Panorama : Ein Unglück für die russische Seele

– Brand in einem Altenheim und eine Grubenexplosion – zwei Katastrophen mit mehr als 170 Toten schockieren das Land

Elke Windisch[Moskau]

Die Zahl der Opfer stieg am Dienstag Stunde um Stunde. Mit ihr stieg die Empörung der russischen Öffentlichkeit. Mehr als 170 Menschen starben bei zwei beinahe zeitgleichen großen Unglücken. Bei einer Grubenexplosion im westsibirischen Kohlerevier von Kemerowo starben über 100 Bergleute. Mehr als 60 Tote gab es bei einem Brand in einem Altenheim in der südrussischen Region Krasnodar.

„Es sind immer die schwächsten Mitglieder unserer Gesellschaft, die bei derartigen Katastrophen mit dem eigenen Leben bezahlen“, schreibt die Moskauer Tageszeitung „Wremja nowostei“ in ihrer Onlineausgabe zum Brand in dem Altersheim. Die inzwischen 64 Toten – einige davon starben erst im Krankenhaus an Rauchvergiftung und schweren Verbrennungen – sind nur die Spitze des Eisbergs. In den letzten fünf Jahren sind in russischen Gesundheits- und Pflegeeinrichtungen sowie in Heimen für Behinderte 200 Menschen verbrannt. Darunter viele Kinder.

Unglücksursache sind häufig defekte Stromleitungen und andere technische Mängel. Auch in dem Altenheim hatte eine Routineüberprüfung im letzten Sommer 30 Verstöße gegen die Brandschutzordnung festgestellt. Ganze sechs waren seither beseitigt worden. Vor allem aber: Die nächste Feuerwache ist 50 Kilometer entfernt, die Löschzüge trafen daher erst eine Stunde nach der Brandmeldung ein. Die Flammen hatten da schon das gesamte Erdgeschoss erfasst.

Die Rettung der Insassen im Obergeschoss scheiterte zum einen an zu kurzen Feuerleitern, zum anderen daran, dass, wie Radio Echo Moskwa berichtet, die Fenster vergittert und die Türen verschlossen waren. Beides ist in russischen Pflegeheimen gang und gäbe. Der Grund: Die Heime sind personell unterbesetzt. Die Nachtwache hatte zudem zwei Feueralarmmeldungen ignoriert, bevor sie schließlich die Feuerwehr anrief.

Bei dem Grubenunglück schloss dir Regierung menschliches Fehlverhalten aus. Der Steinkohlenschacht „Uljanowskaja“, der zu Putins 50. Geburtstag im Oktober 2002 in Betrieb genommen wurde, gehört landesweit zu den modernsten. Auf Betreiben des britischen Hauptaktionärs war gerade erst eine über drei Millionen Euro teure Messstation installiert worden, die die Konzentration von Grubengasen überwachen und am Unglückstag angeschlossen werden sollte. Der eigens dazu aus Schottland eingeflogene Techniker und fast die gesamte Zechenleitung sind deshalb unter den Toten. Ursache des Unglücks ist eine Methanblase, die explodierte.

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