Der Mann aus der Disco war den Sicherheitsbehörden bekannt

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Die Reportage : Der Heilige Krieg der Leila Bah

Als „Abu Askars“ Gesicht im Herbst 2009 erstmalig in einem Propagandafilm der Islamischen Bewegung Usbekistans (IBU) auftaucht, ist der 26-Jährige, der eigentlich Shahab D. heißt, den Sicherheitsbehörden nicht unbekannt. Bis zu seiner Ausreise nach Pakistan besuchte er mehrmals wöchentlich die Al-Quds-Moschee im Stadtteil St. Georg, die als Keimzelle für fundamentalistisches Gedankengut gilt, und wurde deshalb auf den Listen des Hamburger Verfassungsschutzes geführt. Eigentlich ist der junge Iraner, der als Elfjähriger infolge des Iran-Irak-Kriegs mit seinen Eltern nach Deutschland gekommen ist, Schiit. Unter dem Einfluss der Imame in der Moschee, in der schon die Todespiloten des 11. September verkehrten, tritt er zum sunnitischen Glauben über.

An die 50 gewaltbereite Islamisten, schätzt der Hamburger Verfassungsschutz, halten sich heute in der Hansestadt auf. Mehr als doppelt so viele zählt, wer diejenigen dazurechnet, die den bewaffneten Dschihad offen befürworten, selber aber nicht als potenzielle Akteure eingestuft werden. Rund 40 Personen deutscher Herkunft vermuten die Geheimdienste in Wasiristan, jener Region in Pakistan, die als eine Art staatsfreier Raum gilt, seit sich die paschtunischen Stämme Ende des 19. Jahrhunderts gegen die britischen Kolonialherren auflehnten. Wasiristan ist ein unwegsames Gelände ohne jede Infrastruktur. Dafür von ausgeprägter Gastfreundschaft.

Während des sowjetisch-afghanischen Kriegs von 1979 bis 1989 war Wasiristan ein von der pakistanischen Regierung geduldetes Rückzugsgebiet für afghanische Widerstandskämpfer. Bis heute ist es ein sicherer Hafen für radikal islamistische Taliban. Denn wer immer sich als Muslim in dem rauen Gebirge niederlässt und von Ungläubigen verfolgt wird, kann mit der Unterstützung der Bevölkerung rechnen. So will es die paschtunische Lebensart. Wo keine Regierungsmacht als Sicherheitsgarant präsent ist, verbündet man sich mit allen, die verfügbar sind.

Auch aus Berlin sollen in den vergangenen Jahren 20 Menschen nach Wasiristan aufgebrochen sein. Was nicht heißt, dass sie noch heute dort leben. „Die Absetzbewegungen sind hoch“, sagt ein Informant aus Sicherheitskreisen. Die Propagandavideos suggerieren, dass es sich bei den Camps um professionelle militärische Einrichtungen handelt, mit täglicher Essensausgabe und einem Hort für Kinder. Tatsächlich gibt es nur selten Strom, nicht einmal fließendes Wasser. Für Waffen und Unterhalt müssen die Bewohner selber aufkommen. Sie schlafen in Zelten, in ständig wechselnden Hütten, um sich vor Abhörmaßnahmen zu schützen. Das Vorparadies kann sehr kalt werden nachts.

Knapp ein Drittel der Lagerbewohner, heißt es, sind Frauen. Sie werden nicht an der Waffe ausgebildet, und sie haben kein Gesellschaftsleben. Ihre Aufgabe ist es, dem Mann zu dienen.

Über Leilas und Shahabs Kennenlernen sagt Johanna: „Es war absolut vorhersehbar, dass sie miteinander ins Gespräch kommen würden.“ Leila sei die bestaussehende Frau im Raum gewesen, Shahab der attraktivste Mann. Beide seien sie in der Menge einfach aufgefallen. Doch obwohl die beiden sich bestens amüsieren an jenem Abend, kommt es zunächst nicht zu mehr. Leila gibt Shahab ihre Handynummer, als sie mit ihren Freundinnen das alte Fabrikgebäude verlässt, auf eine Liebesbeziehung möchte sie sich jedoch nicht einlassen. Sie sei damals anderweitig interessiert gewesen, sagt Johanna. „Ich mag dich, aber ich habe einen Freund“, weist Leila Shahab bald darauf am Telefon zurück. Der lässt nicht locker, sagt ihr, dass er sehr verliebt in sie sei. Und dass er auf sie warten wolle, „wenigstens den Kontakt halten“.

So souverän und gefestigt Leila in ihrem Freundeskreis auch auftritt, in ihren Partnerschaften ist sie es nicht. Ihren ersten Freund hat sie mit 14, da ist er 15 und, wie er rückblickend sagt, „sehr stolz, sie abbekommen zu haben“. Obwohl es für Leila keinen Grund gibt, sich ihm unterlegen zu fühlen, richtet sie sich in allen Dingen nach ihm. Dankbar erfüllt sie ihm jeden Wunsch, den er äußert, stimmt jedem Vorschlag sofort zu. Am wohlsten fühlt sie sich mit ihm, wenn sie ihn umsorgen kann. Im Badezimmer seiner Eltern färbt sie ihm mit großer Hingabe die Haare, weil er deren Rot-Ton nicht leiden kann. Immer neue Liebesbeweise ersinnt sie, malt, bastelt Plakate mit dem Satz „Ich liebe dich“ in allen ihr bekannten Sprachen, aufwendig verzierte Schachteln voller romantischer Botschaften. Als er die Beziehung beendet, weil er für zwei Jahre ins Ausland geht, will Leila das nicht wahrhaben. Wie sie damals geklammert, sich geradezu erniedrigt habe, das habe ihn sehr bedrückt, sagt der junge Mann. Trotzdem hat er seine Entscheidung manchmal bereut: „Leila hat den Maßstab für nachfolgende Freundinnen sehr hoch gelegt.“

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