Was bisher geschah

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Eurovision Song Contest : Das Cordoba des Schlagers: Conchita Wurst siegt für Österreich, deutsche Band Elaiza hinten
Vom Außenseiter zum Favoriten: Der österreichische Travestiekünstler Conchita Wurst.
Vom Außenseiter zum Favoriten: Der österreichische Travestiekünstler Conchita Wurst.Foto: AFP

Was bisher geschah: Das beste Lied hat sie nicht, aber die auffälligste Gesichtsbehaarung. Travestiekünstlerin Conchita Wurst hat sich dank ihres markanten Vollbarts innerhalb weniger Tage von der Außenseiterin zur Topfavoritin des Eurovision Song Contests entwickelt. Schon beim Halbfinale am Donnerstag wurde Wurst in der Halle bejubelt. Wenn sie diesen Samstagabend zum Finale antritt, ist ihr die Rolle des Publikumslieblings sicher.

Conchita Wurst heißt eigentlich Tom Neuwirth. Nach ersten Proben wurde der österreichische Beitrag vor allem von osteuropäischen Fans massiv im Internet beleidigt. Ein russischer Lokalpolitiker sprach sich sogar für einen Zuschauerboykott aus, weißrussische Medien hetzten ebenfalls gegen die Bartträgerin. Auch vor Ort in Kopenhagen musste sie Anfeindungen ertragen. Armeniens Kandidat Aram Sargsyan, der auch zum Favoritenkreis zählt und dessen selbst komponierter Song „Not Alone“, musikalisch betrachtet, tatsächlich zu den originellsten und aufregendsten des Jahrgangs gehört, machte sich mit einer schwulenfeindlichen Bemerkung über Wurst unbeliebt. Später entschuldigte er sich und behauptete gleichzeitig, er sei übrigens falsch zitiert worden.

Solidarität nach Angriffen aus Russland gegen Conchita Wurst

Unter dem Gros der Fans lösten die Anfeindungen eine Solidaritätswelle aus – und eine Debatte darüber, wie viel Toleranz man von Teilnehmern und ihren Fans denn mindestens voraussetzen könne. Im Grunde: Ob zu einem europäischen Gesangswettbewerb im Jahr 2014 nicht auch zwingend europäische Werte gehören. Die Forderung, statt Conchita Wurst lieber Nationen mit intoleranten Tendenzen auszuschließen, hat bisher aber auch keine Mehrheit gefunden.

Traditionsgucker fühlen sich an Dana International erinnert. Die transsexuelle israelische Popsängerin, die 1998 in Birmingham antrat, erregte ebenfalls Aufsehen, schaffte es am Ende knapp auf den ersten Platz. Allerdings gibt es einen Unterschied: Dana International wirkte auf der Bühne äußerst weiblich. Wer ohne Vorwissen ins Programm schaltete, sah halt eine Frau. Der dunkle Vollbart von Conchita Wurst lässt das nicht zu. Was auch beabsichtigt ist: Mit ihrem Äußeren wolle sie Intoleranz bekämpfen und Menschen ins Grübeln bringen, sagt Wurst.

Deutscher Beitrag Elaiza ohne Chancen

Dem deutschen Beitrag „Is It Right“ wird dieses Jahr unter Buchmachern und Kritikern kein vorderer Platz zugetraut. Das Trio Elaiza, das erst einen Schülerwettbewerb gewinnen musste, um überhaupt beim deutschen Vorentscheid antreten zu können, erhielt Startplatz zwölf und wird damit direkt im Anschluss an Conchita Wurst auf der Bühne stehen. Die unspektakuläre Nummer dürfte zwischen den effektorientierten, oft schrillen und lauten Songs der übrigen Starter kaum auffallen. Aber nicht schlimm: Alles über Platz 21 können Elaiza als Steigerung verbuchen. Auf dem war im vergangenen Jahr die deutsche Starterin Cascada gelandet.

Für einen anderen Deutschen gilt der diesjährige Wettbewerb schon jetzt als Erfolg. Komponist Ralph Siegel („Ein bisschen Frieden“) hat das Lied für San Marino geschrieben – das es immerhin bereits bis ins Finale geschafft hat. Eine Leistung, die Siegel in den Vorjahren nicht vergönnt war. Schon mehrfach hatte er deshalb angekündigt, sein Engagement für den Wettbewerb zu überdenken, war dann aber doch immer wieder rückfällig geworden.

Teilnehmerin aus der Ukraine beschwört Einheit ihres Landes

Neben den zahllosen Solidaritätsbekundungen für Österreichs Conchita Wurst ist der Eurovision Song Contest 2014 noch aus einem anderen Grund politischer als sonst: Während die Starterin der Ukraine auf Pressekonferenzen die Einigkeit ihres Heimatlandes beschwor und dafür in Fankreisen eine Menge Sympathien gewann, wurden die russischen Starterinnen, zwei blonde Zwillinge, in Kopenhagen mehrfach ausgebuht. Wegen Russlands Haltung im Ukraine-Konflikt und wegen der homophoben Politik von Präsident Wladimir Putin. Dennoch hat es Russland ins Finale geschafft, ebenso Weißrussland, das es beim Eurovision-Publikum in den Vorjahren traditionell schwer hatte.

Anweisung aus dem Kreml für die russischen Sängerinnen

Gut möglich, dass im Finale erneut Pfiffe ertönen werden. Die lassen sich am Mischpult des Produktionsteams nur begrenzt ausblenden. Die Ukrainerin Maria Yaremchuk, die den Wettbewerb eröffnen wird, hat inzwischen immerhin betont, dass doch bitte die Musik im Vordergrund stehen solle, ja dass Musik Menschen im besten Fall sogar vereinen könne. Und die russischen Tolmatschowa-Zwillinge? Sie haben angeblich die Auflage, jedes politische Statement zu unterlassen. Anweisung aus dem Kreml, heißt es in Kopenhagen.

Der Song Contest beginnt am Samstag um 21 Uhr. Die ARD überträgt ab 20.15 Uhr aus Kopenhagen. Wer sich vorab ein Bild von den qualifizierten Teinehmern machen möchte, kann sich alle Beiträge unter www.eurovision.de anhören. Und ab 20 Uhr tickern wir dann hier los.

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