Doping : Spürnase gegen Sportbetrug

Im Kampf gegen Doping setzt Schweden auf Jagdhunde. Das Modellprojekt könnte auch in Deutschland bald Schule machen.

Anit-Doping-Hund Molly im Einsatz in Schweden, Sundsvall.
Anit-Doping-Hund Molly im Einsatz in Schweden, Sundsvall.Foto: S. Hastegrd/imago

Eigentlich sieht Molly wirklich nicht so aus, als müsste man vor ihr große Angst haben. Mit ihrer grazilen Gestalt, den dunklen Knopfaugen, den großen Schlappohren und den leberfarbenen Tupfen auf ihrem weiß glänzenden Fell weckt sie eher den Impuls, sie sofort zu knuddeln. „Sie sieht fantastisch aus, ist ein sehr lieber Hund“, sagt Michael Sjöö, ihr Besitzer. „Zumindest, solange du keine schlechten Absichten hast. Dann solltest du Angst vor ihr haben.“ Denn Molly ist der weltweit erste Anti-Doping-Hund und jagt für Schwedens Anti-Doping-Agentur Sportbetrüger – sie ist also der erste speziell auf Dopingsubstanzen abgerichtete Spürhund. Normalerweise stöberten diese höchstens bei Zoll oder Polizei nach Drogen wie Kokain, erzählt Michael Sjöö. „Wir wollten etwas Neues probieren. Im Kampf gegen Doping sind wir schon zu lange hintenan.“

Doper zu überführen ist schwierig. Sjöö bezieht das nicht nur auf den Spitzensport. „In Schweden haben wir in der Gesellschaft ein echtes Problem. Fast jeder schluckt irgendwas für den Beachbody. Normale Menschen, Breitensportler – nicht nur Topathleten“, erklärt er. „Wir wollen zeigen, dass wir auf den Trend reagieren. Dass wir eben nicht mehr nur Blut und Urin testen – sondern jetzt auch einen Hund im Einsatz haben.“

Das Erschnüffeln von Sachen liegt in Mollys Natur

Molly scheint prädestiniert für die Aufgabe. Mit bis zu 300 Millionen Riechzellen in ihrer feuchten Nase kann sie etwa 60 Mal besser wittern als Menschen, zum Beispiel riecht sie Beute auch in einem Kilometer Entfernung – oder im Wintersport bis zu acht Meter unter eine Schneedecke. Wenn jemand etwas zu verbergen hat, ängstlich schwitzt oder einen viel zu hohen Testosteronspiegel hat, wird das sofort entdeckt.

Seit einem Jahr ist Molly jetzt im Dienst der Ermittler. Doch Fahndung liegt in ihrer Familie. Molly ist ein Springer-Spaniel. Der kommt ursprünglich aus Nordirland. Die Jagdhundtradition der Rasse geht angeblich bis ins 17. Jahrhundert zurück. „Springer“, das bedeutet in diesem Fall, dass der Hund seine Beute aufscheucht: früher Hasen und Rebhühner. Jetzt eben Doper und Dealer.

Sie steckt ihre Schnauze in Taschen und Mülleimer. Nur an Menschen direkt darf sie nicht ran. „Das bleibt uns überlassen“, sagt Michael Sjöö – sobald Molly Hormone schnuppert in Schwedens Sportstätten oder Trainingslagern. Sie war schon bei nationalen und internationalen Wettkämpfen im Einsatz. Zuletzt ist sie beim Langlauf mit ihren in blaue Söckchen gestopften Pfoten und einer kuschligen Decke um den Bauch geschlungen durch den Schnee gestapft.

Die Kälte bereitet ihrer empfindlichen Nase keine Probleme. „Wir haben sie extra darauf trainiert“, sagt Sjöö. Sechs Monate Intensivkurs in offenem und geschlossenen Gelände. Testosteron, Steroide und Ähnliches kann Molly problemlos aufstöbern. Jeden Tag lernt sie neue Substanzen dazu. In welcher Form die daherkommen, ist erst einmal egal, sagt Sjöö. Molly könne Glasampullen mit Flüssigstoffen genauso finden wie Pudersubstanzen und Pillen. „Selbst in der Eishockeykabine hat sie neulich etwas gefunden“, sagt Sjöö. „Und das ist schon beeindruckend. Können Sie sich vorstellen, wie es nach dem Spiel in einer Eishockeykabine riecht?“

Die Spürnase erweist sich bisher als effizient

Im Mai wird Molly fünf Jahre alt. Seit etwas mehr als einem Jahr ist sie bei den Sjöös. Die Reaktionen auf sie fielen im Einsatz weitgehend positiv aus, sagt ihr Besitzer. „Es macht einfach Spaß mit ihr. Und wenn wir mit einem hübschen Hund zur Kontrolle kommen, löst das die Anspannung im Raum auch erst mal ein bisschen. Zumindest, wenn man nichts zu verbergen hat.“

Schweden hat wie Deutschland ein Anti-Doping-Gesetz. Die Einnahme, der Besitz und der Handel mit illegalen leistungssteigernden Substanzen ist strafbar – nicht nur für Spitzensportler, sondern auch für die breite Bevölkerung. „Je nach Schwere des Delikts ist zwischen einer Geldstrafe und sechs Jahren Haft alles möglich“, schreibt Tommy Forsgren von der schwedischen Anti-Doping-Agentur. Hat Molly schon mal jemanden ins Gefängnis gebracht? Details darf Forsgren wegen laufender Ermittlungen nicht verraten. Aber: „Wir hatten schon eine Zahl an Erfolgen.“ Auch Sportler seien nach ihrer Schnuppereinlage schon positiv getestet worden.

Das Pilotprojekt mit Molly soll erst mal bis Sommer laufen. Danach könnten dann weitere Dopingschnüffler folgen – geht es nach den Schweden, nicht nur bei ihnen. Andere Nationen wie Großbritannien und Dänemark haben sich schon erkundigt. Auch in Deutschland kann man sich die Dopingfahndung auf vier Pfoten vorstellen. „Im Sportrecht ist der Einsatz von Hunden nicht ausdrücklich erwähnt, aber auch nicht ausgeschlossen“, sagt Eva Bunthoff von der Nationalen Anti-Doping-Agentur (Nada). Noch setze man hierzulande auf die üblichen Analysen.

Michael Sjöö würde gern mal mit Molly zum Austausch in der Bonner Zentrale der Nada vorbeikommen. Erst mal haben Hund und Herrchen zu tun. Wann und wo sie als Nächstes auftaucht, darf Michael Sjöö nicht verraten. Im schwedischen Are findet aber aktuell die Ski-Alpin-Weltmeisterschaft statt. Anfang März kommt die Biathlon-WM nach Östersund. Molly und Michael Sjöö leben ganz in der Nähe.

Jetzt neu: Wir schenken Ihnen 4 Wochen Tagesspiegel Plus!