Comic-Legende : Der Salinger der Comicszene: Steve Ditko ist tot

Künstlerische Autonomie war ihm das Wichtigste: Zum Tod von Steve Ditko – dem Schöpfer von Spider-Man, Dr. Strange und vielen anderen Comicfiguren.

Ein Spider-Man-Cover auf der ComicCon in New York.
Ein Spider-Man-Cover auf der ComicCon in New York.Foto: Emmanuel Dunand/AFP

Steve Ditko war ein Phantom, der Salinger der Comicszene. Vor Jahren verschwand der Schöpfer von Spider- Man, Dr. Strange und einem Dutzend anderer heute noch populärer Comicfiguren ins Private. Das Andere mit seinem geistigen Eigentum Milliarden verdienten, interessierte ihn überhaupt nicht. Jetzt ist der legendäre Zeichner im Alter von 90 Jahren gestorben.

Stephen J. Ditko wurde am 2. November 1927 als Sohn eines Stahlarbeiters und einer Schneiderin in Johnstown, Pennsylvania geboren. Die Liebe zum Comic wurde ihm vom Vater, einem begeisterten „Prinz Eisenherz“-Fan, vererbt. 1945 verließ er die High School und diente in der US-Armee im besetzten Deutschland. Nachdem er 1950 in die Staaten zurückgekehrt war, begann er das Studium an einer Kunsthochschule in New York. Nur drei Jahre später zeichnete er schon für den Verlag Charlton, schuf dort den maskierten Rächer The Question.

Doch Ditkos eleganter, manieristischer Stil, der einen hohen Wiedererkennungswert hatte, verschaffte ihm auch Aufträge von anderen Unternehmen. Besonders bemerkenswert ist die Art und Weise, wie Ditkos Figuren oft ihre Hände halten, ein Stilmittel, dass ihm den Ruf einhandelte geheime Botschaften in seinen Zeichnungen zu verstecken. So stieß er beim Marvel Verlag auf den Autoren Stan Lee und dessen künstlerischen Partner Jack Kirby, gemeinsam erfanden und gestalteten sie die Figur Spider-Man, im Privatleben der schüchterne Teenager Peter Parker, der noch Anfang der 60er Jahre eine eher schräge Vorliebe für die Klamotten der 30er hatte. Streift er sich jedoch sein markantes blau-rotes Kostüm über, verwandelt sich Peter in eine veritable Revolverschnauze, der seine Gegner mit Wortschwallen nervt und schwächt. Sehr viel erwachsener – und vermutlich sogar leicht autobiografisch angehaucht – war da die Figur des Großstadtzauberers Doctor Stephen Strange, ein Chirurg, der durch eigene Schuld verstümmelt nun versucht, Menschen mit Hilfe der Magie zu helfen.

Von Steve Ditko gab es bis zuletzt nur alte Archivfotos.
Von Steve Ditko gab es bis zuletzt nur alte Archivfotos.Foto: Marvel/Promo

Zwischen 1962 und 1966 entstanden jeweils knapp drei Dutzend Spider-Man- und Doctor-Strange-Hefte und eine Handvoll Gastauftritte in anderen Serien des Verlags. Ein geringer Ausstoß, der jedoch daran lag, dass Ditko, anders als andere Künstler, seine Bleistiftzeichnungen auch selbst tuschte, um die größtmögliche Kontrolle über sein Werk zu haben. Im Frühjahr 1966 lieferte Ditko die letzten Seiten für Marvel ab – mit einem Kündigungsschreiben. In der Folge arbeitete er zunächst für Marvels Konkurrenten DC, für den er so merkwürdige wie Figuren Hawk And Dove und den Creeper schuf. Sehr viel bemerkenswerter sind jedoch die schwarz-weiß-Stories, die er für die Horrormagazine Eerie und Creepy zeichnete: Hier finden wir einen Künstler auf dem Höhepunkt seines Schaffens, der seinen Seiten mit grauen Wash-Up-Effekten Tiefe gab und dessen schwarze Flächen von seelischen Abgründen erzählten.

Es gibt viele seltsame Geschichten um das Phantom Ditko

Ansonsten erzählte Steve Ditko nicht viel. Die Gründe für seine Kündigung und seinen teilweisen Rückzug aus der Comicszene blieben lange im Dunkeln. Ist er gegangen, weil er viele der Marvel-Hefte selber geschrieben hatte, Stan Lee aber darauf bestand, als Autor genannt zu werden? Oder hatte die seltsame Begeisterung die Ditko für den Objektivismus der Autorin und Philosophin Ayn Rand entwickelte, etwas damit zu tun? Die Wahrheit ist: Es ging um Geld, um künstlerische Autonomie und darum, dass sich der elitäre Steve Ditko niemandem beugen wollte, den er als intellektuell unter seinem Niveau betrachtete. Es gibt viele seltsame Geschichten um das Phantom Ditko. Eine handelt davon, dass er Seiten für seinen Kollegen und Freund Eric Stanton getuscht, wenn nicht sogar komplett gezeichnet hätte, Sex- und Fetisch-Comics mit homosexuellen Motiven. „Das soll mal jemand beweisen!“, feixte Ditko, wenn er darauf angesprochen wurde.

In einem Essay rechnete er mit Stan Lee ab

Interviews gab Ditko in den letzten 50 Jahren keine mehr, aber er empfing Fans und Journalisten gerne in seinem unaufgeräumten Studio mitten in New York, wo der ältere Herr jeden Tag im Anzug mit einer Baskenmütze auf dem Kopf saß. Er beantwortete Briefe durchaus freundlich und ausführlich, erklärte, was für ihn Heldentum ausmachte. Nur bat er eben darum, auf gar keinen Fall zitiert zu werden. Er schrieb kleine Essays, in denen er unter anderem mit Stan Lee abrechnete. Und er zeichnete, jeden Tag, für einen Kleinverlag, der Bücher nur für Fans herstellte. Sein Held Mr. A ist ein typischer Vertreter des Objektivismus, ein radikal Libertärer, ein konservativer Anarchist, geprägt von extremen Schwarz-Weiß- Denken, ein Egoist, der den Kapitalismus feiert und allen sozialen Bewegungen skeptisch gegenüber steht.

Ein Besucher des Ditko’schen Studios bemerkte entsetzt, dass der Meister Notizen und Skizzen auf den Rückseiten von inzwischen unbezahlbaren Spider-Man-Originalseiten erstellte. Das alles interessierte den alten Herrn nicht mehr. Auch dass Marvel, Disney und 20th Century Fox mit seinen Schöpfungen Milliarden verdienten – Ditko wollte darüber nicht reden. Er zündete sich eine Zigarette an – rauchen ist die ultimative Form der Freiheit im Objektivismus – und schmunzelte.

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So viel Autonomie – eine Familie hat Steve Ditko nie gegründet – forderte am Ende ihren Preis: Ditkos Hausmeister fand seine Leiche am 29. Juni im Studio. Die Fragen nach dem genauen Todeszeitpunkt und wie lange er dort schon gelegen hatte, kann niemand beantworten.

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