„Wir brauchen alles", sagt der Bürgermeister.

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Die Philippinen nach dem Taifun : Sturm und Drang

Weiter durch Batang. 182 Häuser im Ort sind weitgehend verschwunden, ein großes Gebäude steht noch windschief in der Gegend. Die Fischer hier besaßen 20 große Boote, alle sind weg. Von der Kirche sind nur mehr ein paar Statuen und die Glocke in einem windschiefen Türmchen übrig. Ein junger Mann sitzt darin, lacht und hält einen weißen und einen schwarzen Flipflop hoch. Hier warten alle auf Hilfe.

Weiter durch Carmen. Dort baumelt nur noch das Ortseingangsschild. Dahinter haben sich ein paar Familien aus blauen Planen und ein paar Stämmen provisorische Unterkünfte gezimmert.

Weiter durch Hernani. Die Kreisstadt hat 14 000 Einwohner. Bürgermeister Edgar Boco steht im brombeerfarbenen Poloshirt im Rathaus und ist dem Nervenzusammenbruch nahe. Er kam erst am Tag vor dem Sturm aus Manila zurück, er hat seine Leute nicht ausreichend vorbereitet. Jetzt wächst dem 36-Jährigen die Situation über den Kopf. In seinem Büro stapeln sich Trümmer, die von den Wellen hereingeschoben wurden, im Eingang hat nun endlich ein Ärzteteam aus dem Norden eine provisorische Station eingerichtet. Viele Menschen haben entzündete Wunden, die Wellen haben viele scharfe Gegenstände mitgeschleppt, andere haben Atemwegsprobleme und juckende Hautausschläge.

„Wir brauchen alles. Kindergärten, Schulen, Häuser, Essen, Benzin“, sagt der Bürgermeister verzweifelt. Was in den Kartons von USAID ist, die hinter ihm stehen, weiß er nicht. Er holt ein Messer, schneidet die Kiste auf, reißt eine Rolle raus: „Wir haben Klopapier, wir haben Seife, wir haben Waschpulver“, seine Stimme überschlägt sich fast. „Das ist doch nichts.“

Straße nach Irgendwo. Kurt Behringer notiert auf der Insel Samar die Dringlichkeit der Not. Wo es am schlimmsten ist, wird er tätig.
Straße nach Irgendwo. Kurt Behringer notiert auf der Insel Samar die Dringlichkeit der Not. Wo es am schlimmsten ist, wird er...Foto: Ingrid Müller

Aber ja doch, auch so was brauchen sie, aber als Erstes? Kurt Behringer schreibt alles in sein Notizbuch. Würde er hier anfangen, könnten in zehn Tagen die ersten Kinder wieder in den Kindergarten gehen. Aber Hernani ist erst nach Salcedo dran. Es liegt an der Durchgangsstraße, da werden auch andere kommen.

Sie fahren vorbei am Friedhof, wo „Yolanda“ Knochen aus den Gräbern hochgespült hat. Vorbei an der windschiefen Hütte, an die jemand das Schild „Hero Headquarter“ genagelt hat. Vorbei an einem blauen Laster, der sich um einen Baumstamm gewickelt hat. Daneben steht ein grüner Plastikweihnachtsbaum, geschmückt mit einer roten Lichterkette und spiegelnden CDs. Den haben Kinder aufgestellt.

Dann ist die Straße plötzlich einwandfrei. Nach gut zwei Stunden ist Borongan erreicht. „Poster!“, ruft Kurt Behringer und zückt seine Kamera. Hier ist der Strand noch ein Urlaubsidyll. Der Verkehr wird dichter. „Ich werd verrückt, hier gibt es wirklich was zu kaufen“, ruft der Bauexperte und springt aus dem Wagen. Sylvia Cabanan hinterher. Mit fünf roten Plastikstühlen, Pfanne, Kocher und Plastiktellern kommen sie wieder. In der Uptown Mall kauft Dada Kurt Nudeln, Öl, Reis, Wasser und ein paar Gewürze. Das Eis von „Mr. Softie“ interessiert ihn nicht. Das Essen ist bei Amurt auch sonst spartanisch.

Mit besten Grüßen aus Amerika. Bürgermeister Edgar Boco ist konsterniert. „Wir haben Klopapier, wir haben Seife, wir haben Waschpulver“, seine Stimme überschlägt sich fast. „Das ist doch nichts.“
Mit besten Grüßen aus Amerika. Bürgermeister Edgar Boco ist konsterniert. „Wir haben Klopapier, wir haben Seife, wir haben...Foto: Ingrid Müller

Jetzt müssen sie noch Geld tauschen. Doch da ist es vorbei mit dem vermeintlichen Shoppingparadies. Die Banken haben zu, auch in Borongan gibt es keinen Strom und keine Internetverbindung, also können sie keinen aktuellen Wechselkurs ermitteln, Bankautomaten funktionieren nicht. Ein Hotel nutzt die Lage und tauscht zum Wucherpreis, aber auch nur maximal 150 Dollar pro Person.

An der Tankstelle die nächste Enttäuschung. Es gibt kein Benzin. Er hat kein Fahrzeug, aber wenn er welches mitbringen würde, könnte er in Salcedo sicher einen Mopedfahrer anheuern. So nicht. Auch den eben erstandenen Kocher werden sie nicht anwerfen können. „Na“, sagt Behringer, „dann machen wir es wie in alten Zeiten. Es ist ja genug Feuerholz da.“ Dass er keine Ordner bekommen hat und kein A4-Papier, das wurmt ihn viel mehr. „Ich kann doch meine Verträge nicht auf Toilettenpapier schreiben.“

Dass manche sagen, die größte Hilfsorganisation hier sei die NPA, die Rebellenorganisation, die „Steuern“ erpresst und in der Nähe jüngst Leute überfallen, ausgeraubt und als Geiseln genommen hat, schreckt Kurt Behringer eher nicht. Alles was er hat, gibt er ohnehin anderen.

An diesem Abend wirkt Behringer entspannt, auf dem Rückweg hat er im Auto meditiert. Kein Vergleich zu dem Entsetzen am nächsten Morgen. Noch vor Sonnenaufgang geht es Richtung Jagnaya. Es schüttet, der Tag beginnt mit unwirklichem gelb-braunen Licht, das die toten Bäume rechts und links noch gespenstischer erscheinen lässt. Da sagt sogar jemand wie Kurt Behringer: „Weltuntergang ist da noch milde ausgedrückt.“

Dieser Text ist auf der Dritten Seite erschienen.

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