Der Irak nach dem dem IS : „Die Leute sind müde. Aber sie haben Hoffnung“

Oxfam-Chef Gonzales über das Erbe des „Islamischen Staates“ im Irak und die Hilfe für traumatisierte Menschen im Land. Ein Interview.

Hilfe für die Bedürftigen. Freiwillige teilen in einem irakischen Flüchtlingscamp Essen aus.
Hilfe für die Bedürftigen. Freiwillige teilen in einem irakischen Flüchtlingscamp Essen aus.Foto: SAFIN HAMED / AFP/

Andres Gonzalez ist Landesdirektor der internationalen Hilfsorganisation Oxfam im Irak. Zuvor arbeitete er unter anderem im Gazastreifen, West Bank sowie Afghanistan.

Der humanitäre Koordinator der Vereinten Nationen im Irak hat die dortige Lage als eine „Krise des Geistes“ bezeichnet, weil es so viele traumatisierte Flüchtlinge gibt. Wie erleben Sie die Situation?

Wenn man mit den Flüchtlingen spricht, sieht man großen psychosozialen Schaden. Das Leben unter dem IS war fürchterlich. Ich habe Kollegen in meinem Regionalbüro, die früher unter der IS-Herrschaft lebten. Die haben zwei oder drei Jahre lang das Haus nicht verlassen. Die Männer konnten nicht rausgehen, weil sie Angst hatten, rekrutiert zu werden.

Die Frauen hatten Angst vor der Sittenpolizei, mussten sich komplett verschleiern. So eingeschlossen zu sein, hinterlässt Spuren. Während des Krieges gab es auch große Verluste. Es gibt wohl in jeder irakischen Familie einen Bruder, eine Schwester oder einen Cousin, der gestorben ist. Viele mussten in Camps leben. Stellen Sie sich vor, sie müssen monatelang in einem Zelt leben. Die Sommer im Irak sind heiß, die Winter kalt, man langweilt sich den ganzen Tag. Man weiß nicht, wo die Familie ist, ob sie noch lebt. Das schafft großen Stress für die Menschen.

Wie war Ihr erster Eindruck von der Situation im Land, als Oxfam 2014 in den Irak zurückkehrte?

Es war totales Chaos. Tausende Menschen lebten in Camps und unfertigen Häusern zusammen. Es brauchte mehrere Monate, um das zu ordnen. Die kurdische Regierung unternahm große Anstrengungen, diese Millionen von Menschen umzusiedeln. Wir humanitären Organisationen kümmerten uns hauptsächlich um Unterkünfte, Essen und Wasser. Wir dachten damals: Diese humanitäre Krise dauert vielleicht drei Monate. Am Ende sollte sie über drei Jahre dauern.

Und es sind immer noch nicht alle Binnenflüchtlinge zurückgekommen.

Ja, 300.000 Menschen leben in Camps, 1,6 Millionen Iraker sind noch nicht in ihre Heimatorte zurückgekehrt. Ich erinnere mich an die Belagerung von Mosul, als eine Million Menschen flohen. Die Regierung und die NGOs richteten Camps ein, die für einige Monate ausgelegt waren. Am Ende blieben sie bis zu zwei Jahre.

Andres Gonzalez ist Landesdirektor der internationalen Hilfsorganisation Oxfam im Irak.
Andres Gonzalez ist Landesdirektor der internationalen Hilfsorganisation Oxfam im Irak.Foto: Promo

Warum verläuft die Rückkehr so schleppend?

Das Gebiet, das sich länger unter IS-Herrschaft befand, war wie ein schwarzes Loch. Niemand wusste, was dort passierte. Als sich uns die Tür wieder öffnete, wurde klar, dass es viel schlimmer war als erwartet. Nicht nur die Zerstörung – der IS kümmerte sich vier Jahre lang nicht um die Instandhaltung von Infrastruktur. Sie raubten, plünderten, stahlen. Wenn sie sich aus einer Region zurückzogen, brannten sie Häuser ab. Kennen Sie Attila, den plündernden Hunnenkönig? So gingen sie vor. Der zweite Grund ist, dass vor Ort Ressourcen für den Wiederaufbau fehlen. Das liegt an schlechter Planung und mangelnder Finanzierung.

Das Leibniz-Institut für Globale und Regionale Studien schreibt, dass eine nachhaltige Rückkehr nicht nur von der Sicherheitssituation abhängt, sondern auch von sozialem Frieden auf lokalem Niveau. Sehen Sie das genauso?

Der IS hat gezielt Schlüsselfiguren lokaler Gemeinschaften, wie etwa Imame, getötet. Das trägt zum schlechten sozialen Zusammenhalt bei. Die lokalen Anführer sind wirklich wichtig, um Gemeinschaften zu befrieden. Der Irak ist ein sehr vielfältiges Land, wir haben verschiedene Konfessionen, Stämme, politische Ideen. Es ist, als würde man einen Kuchen nehmen und ihn in 200 Teile schneiden.

Ich spüre einen großen Mangel an Vertrauen in den lokalen Gemeinschaften. Viele Menschen wurden gezwungen, für den IS zu arbeiten – nicht nur als Kämpfer, sondern auch in der Verwaltung oder als Dienstleister. Die Folge davon sind Spannungen auf lokalem Niveau, denn manchmal haben sogar Nachbarn sich gegenseitig verraten.

Wie drückt sich das aus?

Ein besonderes Problem sind die hinterbliebenen Familien von IS-Kämpfern. Meistens sind das Frauen und Kinder. Sie werden von ihren Gemeinschaften verstoßen, müssen oft in Camps leben und haben keine Lebensgrundlage, weil der Familienvater fehlt. Wir sprechen hier von zehntausenden, vielleicht sogar über 100.000 Menschen. Wir unterstützen diese Familien, aber wir müssen sehr vorsichtig sein, weil ihre ehemaligen Nachbarn und Freunde das nicht gutheißen.

Was passiert mit diesen Menschen, wenn sie sich nicht reintegrieren können?

Wenn es uns nicht gelingt, sie aus den Camps zu holen und ihnen eine Zukunft zu geben, dann verlieren sie den sozialen und wirtschaftlichen Anschluss. Die Folge könnte sein, dass diese verstoßenen Kinder sich dem IS anschließen. Wir reden hier von tausenden Menschen – und wir müssen schnell sein. Diese Kinder werden groß und wir können nicht jahrelang warten, sonst sind sie in rekrutierfähigem Alter. Da würden wir gerne mehr Präsenz der Regierung sehen.

Warum ist der Einsatz der Regierung denn so schwach? Das Bruttoinlandsprodukt steigt doch seit Jahren konstant.

Ungefähr 70 Prozent der Einnahmen im Irak kommt aus dem Ölabbau, aber nur ein Prozent der Arbeitnehmer arbeiten im Ölsektor. Das heißt, diese Einkünfte konzentrieren sich bei einigen Wenigen. Die meisten Menschen im Irak sind beim Staat angestellt, ein großer Teil des Staatsbudgets wird für Gehälter verwendet. Deswegen ist der private Sektor sehr klein – was wir ändern wollen, indem wir Landwirte und Kleinunternehmer fördern. Es gibt keine Kleinkredite, kein System, um junge Unternehmer und Bauern zu fördern. Das Ausbildungssystem ist auch gerade erst im Aufbau.

Wenn wir Mosul als Beispiel nehmen, was hat sich in den zwei Jahren seit der Rückeroberung durch die Regierungstruppen getan?

Mosul ist durch den Fluss in Ost und West geteilt. Der Westen war sehr stark zerstört, es gab Vergleiche mit dem Zustand deutscher Städte nach dem Zweiten Weltkrieg. Wir haben kurz nach der Rückeroberung beim Wiederaufbau der Wasserversorgung geholfen. Jetzt, zwei Jahre später, erholt sich die Stadt langsam. Der Ostteil der Stadt funktioniert wieder einigermaßen, im Westen kämpft man noch. Die Straßen sind frei, einige öffentliche Gebäude werden wiederaufgebaut, zum Beispiel die Krankenhäuser.

Was ist die größte Herausforderung für das Land bei der Entwicklung zum funktionierenden Nationalstaat?

Es geht nicht um Sunniten gegen Schiiten oder um Stammeszugehörigkeiten, es geht um Hoffnung und darum, eine Zukunft zu haben. Das sieht man auch bei den Protesten in Bagdad und im Süden des Landes. Die Menschen haben genug von Ungleichheit und Ungerechtigkeit – wie überall auf der Welt, ob im Libanon oder in Chile.

Durch die sozialen Medien wachen die Menschen jetzt auf. Der Irak ist eines am stärksten von Krieg betroffenen Länder auf der Welt, vielleicht abgesehen von Palästina. Zuerst der Krieg mit dem Iran, der Erste Golfkrieg, der Zweite Golfkrieg, die Invasion durch die Amerikaner und der Bürgerkrieg, der darauf folgte. Und dann der „Islamischen Staat“. Die Leute sind müde. Aber sie haben Hoffnung.

Wir haben junge Leute zu ihren Zukunftswünschen befragt. Ihr Wunsch war nicht, nach Europa zu fliehen. Sie wollen einen Job und ein Leben im Irak. Aber wenn ein reiches Land wie der Irak es schaffen könnte, seinen Reichtum vernünftig zu nutzen, können wir den radikalen Kräften etwas entgegensetzen.

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