehr Möglichkeiten verhelfen. Gerade hier, in der Provinz, wo die Aussicht auf große Chancen klein ist. Er will Neugier und Kreativität seiner Schüler wecken. „Ich versuche ihnen Dinge zu geben, die sie diskutieren können“, sagt er. Sich vor die Klasse zu stellen und zu referieren, die Klasse stur pauken zu lassen, das ist nichts für ihn.

„Ich will, dass die Schüler Fragen stellen, denn wer Fragen stellt zeigt, dass er denkt.“ Der junge Lehrer findet: „Neugier“ sei „wie eine Kerze“. „Ich kann die Kerze den Schüler geben, aber jedes Kind muss sie selbst entzünden.“ Ein Motto treibe ihn an: „Habe den Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“, zitiert Jadrin Kant, der diesen Satz zum Leitspruch der Aufklärung machte.

Verändern wollte Jadrin schon früh etwas, als er noch nicht an ein Lehrerleben dachte. Ursprünglich wollte er Banker werden, promovierte in Ökonomie. Davor schien ihm das Amt des Bürgermeisters in seinem sibirischen Heimatort Barabinsk erstrebenswert. Nur zu gerne hätte er dort die schlechten Straßen ausgebessert. „Bürgermeister ist eine Möglichkeit, etwas zu verändern – zumal wenn er etwas von Wirtschaft versteht“, war Jadrin überzeugt. Nach dem Studium direkt ins Rathaus, das war sein Traum.

Doch im Studium wuchs in ihm den Wunsch heran, zu unterrichten. Nun möchte er die Schüler ermutigen, eigene Träume zu haben. Die Abgehängten will Jadrin zu neuer Klasse führen.

Putin fordert mehr Aufmerksamkeit für die Bildung

Russlands Bildungssystem steht derweil seit Jahren in der Kritik. Es gilt als lange vernachlässigt. In internationalen Vergleichen schneiden die Schüler nur mäßig ab. Präsident Wladimir Putin forderte vor einiger Zeit „besondere Aufmerksamkeit für unsere Bildung“ – für eine wettbewerbsfähige Wirtschaft. Reformen der Vergangenheit zeigten jedoch wenig Erfolg. Stattdessen scheint sich das Bildungssystem der Sowjetunion in den Köpfen festgesetzt zu haben, viele, die es erlebt haben, verklären es sogar.

Die letzte große Bildungsreform ist zehn Jahre alt. Der Grundgedanke lautet: Jedes Kind ist talentiert und sollte die Chance auf Erfolg haben. In 90, 95 Prozent funktioniere dies allerdings nicht, beklagt Oleg Fjodorow. „Oft verstehen Lehrer nicht, dass die Rolle der Bildung eine andere geworden ist.“

Fjodorow, 31, ist Professor am Institut für Pädagogik an der renommierten Moskauer Higher School of Economics, die im Zuge der Reform die Lehrerausbildung modernisieren will. Die Universität ist außerdem Partner der „Lehrer für Russland“. Nur mit neuen Methoden ließen sich moderne Bürger heranziehen, meint der Professor.

„Bildung soll jedem helfen, seinen Weg im Leben zu finden“, sagt Professor Oleg Fjodorow. 
„Bildung soll jedem helfen, seinen Weg im Leben zu finden“, sagt Professor Oleg Fjodorow. Foto: Oliver Bilger

Seine Hochschule bietet den Studenten theoretische Ausbildung, begleitet von praktischen Phasen. Das Modell ist vergleichbar mit einem Referendariat und in Russland keineswegs üblich. „Andere Universitäten, selbst die Pädagogischen tun so, als seien ihre Studenten für den Schulalltag vorbereitet“, bemängelt der Bildungsexperte, „aber das sind sie nicht – weder beim Fachwissen, noch bei den Methoden.“ Seine Moskauer Universität ist eine von vier Hochschulen im riesigen Land, die den neuen Ansatz bislang im Lehramtsstudium umsetzen.

Lehrer sollen individuelle Stärken fördern

„Bildung soll jedem helfen, seinen Weg im Leben zu finden“, erklärt Fjodorow. Das unterscheide das viel gelobte sowjetische Bildungssystem von den heutigen Anforderungen. Die Ausbildung in der Sowjetunion sei zwar sehr gut gewesen, sagt er, aber gleichzeitig dazu bestimmt, auf die Bedürfnisse der Planwirtschaft zu reagieren. Stets darauf ausgerichtet, jene herauszufiltern, die nicht für eine höhere Bildung geeignet waren. „Wer schlecht in Mathematik war, aber ein guter Sänger, konnte nicht studieren, nicht einmal an einer Musik-Hochschule.“

Deshalb sei es heute umso wichtiger, dass nicht jeder die gleichen Anforderungen bestehen müsse, findet Fjodorow. Es gilt dort zu fördern, wo ein Schüler „die größten Stärken hat“. Soweit die Theorie. Denn noch immer glaubten viele, „dass alle Schüler Mathematik auf einem bestimmten Level verstehen müssen“.

Bisher existiert vieles davon nur auf dem Papier. Die Erfolge der Reform dürften erst dann zu sehen sein, wenn die Schulkinder von heute selbst einmal Eltern sind, sagt er.

Lehrer wie Jadrin arbeiten schon heute mit Hochdruck daran. „Es geht darum, ein Ziel im Leben zu haben“, sagt er. Im Physiksaal in Karinskoje wird deutlich, dass sich schon heute etwas verändern lässt.
Die Recherche wurde vom Osteuropa- Hilfswerk Renovabis gefördert.

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