Fan-Visum für Russland : Ohne Bürokratie

Russland will den Erfolg der Fußball-WM nutzen, um den Tourismus anzukurbeln. Dafür wurde die visumfreie Einreise verlängert.

Liudmila Kotlyarova
Willkommensflaggen mit dem Logo der Fußball WM 2018 wehen vor der Basilius-Kathedrale in Moskau.
Willkommensflaggen mit dem Logo der Fußball WM 2018 wehen vor der Basilius-Kathedrale in Moskau.Foto: dpa

“Bin gesund und munter heimgekehrt nach zwei Wochen in Russland”, schrieb der Brite Matt Maybury nach seiner Rückkehr von der Fußball-Weltmeisterschaft. “Bin weder von blutrünstigen Hooligans angegriffen noch von einem Bären gefressen noch vergiftet oder getötet worden”. Ähnlich wie Maybury äußerten sich viele in den sozialen Netzwerken. Der Entschluss vieler WM-Touristen: Sie wollen sich Russland noch einmal ohne Fußball anschauen.

Drei Millionen Besucher

Die WM brachte rund drei Millionen ausländische Fans nach Russland. Über 2,5 Millionen Tickets wurden an sie verkauft - doppelt so viele wie an die Russen. Allein Moskau wurde von 2,21 Millionen Menschen besucht. Sie überfluteten die russische Hauptstadt und waren an bunten laminierten Kärtchen an der Brust sofort zu erkennen: der Fan-ID. Sie war Visumersatz und gleichzeitig mehr: sie gewährte kostenlosen Zugang zu Fan-Zügen, öffentlichen Verkehrsmitteln und Rabatte für Museumskarten. Was die Russland-Begeisterung zusätzlich förderte.

“Es war klar, dass die Ausländer sich in Russland verliebt haben”, meint der Vizepräsident des Verbandes der russischen Tourismusindustrie Juri Barsykin selbstbewusst. “Die Spiele waren vorbei, aber viele machten sich nicht gleich auf den Rückweg. Manche blieben länger, um das Land besser kennenzulernen.“ Traditionell kommen rund drei Viertel der Russland-Touristen aus der GUS, also aus Ländern der ehemaligen Sowjetunion. Die WM hat die Proportionen verändert. Es kamen besonders viele Gäste aus den USA, Brasilien, Kolumbien, Deutschland und China. Meinungsumfragen zeigten, 80 Prozent der Fans würden gerne zurückkommen.

Auch für die Universiade

Unlängst unterschrieb der russische Präsident Wladimir Putin eine Gesetzesänderung, die die Einreise erleichtert. Alle WM-Besucher dürfen bis zum Jahresende unbeschränkt und mehrmals nach Russland einreisen. Sie brauchen nur den Reisepass und die Fan-ID. Diese Möglichkeit könnten nun 29.000 Deutsche nutzen, und es wären sogar 55.000, hätten nicht viele ihre Tickets nach dem WM-Aus der Nationalmannschaft abgegeben. Normalerweise müssten sie für ein Russland-Visum eine ziemlich bürokratische Tour durchstehen: mit Reisebestätigung des Reiseveranstalters, Auslandsversicherung, Bestätigung der Rückkehrwilligkeit nach Deutschland und wenigstens 62 Euro Visagebühr für maximal 30 Tage Aufenthalt. Nun müssen sie nur entspannt ein Ticket kaufen und Hotels buchen.

Inzwischen zeigt sich Russland bereit, einen ähnlichen Fanausweis auch bei anderen Veranstaltungen einzuführen, schon bei den Sportspielen der Studenten, der Universiade 2019, im sibirischen Krasnojarsk oder beim Tschaikowsky-Wettbewerb im gleichen Jahr soll das der Fall sein. Deshalb erwarten deutsche Reisebüros, die sich auf Russland spezialisiert haben, in naher Zukunft einen Rückgang ihrer Geschäfte, denn die Inhaber von Fan-IDs würden weder ein Visum noch einen Reiseveranstalter für Einreise nach Russland brauchen. Das Berliner Reisebüro Vostok teilte auf Anfrage mit, die Geschäfte seien schon während der WM zurückgegangen.      

Um den Tourismus weiter zu fördern, schlug Medwedew sogar vor, die Anreisekosten von ausländischen Touristen teilweise zu erstatten - und zwar auf Staatskosten. Das sehen viele Russen kritisch, denn im Land steigen die Lebenshaltungskosten stetig und gerade wird im Parlament ein Gesetz zur Erhöhung des Renteneintrittsalters diskutiert. Staatsgelder müssten anders verwendet werden, meinen viele.

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