Einmal hingeschaut : Willkommen, Ihr Deutschen!

Ahmet Refii Dener über das türkische Buhlen um Touristen und die Situation in der Hotelbranche von Alanya. Eine Kolumne.

Ahmet Refii Dener
Sandalen mit Socken und kurzer Hose gehören für einige deutsche Touristen dazu.
Sandalen mit Socken und kurzer Hose gehören für einige deutsche Touristen dazu.Foto: Tobias Kleinschmidt/dpa

Sie kamen, stießen auf Granit und traten unverrichteter Dinge den Heimflug an. Das hätte es per Video-Konferenz günstiger gegeben. So kann man die Visite des türkischen Außen- und Tourismusministers nach Deutschland in aller Kürze zusammenfassen. Da der Ex-Außen Siggi auch nicht da war, dürfte der Tanztruppe von Erdogan auch niemand Tee eingeschenkt haben. Endlich einmal operierte die Bundesregierung aus der Position der Stärke heraus und nicht, wie sonst üblich, mit Kopfnicken.

Wenn ich, ein Türkischstämmiger, das schreibe, könnt ihr das durchaus so verstehen, dass ich Genugtuung empfinde. Weit gefehlt !!! Ich gehe mal davon aus, dass die Entscheidung politischer Natur ist. Folglich bringe ich die Menschenrechte ins Spiel. Schließlich sitzen viele Andersdenkende in der Türkei schon lange aus „politischen“ Gründen im Gefängnis.

Klar, sofort weht mir ein rauer Wind entgegen und es heißt: „Soll die Türkei alleine mit den Flüchtlingen im Land fertig werden?“ Ja, das ist ein Problem. Auf der anderen Seite hat die Türkei ihren Anteil daran, dass diese Menschen in Scharen ins Land kamen. Auch der Einmarsch in Syrien brachte einen Nachschlag.

Zurück zum Tourismus und den Menschen, die in absoluter Abhängigkeit vom Tourismus existieren und dies derzeit nicht können. Klar tun sie mir leid. Aber mir tun weltweit noch so viele andere Menschen leid.

Lange habe ich in Alanya meinen Lebensmittelpunkt gehabt. Den Einheimischen - jedenfalls den meisten - geht es gut. Sie haben Grund und Boden oder Hotels, bei denen es nicht wehtut, wenn sie mal nicht in Betrieb sind. Schmerzvoller ist es für die Angestellten. Sie sind in die Arbeitslosigkeit geschickt worden. Aber nicht erst seit Corona, sondern früher: Die meisten wurden durch syrische Flüchtlinge ersetzt, die viel günstiger sind.

[Behalten Sie den Überblick: Jeden Morgen ab 6 Uhr berichten Chefredakteur Lorenz Maroldt und sein Team im Tagesspiegel-Newsletter Checkpoint über die aktuellsten Entwicklungen rund um das Coronavirus. Jetzt kostenlos anmelden: checkpoint.tagesspiegel.de]

Drei bis vier Monate ist Saison. In dieser Zeit müssen die Beschäftigten so viel verdient haben, dass sie und ihre Familien zwölf Monate über die Runden kommen. Seitdem es „Alles inklusive“ gibt, wird im türkischen Tourismus miserabel verdient. Der Tourist hat im Jahr 2005 pro Kopf mehr Geld da gelassen als 2019.

In den letzten Jahren gab es oft wenige Touristen in der Türkei. Mal wurde ein russischer Jet abgeschossen, ein andermal gingen Terrorbomben hoch und überhaupt ist das Verhältnis zu den Nachbarstaaten nicht berauschend. Dank Erdogan. Erst kürzlich wurden die Deutschen allesamt als Nazis bezeichnet... und jetzt? Jetzt auf einmal sind sie willkommen?

Ahmet Refii Dener arbeitet als Türkei-Analyst. 2017 ist ARD, wie der Blogger (go2tr.de) genannt wird, nach Deutschland zurückgekehrt.

Jetzt neu: Wir schenken Ihnen 4 Wochen Tagesspiegel Plus!