Er wird von einer amerikanischen Drohne getötet

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Die Reportage : Der Heilige Krieg der Leila Bah

Hin und wieder, in großen Abständen, meldet sich Leila bei ihrer Familie. Sie klagt nicht in diesen knappen E-Mails, sie schreibt, dass es ihr gut geht, dass sie bleiben will, wo sie ist. Sicherheitsexperten glauben nicht, dass Leila diese Nachrichten aus freien Stücken verfasst. Ohne männlichen Begleiter dürfe eine Frau in diesen Kreisen kein Internetcafé aufsuchen, sagen sie, und wenn ihr Mann sie mitnehme, dann kontrolliere er mit hoher Wahrscheinlichkeit, was sie schreibt.

Was wissen die Sicherheitskreise noch über den Verbleib von Leila Bah? Tatsächlich habe man sich mit ihr erst beschäftigt, als sie nicht zurückkehrte, heißt es beim Verfassungsschutz. Lange ging man davon aus, dass Leila das eigentliche Ziel der Reise nicht kannte – „eine Quasi-Entführung schien denkbar“. Dann fanden die Ermittler heraus, dass Leila vor der Abreise ihr Sparkonto leer räumte, Schmuck und Kleidung verkaufte. Einen Teil des Geldes haben sie und Shahab in Laptops investiert, gern gesehenes Gastgeschenk in den Lagern der IBU. Vermutlich wusste Leila also, dass ihr Mann nicht vorhatte, nach Deutschland zurückzukehren. Was nicht bedeuten muss, dass sie sich freiwillig in ein Terrorcamp begab. Möglicherweise glaubte sie, sie werde sich mit Shahab ein normales, geregeltes Leben in einem islamischen Kernland aufbauen. Sie könne sich gut vorstellen, später einmal als Zahnärztin im Iran zu arbeiten, soll Leila einer Kommilitonin gesagt haben. In das Abschlussbuch ihres Abiturjahrgangs hatte sie geschrieben: „Mit 40 Jahren habe ich ein Haus am Meer, zwei Kinder und einen Ehemann. Irgendwo, wo immer die Sonne scheint.“

Fest steht, dass Shahab und Leila nicht alleine reisten. Mit ihnen machten sich neun andere auf den Weg, allesamt lose Bekannte von Shahab – und Bekannte des Verfassungsschutzes. Die Idee, in den Dschihad zu ziehen, soll erst Anfang 2009 unter den Männern aufgekommen sein, die Reise planten sie binnen weniger Wochen. Über Doha in Katar ging es ins pakistanische Peschawar, von dort schleusten Mittler sie weiter. Die Gruppe buchte ihre Tickets in einem Reisebüro am Hamburger Hauptbahnhof. One-Way.

Zwei Teilnehmer der „Reisegruppe“, wie die elf von den Sicherheitsbehörden bezeichnet werden, konnte die Polizei noch auf dem Hinweg abfangen – an der Grenze fand man bei ihnen einen Zettel mit „Tipps für den Dschihad“. Der Älteste der elf, ein 57-Jähriger, der die Fahrt organisiert haben soll, setzte sich noch während der Hinreise von der Gruppe ab. Alle anderen seien bis dato „unbescholtene Bürger“ gewesen, erklärt der Verfassungsschutz, die Einkehr in eine konspirative Moschee reiche nicht für eine Festnahme. Von den übrigen acht Personen leben inzwischen nur noch zwei in den Bergen Wasiristans. Man weiß, dass Leila eine von ihnen ist – und Shahab nicht der andere.

Dass Männer bereits nach kurzer Zeit aus den Camps fliehen, ist keine Seltenheit. Ohne Geld und Proviant schlagen sie sich zu den europäischen Botschaften durch und bieten Informationen an, im Tausch gegen ihre Ausreise. Dann erzählen sie von der prekären Lebenssituation in den Lagern, von Durchfall und Hepatitis. Und von unerträglicher Langeweile. Keiner der ambitionierten Neuankömmlinge darf ohne Befehl der Taliban tätig werden, weder Anschläge in Europa planen noch in Afghanistan kämpfen. Männer dürfen sich aber zumindest frei bewegen, weshalb es für sie vergleichsweise einfach ist, sich davonzustehlen. Frauen dagegen dürfen die Hütte, die man ihnen zugewiesen hat, nicht verlassen.

Vielleicht, sagten sich die Angehörigen nach Leilas Verschwinden, hat Leila in Shahab, der sie doch liebt, einen Unterstützer. Einen Mann, der ihr so viele Freiheiten lässt, wie man sie einer Frau unter den Augen der anderen Männer im Lager eben zubilligen kann.

Gut eineinhalb Jahre, nachdem Leila und Shahab ihre Kinderzimmer verlassen haben, spielt das in den Überlegungen der Hinterbliebenen keine Rolle mehr. Am 4. Oktober 2010, so meldete es die pakistanische Polizei, wurde Shahab D. bei einem Drohnenangriff der Amerikaner getötet.

Natürlich sei das entsetzlich gewesen, sich vorzustellen, wie eine geliebte Freundin ihren erst 27-jährigen Mann begraben muss, sagt Johanna. Im nächsten Moment aber habe sie die Nachricht als Freudenbotschaft empfunden: Das müsse doch der Wendepunkt sein, habe sie gedacht, nun werde Leila endlich nach Hause wollen.

Was aber will Leila wirklich? Lange haben die Freundinnen sich gefragt, warum sie all das geschehen lässt. Manchmal, sagt Johanna, sei es ihr vorgekommen, als habe Leila einen Zwilling, einen schwachen, geradezu unterwürfigen Zwilling. Irgendwann aber sei ihr aufgegangen, dass Leila ihre Stärke vielleicht gerade darauf verwende, sich nicht gegen Shahab zu stellen. Sondern seinen Lebensentwurf mitzutragen.

Und dann ist da diese Rest-Unsicherheit: Einerseits sind sich alle Freunde einig, dass Leila all das nicht gewollt haben kann, dass sie zum Opfer geworden ist. Andererseits fragen sie sich, ob irgendetwas an den Ideen ihres Mannes sie ernsthaft fasziniert haben könnte. Sie könne es zumindest nicht mehr ausschließen, sagt Johanna.

Doch selbst wenn Leila ihre Entscheidung inzwischen bereut, ist es zu spät: „Der Dschihad ist nicht das Dschungelcamp“, sagt ein Sicherheitsexperte. Aus eigener Kraft könne eine Frau das Lager kaum verlassen, die soziale Kontrolle sei enorm. Und die Nachrichtendienste können sich um Frauen und Kinder nicht kümmern, sie haben genug damit zu tun, die „Bad Guys“ im Auge zu behalten. Eine reelle Chance, auf sich aufmerksam zu machen, hat Leila Bah nur, wenn es internationalen Truppen eines Tages gelingt, das Gebiet einzunehmen. Von deutscher Seite hat sie keine aktive Hilfe zu erwarten: „Wir jagen diese Terroristen mit den Mitteln der deutschen Rechtsprechung.“ Das heißt: ohne Recht auf Intervention.

Deutschlands Sicherheitsdienste beschränken sich weitgehend darauf, Deserteure zu befragen, zu beobachten. Eine Erkenntnis daraus: Als Shahab starb, war Leila schwanger. Und inzwischen hat sie im Camp einen Sohn zur Welt gebracht.

Die vergangenen zwei Jahre seien die schwersten ihres Lebens gewesen, sagt Leilas Mutter. Das Schlimmste sei die Ungewissheit. Sie sei es leid, wieder und wieder mit Nachrichten und Bildern konfrontiert zu werden, ohne Antworten zu bekommen.

Sie hätten dranbleiben müssen, sagt Johanna, sie alle. Anstatt sich gekränkt zurückzuziehen, als nicht einmal mehr ein Geburtstagsgruß aufs Handy kam. Doch schon einmal hatte sich Johanna von Leila vernachlässigt gefühlt, fallen gelassen zugunsten eines Mannes. „Ein zweites Mal konnte ich das nicht ertragen.“

Außerdem hat sie im Nachhinein festgestellt: Wer immer Sorgen hatte, suchte Trost und Rat bei Leila. Umgekehrt aber erinnert sich keine der Freundinnen an einen Moment, in dem Leila Schwäche oder Hilfsbedürftigkeit gezeigt hätte. Vielleicht haben sie deshalb nicht erkannt, dass Leila selbst Hilfe brauchte. Es lag jenseits ihrer Vorstellungskraft.

Nach Informationen aus Sicherheitskreisen ist Leila umgehend nach dem Tod ihres Mannes wiederverheiratet worden. In einem Terroristenlager gibt es keine alleinstehenden Frauen, auch keine Karenzzeit. Frauen sind oft die einzigen Kostbarkeiten in der Einöde und werden doch wie Sklavinnen gehalten. „Der Frau Bah wird es nach allem, was wir wissen, nicht gut gehen.“

Johanna betet trotzdem, dass Leila einen Mann gefunden hat, der es gut mit ihr meint. Jedes Mal, wenn es in den Nachrichten heißt, es habe einen erneuten Drohnenangriff auf Wasiristan gegeben, fängt Johannas Herz an zu rasen. So wie jüngst am 22. April, als die Amerikaner mehr als 20 Tote meldeten. Sie sind noch nicht identifiziert. Darunter sollen auch drei Frauen und Kinder gewesen sein.

* Namen von der Redaktion geändert

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