Die Reportage : Der Heilige Krieg der Leila Bah

Sie lebt in Hamburg, sorglos, bewundert von ihren Mitschülern. Leila ist hübsch, ehrgeizig, talentiert. Eines Tages steigt sie in ein Flugzeug und folgt dem Ruf Allahs in die Wüste Pakistans. Zurück bleibt ein Rätsel.

Es sind Bilder, die Johanna* nicht vergessen kann. Leila* mit dem fremden jungen Mann an der Bar, wie sie lacht, den Kopf in den Nacken wirft, ihre Ohrringe im Discolicht glitzern. Leila mit dem Mann auf der Tanzfläche, sichtbar ausgelassen und gleichzeitig von einer Eleganz, die nicht ganz passen will zu den rauen Klängen des Hip-Hops. Johanna weiß, dass es sinnlos ist, sich Vorwürfe zu machen, sich schuldig zu fühlen. Sie tut es trotzdem. Hätte sie Leila nicht mitgenommen zu dieser Party, sie lägen jetzt vielleicht zusammen auf einer der Alsterwiesen. Stattdessen sitzt Leila irgendwo in der Wüste Wasiristans, einer pakistanischen Bergregion an der Grenze zu Afghanistan, in einem Terroristenlager. Der Mann ist tot.

Die Geschichte von Leila Bah ist auch die Geschichte einer großen Fassungslosigkeit. Begreifen können sie es bis heute nicht, die Angehörigen und Freunde, was geschehen ist seit jener Disco-Begegnung im Jahr 2003. Niemals hätten sie gedacht, „dass es so enden könnte“, sagt Johanna, dann hält sie inne. „Das heißt, geendet hat es natürlich noch nicht.“ Es ist alles, woran sie sich klammert in ihrem Kummer: Irgendwann, hofft Johanna, wird sie Leila wiedersehen. Leila, die ihre beste Freundin war, ihre Seelenverwandte. Leila, zu der sie immer aufgesehen hat. Bis die sie nicht mehr sehen wollte.

14 Jahre alt sind Johanna und Leila, als sie zum ersten Mal miteinander sprechen und feststellen, dass sie sich eine Menge zu sagen haben. 21, als Leila in ein Flugzeug Richtung Saudi-Arabien steigt, um ihr Leben in Deutschland hinter sich zu lassen. Das ist jetzt zwei Jahre her.

In Youtube-Videos wirbt der Mann, den Leila in der Disco traf, für den Heiligen Krieg. Unter dem Namen „Abu Askar aus Deutschland“ preist er die „Vorzüge des Dschihads“, spricht vom gottgläubigen Leben, von Freiheit und Brüderlichkeit, ein riesiges Messer in der Hand, ein Maschinengewehr im Schoß. „Wir haben Deutschland und unsere Familien nur verlassen, um die Religion zum Sieg zu führen“, sagt er. Es folgen Impressionen aus den Lagern: Männer springen gut gelaunt und schwer gerüstet von Trucks, singen Lieder am Feuer, bilden kleine Jungen an der Waffe aus. Szenen zwischen Pfadfinderatmosphäre und Landserromantik.

Johanna weint viel an diesem sonnigen Nachmittag in Hamburg, an dem sie zum ersten Mal über das Erlebte spricht. Aber sie lacht auch, zum Beispiel, weil ihr, als sie die vielen Gemeinsamkeiten zwischen ihr und Leila aufzählt, zuerst die Tierhaarallergie einfällt. Dann die Begeisterung für Mode, die Ordnungsliebe. Und, dass beide sich früh erwachsen fühlten, ihrem Alter stets ein wenig voraus. Das verband. Genau wie ihre Gespräche auf den Nachtspeicherheizungen. Stundenlang saßen sie redend nebeneinander, mal im Zimmer der einen, mal in dem der anderen. Momente großer Nähe.

Das Viertel, in dem Leila Bah aufwächst, gehört zu den besseren Wohngegenden Hamburgs. Weiße Altbauten wechseln mit roten Backsteinfassaden, zu Fuß ist man schnell an der Außenalster. Zwischen liebevoll gestalteten Balkonen und belebten Spielplätzen geht Leila in den Kindergarten, zur Grundschule, aufs Gymnasium. Ihre Mutter ist Deutsche, der Vater stammt aus Westafrika. Leila ist bildhübsch, mit milchkaffeebrauner Haut und hochgewachsener Figur. Sie ist so groß, dass sie auf den Klassenfotos immer in die hinterste Reihe gestellt wird. Dass es Leila wichtig war, gut aufgenommen zu werden, sagt ihre erste Klassen- und Englischlehrerin an der Oberschule, als sie diese Fotos betrachtet: „She was eager to please“, bemüht, zu gefallen. Und dass Leila einen guten Stand in der Klasse hatte, ihrer „hohen Sozialkompetenz“ wegen.

Denn Leila ist eine, die sich kümmert, die vermittelt. Immer ist sie mittendrin, aber nie dominant. Sie spielt in Theatergruppen und brilliert im Jazztanzkreis, wird von vielen bewundert. Als Schülerin ist sie zielstrebig, aber keine Streberin. Sorglos wirkt diese Schulzeit im Rückblick, mit Klassenreisen nach Sylt und ins nordrhein-westfälische Bad Honnef. Ein großes Thema an der Schule sind die Anschläge des 11. September 2001. Es gibt kollektive Schweigeminuten in der Aula und ein Kondolenzbuch, in das auch Leila ihren Namen schreibt.

„All diese Männer waren Gotteskrieger“, heißt es Jahre später in einer der Videobotschaften ihres Freundes über die Flugzeugattentäter. „Möge Allah mit ihnen barmherzig sein.“

„Stark“ ist der Begriff, der am häufigsten fällt, wenn die Menschen sich an Leila erinnern. Selbstbewusst und in sich ruhend wirkt Leila auf ihr Umfeld, und aus Sicht der meisten hat sie allen Grund dazu. Sie bekommt Angebote, von denen andere träumen: Kaum ein Strandbarbesuch, bei dem sie nicht angesprochen wird, ob sie modeln wolle. Ein paarmal lässt sie sich für Versandkataloge fotografieren, verliert jedoch schnell die Lust daran. Leila und Johanna sind Teil einer achtköpfigen Mädchenclique, die gemeinsam abhängt, von Jungs schwärmt, Kochabende veranstaltet und shoppen geht.

Als „Abu Askars“ Gesicht im Herbst 2009 erstmalig in einem Propagandafilm der Islamischen Bewegung Usbekistans (IBU) auftaucht, ist der 26-Jährige, der eigentlich Shahab D. heißt, den Sicherheitsbehörden nicht unbekannt. Bis zu seiner Ausreise nach Pakistan besuchte er mehrmals wöchentlich die Al-Quds-Moschee im Stadtteil St. Georg, die als Keimzelle für fundamentalistisches Gedankengut gilt, und wurde deshalb auf den Listen des Hamburger Verfassungsschutzes geführt. Eigentlich ist der junge Iraner, der als Elfjähriger infolge des Iran-Irak-Kriegs mit seinen Eltern nach Deutschland gekommen ist, Schiit. Unter dem Einfluss der Imame in der Moschee, in der schon die Todespiloten des 11. September verkehrten, tritt er zum sunnitischen Glauben über.

An die 50 gewaltbereite Islamisten, schätzt der Hamburger Verfassungsschutz, halten sich heute in der Hansestadt auf. Mehr als doppelt so viele zählt, wer diejenigen dazurechnet, die den bewaffneten Dschihad offen befürworten, selber aber nicht als potenzielle Akteure eingestuft werden. Rund 40 Personen deutscher Herkunft vermuten die Geheimdienste in Wasiristan, jener Region in Pakistan, die als eine Art staatsfreier Raum gilt, seit sich die paschtunischen Stämme Ende des 19. Jahrhunderts gegen die britischen Kolonialherren auflehnten. Wasiristan ist ein unwegsames Gelände ohne jede Infrastruktur. Dafür von ausgeprägter Gastfreundschaft.

Während des sowjetisch-afghanischen Kriegs von 1979 bis 1989 war Wasiristan ein von der pakistanischen Regierung geduldetes Rückzugsgebiet für afghanische Widerstandskämpfer. Bis heute ist es ein sicherer Hafen für radikal islamistische Taliban. Denn wer immer sich als Muslim in dem rauen Gebirge niederlässt und von Ungläubigen verfolgt wird, kann mit der Unterstützung der Bevölkerung rechnen. So will es die paschtunische Lebensart. Wo keine Regierungsmacht als Sicherheitsgarant präsent ist, verbündet man sich mit allen, die verfügbar sind.

Auch aus Berlin sollen in den vergangenen Jahren 20 Menschen nach Wasiristan aufgebrochen sein. Was nicht heißt, dass sie noch heute dort leben. „Die Absetzbewegungen sind hoch“, sagt ein Informant aus Sicherheitskreisen. Die Propagandavideos suggerieren, dass es sich bei den Camps um professionelle militärische Einrichtungen handelt, mit täglicher Essensausgabe und einem Hort für Kinder. Tatsächlich gibt es nur selten Strom, nicht einmal fließendes Wasser. Für Waffen und Unterhalt müssen die Bewohner selber aufkommen. Sie schlafen in Zelten, in ständig wechselnden Hütten, um sich vor Abhörmaßnahmen zu schützen. Das Vorparadies kann sehr kalt werden nachts.

Knapp ein Drittel der Lagerbewohner, heißt es, sind Frauen. Sie werden nicht an der Waffe ausgebildet, und sie haben kein Gesellschaftsleben. Ihre Aufgabe ist es, dem Mann zu dienen.

Über Leilas und Shahabs Kennenlernen sagt Johanna: „Es war absolut vorhersehbar, dass sie miteinander ins Gespräch kommen würden.“ Leila sei die bestaussehende Frau im Raum gewesen, Shahab der attraktivste Mann. Beide seien sie in der Menge einfach aufgefallen. Doch obwohl die beiden sich bestens amüsieren an jenem Abend, kommt es zunächst nicht zu mehr. Leila gibt Shahab ihre Handynummer, als sie mit ihren Freundinnen das alte Fabrikgebäude verlässt, auf eine Liebesbeziehung möchte sie sich jedoch nicht einlassen. Sie sei damals anderweitig interessiert gewesen, sagt Johanna. „Ich mag dich, aber ich habe einen Freund“, weist Leila Shahab bald darauf am Telefon zurück. Der lässt nicht locker, sagt ihr, dass er sehr verliebt in sie sei. Und dass er auf sie warten wolle, „wenigstens den Kontakt halten“.

So souverän und gefestigt Leila in ihrem Freundeskreis auch auftritt, in ihren Partnerschaften ist sie es nicht. Ihren ersten Freund hat sie mit 14, da ist er 15 und, wie er rückblickend sagt, „sehr stolz, sie abbekommen zu haben“. Obwohl es für Leila keinen Grund gibt, sich ihm unterlegen zu fühlen, richtet sie sich in allen Dingen nach ihm. Dankbar erfüllt sie ihm jeden Wunsch, den er äußert, stimmt jedem Vorschlag sofort zu. Am wohlsten fühlt sie sich mit ihm, wenn sie ihn umsorgen kann. Im Badezimmer seiner Eltern färbt sie ihm mit großer Hingabe die Haare, weil er deren Rot-Ton nicht leiden kann. Immer neue Liebesbeweise ersinnt sie, malt, bastelt Plakate mit dem Satz „Ich liebe dich“ in allen ihr bekannten Sprachen, aufwendig verzierte Schachteln voller romantischer Botschaften. Als er die Beziehung beendet, weil er für zwei Jahre ins Ausland geht, will Leila das nicht wahrhaben. Wie sie damals geklammert, sich geradezu erniedrigt habe, das habe ihn sehr bedrückt, sagt der junge Mann. Trotzdem hat er seine Entscheidung manchmal bereut: „Leila hat den Maßstab für nachfolgende Freundinnen sehr hoch gelegt.“

Ähnlich ist die Rolle, in die sich Leila in ihrer zweiten Liebesbeziehung begibt, damals kennt sie Shahab bereits. Nach sechs Monaten beendet ihr Freund das Verhältnis. Er vermisse Impulse von ihrer Seite, eine Gesprächspartnerin, mit der man sich auch mal streiten könne, sagt er Leila. Keine, die ihn bedingungslos anhimmelt.

Eigentlich hätten sie angenommen, dass Leila sich nach kurzer Zeit mit Shahab unterfordert fühlen würde, sagen ihre Freundinnen. Ein lieber Kerl, zweifellos, und sehr zärtlich im Umgang mit Leila – aber ihr, was Ehrgeiz und Intelligenz angehe, deutlich unterlegen. Die Schule und eine Ausbildung zum Bauzeichner hat Shahab abgebrochen, nennenswerte Anerkennung erfährt er lediglich als Mitglied einer Basketballmannschaft. „Ein total netter Typ“, sagen seine ehemaligen Vereinskollegen. Für eine politische und religiöse Radikalisierung sahen sie keine Anhaltspunkte. Einzig, dass er darauf bestand, in den Spielpausen und beim Training Koransuren auf dem MP3-Player zu hören, ist ihnen als ungewöhnlich in Erinnerung geblieben.

Trotz des offenbaren Ungleichgewichts lässt sich die Beziehung zwischen Shahab und Leila gut an. Beide wirken glücklich, gehen bald in der Familie des anderen ein und aus. Zur Hochzeit einer Cousine fahren sie mit Leilas Eltern nach Süddeutschland. „Was für ein wunderbares Paar ihr seid“, sagen die Verwandten. Und dass sie sicher einmal zauberhafte Kinder haben werden.

Dass Shahab hochgradig eifersüchtig war, fiel den Freundinnen bald auf. Sie dachten sich nichts dabei. Es komme ja öfter mal vor, sagen sie, dass ein Kerl schlecht gelaunt zusehe, wenn seine Freundin die Blicke anderer Männer auf sich zieht. Doch dabei bleibt es nicht. Als Leila im Unterricht ein Referat halten soll und sich zur Vorbereitung mit einem Klassenkameraden trifft, macht Shahab ihr eine Riesenszene. Irgendwann ärgert es ihn, dass Leila überhaupt ausgeht – und Leila lässt es. Selbst mit ihren Freundinnen will sie sich bald nur noch nachmittags treffen und an Orten, an denen kein Alkohol ausgeschenkt wird. Die Freundinnen stellen sie zur Rede, wollen nicht verstehen, dass Leila sich derart einschränken lässt. Leila aber verteidigt ihre Entscheidungen. Sie teile Shahabs Ansichten, sagt sie.

Auch der Freund, mit dem Leila vor Shahab zusammen ist, stammt aus dem Iran und ist gläubiger Muslim. Während der Beziehung zu ihm äußert sich Leila in Gesprächen mit Johanna noch kritisch über das Frauenverständnis des Islam. Dass auf Familienfeiern die Männer zuerst begrüßt werden, findet sie ungeheuerlich. Leilas aus dem Senegal stammender Vater ist ebenfalls Muslim, in ihrer Erziehung aber spielt das keine Rolle. Leila wächst nach westlichen Werte- und Moralvorstellungen auf, sie trägt Miniröcke, die andere Väter ihren Töchtern vielleicht nicht durchgehen ließen. Zu ihren favorisierten Kleidungsstücken zählt der Bikini. Sie habe eine Auswahl besessen, die andere nicht an T-Shirts vorweisen könnten, sagt Johanna lachend. Doch es kommt der Tag, an dem Leila Kopftuch trägt. Zu diesem Zeitpunkt hat sie den Kontakt zu ihren Freundinnen gänzlich abgebrochen.

Begonnen, sagt Johanna, habe die Entfremdung mit dem Schulwechsel. Seit der siebten Klasse träumt Leila davon, Zahnärztin zu werden. Als sie Leistungskurse belegen soll, wählt sie Chemie und Mathematik, eine Kombination, die an ihrem Gymnasium nicht angeboten wird. Gemeinsam mit einer der acht Freundinnen meldet Leila sich an einer Schule auf der anderen Alsterseite an. Die übrigen sieht sie fortan nicht mehr täglich, nach einigen Monaten gar nicht mehr. Wie es Leila denn gehe, fragen die anderen beunruhigt, sie reagiere nicht mehr auf Anrufe und Nachrichten. Sie habe keine Ahnung, antwortet die Freundin resigniert, Leila spreche auch mit ihr kaum noch. Sie, der die Gesellschaft einst so wichtig war, führt mehr und mehr das Leben einer Einsiedlerin. Kommt pünktlich zum Unterricht, arbeitet konzentriert mit, zieht sich in den Pausen allein zurück und verschwindet beim Schlussklingeln.

Haben sie nicht versucht, Leila zur Rede zu stellen? „Oh ja“, sagt Johanna, „anfangs haben wir das.“ Aber Leila habe reagiert wie eine Magersüchtige, die man auf ihre Krankheit anspricht: Entrüstet war sie, beleidigt, sie strafte alle, die Kritik äußerten – indem sie sich noch mehr zurückzog. Ein Schutzmechanismus, um nicht mit unangenehmen Fragen konfrontiert zu werden.

Einmal besucht Johanna Leila im Laden ihrer Mutter, einer kleinen, feinen Boutique im Quartier. Ganz in Schwarz gekleidet sitzt Leila hinter der Kasse, sie behandelt Johanna höflich, wie eine fremde Kundin. „Das war ungeheuer verletzend. Leila hat getan, als kenne sie mich nicht“, sagt Johanna. Und sie zieht ihre Strickjacke enger um den Körper, als sei ihr plötzlich kalt.

Natürlich bemerken auch Leilas Eltern die Veränderung. Immer wieder suchen sie das Gespräch mit der Tochter. Der Vater äußert sich entsetzt über die radikalen Auffassungen des Islam, die in der Moschee am Steindamm gepredigt werden. Leila aber blockt total und verweist auf ihre Volljährigkeit. Die Freundinnen mögen Leilas Eltern, manchmal teilen sie ihren Kummer mit der offenen, stets mitfühlenden Frau Bah, wenn sie ein Thema zu Hause nicht anzusprechen wagen. Zu Leila aber dringen die Worte ihrer Mutter nicht mehr durch.

Ein halbes Jahr nach ihrem Besuch in der Boutique begegnet Johanna ein letztes Mal Shahab, in einem Coffeeshop, er arbeitet hinter dem Tresen, wenige hundert Meter von der Moschee entfernt. Fast erkennt sie ihn nicht. Er hat sich einen Bart wachsen lassen, wie es unter vielen Muslimen als besonders gottesfürchtig gilt, als Zeichen von Respekt vor Allahs Schöpfung. Kurz nach dieser Begegnung kündigt Shahab seinen Job. Zu viele oberflächliche, laute Frauen im Café, sagt er seinen Kumpels. So, wie er von Leila ungeteilte Liebe fordere, wolle auch er anderen Frauen aus dem Weg gehen.

2007 nimmt Leila den islamischen Glauben an. 2008 heiratet sie Shahab, nicht vor einem Standesamt, sondern nach islamischem Recht. Bei der Hochzeit ist Leilas Mutter die einzige Nicht-Muslimin. Johanna und die anderen einstigen Freundinnen erfahren es erst im Nachhinein, als eine von ihnen bei Leilas Mutter einkauft.

Obwohl sie verheiratet sind, leben Leila und Shahab getrennt, bei ihren jeweiligen Eltern. Wenn Leila das Haus verlässt, trägt sie neuerdings ein schwarzes Gewand über der Kleidung. Im Frühjahr 2009, Leila studiert Zahnmedizin und steht kurz vor dem Physikum, sagt sie ihren Eltern, sie wolle in den Semesterferien eine Reise machen. Als Herr und Frau Bah sie verabschieden, glauben sie, Leila fahre mit Shahab zum Pilgern nach Mekka. Es ist das letzte Mal, dass sie ihre Tochter sehen.

Hin und wieder, in großen Abständen, meldet sich Leila bei ihrer Familie. Sie klagt nicht in diesen knappen E-Mails, sie schreibt, dass es ihr gut geht, dass sie bleiben will, wo sie ist. Sicherheitsexperten glauben nicht, dass Leila diese Nachrichten aus freien Stücken verfasst. Ohne männlichen Begleiter dürfe eine Frau in diesen Kreisen kein Internetcafé aufsuchen, sagen sie, und wenn ihr Mann sie mitnehme, dann kontrolliere er mit hoher Wahrscheinlichkeit, was sie schreibt.

Was wissen die Sicherheitskreise noch über den Verbleib von Leila Bah? Tatsächlich habe man sich mit ihr erst beschäftigt, als sie nicht zurückkehrte, heißt es beim Verfassungsschutz. Lange ging man davon aus, dass Leila das eigentliche Ziel der Reise nicht kannte – „eine Quasi-Entführung schien denkbar“. Dann fanden die Ermittler heraus, dass Leila vor der Abreise ihr Sparkonto leer räumte, Schmuck und Kleidung verkaufte. Einen Teil des Geldes haben sie und Shahab in Laptops investiert, gern gesehenes Gastgeschenk in den Lagern der IBU. Vermutlich wusste Leila also, dass ihr Mann nicht vorhatte, nach Deutschland zurückzukehren. Was nicht bedeuten muss, dass sie sich freiwillig in ein Terrorcamp begab. Möglicherweise glaubte sie, sie werde sich mit Shahab ein normales, geregeltes Leben in einem islamischen Kernland aufbauen. Sie könne sich gut vorstellen, später einmal als Zahnärztin im Iran zu arbeiten, soll Leila einer Kommilitonin gesagt haben. In das Abschlussbuch ihres Abiturjahrgangs hatte sie geschrieben: „Mit 40 Jahren habe ich ein Haus am Meer, zwei Kinder und einen Ehemann. Irgendwo, wo immer die Sonne scheint.“

Fest steht, dass Shahab und Leila nicht alleine reisten. Mit ihnen machten sich neun andere auf den Weg, allesamt lose Bekannte von Shahab – und Bekannte des Verfassungsschutzes. Die Idee, in den Dschihad zu ziehen, soll erst Anfang 2009 unter den Männern aufgekommen sein, die Reise planten sie binnen weniger Wochen. Über Doha in Katar ging es ins pakistanische Peschawar, von dort schleusten Mittler sie weiter. Die Gruppe buchte ihre Tickets in einem Reisebüro am Hamburger Hauptbahnhof. One-Way.

Zwei Teilnehmer der „Reisegruppe“, wie die elf von den Sicherheitsbehörden bezeichnet werden, konnte die Polizei noch auf dem Hinweg abfangen – an der Grenze fand man bei ihnen einen Zettel mit „Tipps für den Dschihad“. Der Älteste der elf, ein 57-Jähriger, der die Fahrt organisiert haben soll, setzte sich noch während der Hinreise von der Gruppe ab. Alle anderen seien bis dato „unbescholtene Bürger“ gewesen, erklärt der Verfassungsschutz, die Einkehr in eine konspirative Moschee reiche nicht für eine Festnahme. Von den übrigen acht Personen leben inzwischen nur noch zwei in den Bergen Wasiristans. Man weiß, dass Leila eine von ihnen ist – und Shahab nicht der andere.

Dass Männer bereits nach kurzer Zeit aus den Camps fliehen, ist keine Seltenheit. Ohne Geld und Proviant schlagen sie sich zu den europäischen Botschaften durch und bieten Informationen an, im Tausch gegen ihre Ausreise. Dann erzählen sie von der prekären Lebenssituation in den Lagern, von Durchfall und Hepatitis. Und von unerträglicher Langeweile. Keiner der ambitionierten Neuankömmlinge darf ohne Befehl der Taliban tätig werden, weder Anschläge in Europa planen noch in Afghanistan kämpfen. Männer dürfen sich aber zumindest frei bewegen, weshalb es für sie vergleichsweise einfach ist, sich davonzustehlen. Frauen dagegen dürfen die Hütte, die man ihnen zugewiesen hat, nicht verlassen.

Vielleicht, sagten sich die Angehörigen nach Leilas Verschwinden, hat Leila in Shahab, der sie doch liebt, einen Unterstützer. Einen Mann, der ihr so viele Freiheiten lässt, wie man sie einer Frau unter den Augen der anderen Männer im Lager eben zubilligen kann.

Gut eineinhalb Jahre, nachdem Leila und Shahab ihre Kinderzimmer verlassen haben, spielt das in den Überlegungen der Hinterbliebenen keine Rolle mehr. Am 4. Oktober 2010, so meldete es die pakistanische Polizei, wurde Shahab D. bei einem Drohnenangriff der Amerikaner getötet.

Natürlich sei das entsetzlich gewesen, sich vorzustellen, wie eine geliebte Freundin ihren erst 27-jährigen Mann begraben muss, sagt Johanna. Im nächsten Moment aber habe sie die Nachricht als Freudenbotschaft empfunden: Das müsse doch der Wendepunkt sein, habe sie gedacht, nun werde Leila endlich nach Hause wollen.

Was aber will Leila wirklich? Lange haben die Freundinnen sich gefragt, warum sie all das geschehen lässt. Manchmal, sagt Johanna, sei es ihr vorgekommen, als habe Leila einen Zwilling, einen schwachen, geradezu unterwürfigen Zwilling. Irgendwann aber sei ihr aufgegangen, dass Leila ihre Stärke vielleicht gerade darauf verwende, sich nicht gegen Shahab zu stellen. Sondern seinen Lebensentwurf mitzutragen.

Und dann ist da diese Rest-Unsicherheit: Einerseits sind sich alle Freunde einig, dass Leila all das nicht gewollt haben kann, dass sie zum Opfer geworden ist. Andererseits fragen sie sich, ob irgendetwas an den Ideen ihres Mannes sie ernsthaft fasziniert haben könnte. Sie könne es zumindest nicht mehr ausschließen, sagt Johanna.

Doch selbst wenn Leila ihre Entscheidung inzwischen bereut, ist es zu spät: „Der Dschihad ist nicht das Dschungelcamp“, sagt ein Sicherheitsexperte. Aus eigener Kraft könne eine Frau das Lager kaum verlassen, die soziale Kontrolle sei enorm. Und die Nachrichtendienste können sich um Frauen und Kinder nicht kümmern, sie haben genug damit zu tun, die „Bad Guys“ im Auge zu behalten. Eine reelle Chance, auf sich aufmerksam zu machen, hat Leila Bah nur, wenn es internationalen Truppen eines Tages gelingt, das Gebiet einzunehmen. Von deutscher Seite hat sie keine aktive Hilfe zu erwarten: „Wir jagen diese Terroristen mit den Mitteln der deutschen Rechtsprechung.“ Das heißt: ohne Recht auf Intervention.

Deutschlands Sicherheitsdienste beschränken sich weitgehend darauf, Deserteure zu befragen, zu beobachten. Eine Erkenntnis daraus: Als Shahab starb, war Leila schwanger. Und inzwischen hat sie im Camp einen Sohn zur Welt gebracht.

Die vergangenen zwei Jahre seien die schwersten ihres Lebens gewesen, sagt Leilas Mutter. Das Schlimmste sei die Ungewissheit. Sie sei es leid, wieder und wieder mit Nachrichten und Bildern konfrontiert zu werden, ohne Antworten zu bekommen.

Sie hätten dranbleiben müssen, sagt Johanna, sie alle. Anstatt sich gekränkt zurückzuziehen, als nicht einmal mehr ein Geburtstagsgruß aufs Handy kam. Doch schon einmal hatte sich Johanna von Leila vernachlässigt gefühlt, fallen gelassen zugunsten eines Mannes. „Ein zweites Mal konnte ich das nicht ertragen.“

Außerdem hat sie im Nachhinein festgestellt: Wer immer Sorgen hatte, suchte Trost und Rat bei Leila. Umgekehrt aber erinnert sich keine der Freundinnen an einen Moment, in dem Leila Schwäche oder Hilfsbedürftigkeit gezeigt hätte. Vielleicht haben sie deshalb nicht erkannt, dass Leila selbst Hilfe brauchte. Es lag jenseits ihrer Vorstellungskraft.

Nach Informationen aus Sicherheitskreisen ist Leila umgehend nach dem Tod ihres Mannes wiederverheiratet worden. In einem Terroristenlager gibt es keine alleinstehenden Frauen, auch keine Karenzzeit. Frauen sind oft die einzigen Kostbarkeiten in der Einöde und werden doch wie Sklavinnen gehalten. „Der Frau Bah wird es nach allem, was wir wissen, nicht gut gehen.“

Johanna betet trotzdem, dass Leila einen Mann gefunden hat, der es gut mit ihr meint. Jedes Mal, wenn es in den Nachrichten heißt, es habe einen erneuten Drohnenangriff auf Wasiristan gegeben, fängt Johannas Herz an zu rasen. So wie jüngst am 22. April, als die Amerikaner mehr als 20 Tote meldeten. Sie sind noch nicht identifiziert. Darunter sollen auch drei Frauen und Kinder gewesen sein.

* Namen von der Redaktion geändert

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