Deutsch-russische Beziehungen : Rasendiplomatie in schwierigen Zeiten

Beim Fußballspiel des FC Bundestag gegen eine Auswahl der russischen Staatsduma ging es deutlich zu - so wie in den vorausgegangenen Gesprächen.

Vizekapitän Mahmut Özdemir (dritter von rechts) tauscht Wimpel mit seinem russischen Kollegen.
Vizekapitän Mahmut Özdemir (dritter von rechts) tauscht Wimpel mit seinem russischen Kollegen.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Sport und Politik – zwei Dinge, die eigentlich ungerne vermischt werden. Und doch dachte man Rande des Fußballspieles des FC Bundestag gegen eine Auswahl der russischen Staatsduma am Montag häufig: Wenn die so miteinander reden, wie die gegeneinander spielen, waren das sicher hitzige Gespräche. Denn bei der Eins zu zwei-Niederlage der deutschen Parlaments-Elf im Stadion des SC Siemensstadt in Berlin-Spandau ging es nicht nur freundschaftlich zur Sache.

Der Bundestag hatte die russischen Kollegen eingeladen – und das nicht nur zum Fußballspielen. Bundestagsvizepräsident Thomas Oppermann (SPD) begrüßte am Montag die Delegation des russischen Parlaments im Reichstagsgebäude. Auf dem Programm standen am Mittag zunächst schwierige Gespräche.

Russische Cyberangriffe, Ukraine- und Krim-Krise, Nord Stream 2 – alles keine leichten Themen. „Wir wollen ja nicht nur Fußball spielen, sondern wir wollen auch sehr direkt miteinander reden, über das was uns unterscheidet“ sagte Oppermann dem Tagesspiegel vor dem Spiel. Es sei eine Tragödie, dass Sanktionen die beiden Länder trennten. „Aber sie sind natürlich unvermeidlich, solange die Situation in der Ostukraine derartig inakzeptabel ist“, sagte Oppermann. Fußball allerdings helfe dabei, sich deutlich die Meinung zu sagen. „Wenn man auch ein bisschen Spaß zusammen hat, ist es eher möglich, sich die Dinge auch direkt zu sagen“, so Oppermann, der beim Spiel als Stürmer auflief. „Insofern ist Fußball immer auch ein bisschen Diplomatie.“

Bundestagsvizepräsident Thomas Oppermann spielte am Montag als Stürmer - blieb aber torlos.
Bundestagsvizepräsident Thomas Oppermann spielte am Montag als Stürmer - blieb aber torlos.Foto: Monika Skolimowska/dpa

Fußball als Diplomatie – wie das aussah, konnte man in den kommenden 60 Minuten auf dem Platz sehen. Vor dem Anpfiff wurde mit einer Schweigeminute der Opfer des in Brand geratenen Flugzeugs auf dem Moskauer Flughafen gedacht, beide Mannschaften spielten mit Trauerflor. Dann ging es los. Vize-Kapitän Mahmut Özdemir (SPD) stellte seine Mannschaft entsprechend ein. „Wir wollen in den nächsten Tagen nicht mit gesenktem Haupt herumlaufen“, rief er seiner Mannschaft zu. „Wir wollen gewinnen!“ Eine Niederlage wie im letzten Jahr, bei dem der FC Bundestag in Moskau gegen die russischen Kollegen drei zu fünf verloren hatte, wollte er offensichtlich nicht erleben.

"Unter Freunden sagt man sich unangenehme Dinge ins Gesicht"

Das Spiel begann für die Bundestags-Elf vielversprechend, mit eins zu null gingen die Deutschen in der ersten Halbzeit durch den FDP-Abgeordneten Oliver Luksic in Führung. Die russische Auswahl wollte das aber offensichtlich nicht auf sich sitzen lassen, glich später aus und konnte in der zweiten Halbzeit auch noch das entscheidende zwei zu eins erzielen. Beachtlich war der Ehrgeiz, den die Duma-Abgeordneten an den Tag legten – und der zum Teil die Grenze zur Fairness überschritt. Immer wieder kam es zu kleinen Tritten oder Zusammenstößen. "Passt auf, die treten einem gerne mal auf den Fuß", mahnte Özdemir seine Mannschaft in der Halbzeit.

Dem Hinweis zum Trotz lagen zu einem Zeitpunkt gegen Ende des Spiels zwei Spieler des FC Bundestag gleichzeitig verletzt am Boden – einer der Gefoulten, der CDU-Abgeordnete Ingmar Jung, musste nach einem rüden Tritt sogar ausgewechselt werden und lief laut über seinen Gegenspieler fluchend vom Feld. Ob er mit dem Übeltäter nach dem Spiel nochmal sprechen wolle? „Schauen wir mal“, sagte er, immer noch sauer über das Foul. Kurz danach erfolgte der Abpfiff, die russischen Abgeordneten konnten wie schon im letzten Jahr einen Sieg verbuchen.

„So ist Fußball, mit der Niederlage müssen wir leben“, sagte Vizekapitän Özdemir dem Tagesspiegel nach dem Spiel. Und schob nicht ganz ernst gemeint hinterher: „Ich hoffe, dass wir jetzt nicht mehr Konflikte vom Platz in die deutsch-russischen Beziehungen mitnehmen.“ Er selbst hatte in den Gesprächen am Mittag besonders das Thema Hackerangriffe angesprochen. „Ich habe die russischen Kollegen dazu aufgerufen, parlamentarische Kontrolle walten zu lassen und den Geheimdiensten, die solche Aktionen steuern oder zumindest befördern, ein parlamentarisches Kontrollsystem anzulegen.“

Man habe es ernst gemeint, dass die Russen als Freunde begrüßt würden. „Und unter Freunden sagt man sich die Wahrheit und unangenehme Dinge ins Gesicht. Das haben wir getan“, sagte Özdemir. Durch Fußball aber entstehe ein Vertrauen – und politischer Fortschritt.  Solange jedoch jeder seine eigenen Wahrheiten habe, könne es keinen Fortschritt geben. Man lasse die Gespräche aber nicht abreißen. „Wir bleiben aber in Kontakt, das nächste Spiel wäre ja dann wieder in Moskau – das hängt aber auch ein bisschen von der politischen Großwetterlage ab.“

Und so ging es auf und neben dem Platz Feld diplomatisch zu, aber vor allem direkt und deutlich – so wie man sich ja auch begegnen wollte. Alles als Freunde selbstverständlich.

Jetzt neu: Wir schenken Ihnen 4 Wochen Tagesspiegel Plus!