Einmal hingeschaut : Von geschnittenen Eckenschreibern und Zensur in der Türkei

Zwischen den Zeilen lesen zu können ist bei der Lektüre türkischer Zeitungen eine große Hilfe. Ahmet Refii Dener weiß, wie das geht. Eine Kolumne.

Ahmet Refii Dener
Mit abgeschnittenen Ecken würden die Eckenschreiber ihren Platz in der Zeitung verlieren.
Mit abgeschnittenen Ecken würden die Eckenschreiber ihren Platz in der Zeitung verlieren.Foto: Ahmet Refii Dener

Wieder mal so ein Wort aus dem Türkischen. Beschreibt eigentlich das, was ich mache, nämlich eine Kolumne schreiben. „Köse Yazari“ (Aussprache: Kösche Yasar), der Eckenschreiber, füllt letztendlich irgendeine Ecke der Zeitung aus. Auch wenn es in der Türkei keine freie Presse mehr gibt, so sind die Eckenschreiber immer noch der einzige Grund eine Zeitung zu lesen.

Einige Kolumnisten sind große Stars mit Fans. Eigentlich liest jeder für sich den Kolumnisten gerne, der in seinem Sinne schreibt. So fühlt man sich in der eigenen Meinung bestätigt. In der türkischen Community teilt man die Links der Eckenschreiber mehrfach und tut somit die eigene Meinung kund.

Ich lese auch die Kolumnisten der Erdogan-Presse, denn diese erfahren aus erster Quelle, was bevorsteht. Neunzig Prozent des Inhalts ist erfunden und so geschrieben, dass der Mann an der Spitze beziehungsweise seine Partei gut dasteht. Jeder Mensch ist eigentlich im Herzen gut. So schaffen es auch die größten Lügner nicht, nur bei der Lüge zu bleiben. Die Schwierigkeit ist, herauszufinden, an welcher Stelle sie die Wahrheit schreiben beziehungsweise: Wie muss ich was deuten, damit ich sehe, wo die Wahrheit versteckt ist? Man muss schon geübt sein darin, um all die Lügen aufzunehmen, durch das Lügensieb zu jagen und den Rest zu deuten.

Heute kann ich ein altes Beispiel bringen, denn die türkische Tageszeitung Tercüman gibt es schon lange nicht mehr. Ein Bekannter sagte mir: „Wenn du eine türkische Zeitung liest, dann musst du Tercüman lesen.“ Eigentlich hatte die Zeitung keinen guten Ruf und entsprechend war die Begründung des Bekannten: „Bei all den anderen Zeitungen weißt du nicht, was wahr ist und was nicht. Bei der Tercüman weißt du aber, dass alles erstunken und erlogen ist, sogar der Wetterbericht.“

Das kann man auch bei den Erdogan- Medien beobachten. Da es um die Stimmungsmache geht, wird sogar das Wetter schöner dargestellt als es in Wirklichkeit ist. Mit neuen Gesetzen, die in wenigen Wochen in Kraft treten werden, soll die Internet-Zensur in der Türkei nochmals gestrafft werden. So kann man kein Video und keine Berichte über die Türkei bringen, die nicht von der Genehmigungsbehörde und der türkischen Staatssicherheit (MIT) lizenziert wurden. Es sieht so aus, dass die türkischen Zeitungen demnächst abgerundete Ecken haben werden, damit der Eckenschreiber keinen Platz mehr zum Schreiben hat.

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Ahmet Refii Dener arbeitet als Türkei-Berater. 2017 ist ARDner, wie sich der Blogger (go2tr.de) nennt, nach Berlin gezogen.

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