Einmal hingeschaut : Als die Türkei noch westlich war

Mit dem geschulten Blick des Kenners schaut Ahmet Refii Dener jede Woche auf die Türkei. Eine Kolumne.

Ahmet Refii Dener
Lässig und westlich. Ein Picknick im türkischen Adana 1970.
Lässig und westlich. Ein Picknick im türkischen Adana 1970.Foto: privat

Es gibt ein tolles Wort im Türkischen für Nieselregen. Es heißt: „Ahmakislatan“. Wörtlich übersetzt bedeutet es: „Naivenbenässer“. Das soll heißen, der Naive denkt: „Was soll das bisschen Nieselregen schon anrichten?“ Nach einiger Zeit ist er dennoch plitschnass.

Nichts anderes passiert mit uns. Ja, uns! Ich als türkischstämmiger Deutscher meine damit alle Türken, aber nicht weniger die Deutschen und die Europäer.

Von Religion habe ich nicht viel Ahnung. Dachte ich. Bis ich deutschen Politikern zuhörte. Ich meine, in ihrer Gesamtheit als Islamversteher. Wenn ich ihnen zu folgen versuchte, bekam ich immer mehr den Eindruck, dass ich über den Islam viel mehr weiß als sie. Zumindest kenne ich dessen Folgen in der Türkei.

Was die Scharia alles verdarb

Kann es sein, dass die Politik in Europa tatsächlich nicht weiß, was für ein heißes Eisen sie da anpackt? Und das auch noch auf der falschen Seite? Sie halten es nämlich im Moment am kalten Ende. Wenn es allerdings einmal soweit ist, wird wohl das ganze Eisen heiß sein.

Versteht ihr, was ich meine? Nein? In Ordnung, ich gebe euch ein Beispiel: Mit einem Freund habe ich eine Facebook-Gruppe gegründet. Sie heißt „Before Sharia Spoiled Everything“, wörtlich übersetzt: „Bevor die Scharia alles verdarb“. Darin widmen wir uns dem Andenken säkularer Gesellschaften und Subkulturen des 20. Jahrhunderts in Ländern mit muslimischen Bevölkerungsmehrheiten, die seit dem Ende der Siebzigerjahre zurückgedrängt wurden oder vollständig verschwunden sind. Unser Ziel ist, diese Menschen und ihren ganz gewöhnlichen Alltag bekannter zu machen und in der Öffentlichkeit dazustellen.

"Mensch! Wie fortschrittlich!"

In dieser Facebook-Gruppe zeigen wir Fotos aus Ländern wie dem Iran, Irak, Syrien und der Türkei aus den 30er bis in die 80er Jahre, die für sich sprechen. Viele Deutsche betrachten die Fotos und sagen: „Mensch, dort war es ja genauso fortschrittlich und modern wie hierzulande!" Ja, das war so, auch in der Türkei. Dann aber setzte man den Naivenbenässer ein. Ohne dass die Menschen es merkten, ließen sie die dunkle Seite des Islam in die Gesellschaft hinein.

Um jetzt nicht die Gemüter zu erhitzen muss ich anfügen, dass die Europäer diese Phasen – ich will einmal sagen: mit bestimmten Ausprägungen des Christentums – auch durchgemacht, letztlich aber überwunden haben. Was ich nicht verstehen kann ist: Warum erinnern sich die Europäer so wenig an ihre guten Erfahrungen aus dieser Zeit? Denn wir möchten doch nicht bald Fotos teilen und sagen: „Schau, so westlich sah es vor 20 Jahren noch in Deutschland aus!“

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