Folge des Dürresommers : Ein kluger Bauer macht Geld mit Heu

Bauer Hans-Hermann Ropers aus Cuxhaven profitiert dank kluger Kalkulation vom vergangenen Dürresommer. Er macht nun gute Geschäfte mit knappem Tierfutter.

Nico Schnurr
Bauer Hans-Hermann Ropers in einer seiner Scheune auf und vor Heuballen.
Bauer Hans-Hermann Ropers in einer seiner Scheune auf und vor Heuballen.Foto: Christian Platz

Das Fenster auf der Fahrerseite des Volvos fährt herunter. Heraus wandern Geldscheine, ein Fünfziger nach dem anderen, in die Hände von Hans-Hermann Ropers. Der Wagen zischt davon, mit einem Anhänger voll Heu, 300 Kilogramm schwer. Zurück auf seinem Hof in Nordleda bei Cuxhaven bleibt ein Bauer, der jetzt erst mal etwas klären will. Nein, stellt Ropers sich vor, er sei nicht Dagobert Duck. Auch wenn „Die Zeit“ so was in der Art geschrieben habe, schwimme er nicht im Geld.

Dabei läuft das Geschäft mit dem getrockneten Gras gut, sehr gut sogar seit der Dürre im Sommer. Das will er nicht abstreiten. Auf dem Lastwagen, vor dem Ropers hektisch von einem Bein aufs andere wackelt, steht: „Alle Tiere sind froh, Ropers liefert Heu und Stroh.“ Den Spruch hat er sich mal vor Jahren ausgedacht. Inzwischen würde er ihn gerne ändern, passender fände er nach diesem Sommer: „Alle Tiere sind froh, nur noch Ropers liefert Heu und Stroh.“

Er beliefert halb Europa mit Ballen

Hans-Hermann Ropers erntet Heu auf 550 Hektar kurz vor der Küste, „grüne Oase, bester Marschboden“, sagt er. Von hier aus beliefert Ropers halb Europa mit Ballen. Die Elefanten im Tierpark Hagenbeck bekommen sein Heu, Alpakas, Pferde zwischen Skandinavien und Süddeutschland. Selbst Scheichs aus Dubai haben Ropers auf seinem Hof besucht. In Nordleda, da lagert in grünen Scheunen „das Gold vom Land“, sagt er. „Alle brauchen Heu, ich habe es.“

Nach Monaten ohne Regen war die Ernte im vergangenen Jahr eine Enttäuschung. Halb so viel Heu wie gewohnt. Das trifft vor allem die deutschen Pferdebesitzer. Anders als Kühe können Pferde nicht mit Maissilage gefüttert werden, sie sind auf das knappe Heu angewiesen. Das lässt die Preise steigen. Im Frühsommer kostete ein Rundballen noch etwa 40Euro, inzwischen sind es bis zu 100. Eine Wahl haben die Pferdebesitzer nicht. Wer nicht vorsorgt, könnte bald ohne Futter für die Tiere dastehen. „Viele haben Angst, dass sie es mit ihren Vorräten nicht über den Winter schaffen“, sagt Ropers. „Die Panik ist da.“ Und er profitiert davon.

Statt Goldbarren kaufte die Familie Wiesen

Ropers, 61 Jahre alt, weißes Haar, gerötete Wangen, hetzt über den Hof, hin zu einer wuchtigen Halle. Auf dem Weg hastet er noch schnell durch die Familiengeschichte und spricht dabei so schnell, ohne Pause, als ließe er das Luftholen zwischen seinen Sätzen einfach weg. Der Opa, der Vater, die halbe Verwandtschaft, alle hätten sie gepredigt: „Ist ein bisschen Geld übrig, werden keine Goldbarren gekauft, sondern Wiesen.“ Ropers hat sich daran gehalten, seine Söhne auch. „Aber erst jetzt weiß ich, wozu das ganze Land gut ist.“

Als das Heu überall knapp wurde, waren seine Vorräte noch lange nicht aufgebraucht. Sie sind es noch immer nicht, in sechs Hallen stapeln sich die Ballen. Weil Ropers so große Flächen bewirtschaftet. Und weil er vorgesorgt hat. „Im Mai haben alle gesagt: So schlimm wird die Dürre schon nicht werden. Ich wusste: Es wird schlimm.“ Also kaufte er Heu dazu, im ganzen Norden, so viel er auftreiben konnte. „Ein bisschen Klein-Klein genügt nicht, ich bin Kaufmann.“

Alle sagten: Der spinnt doch. Sehen sie jetzt anders

Früher verkaufte Ropers Äpfel, pro Kilo ein paar Cent Gewinn, irgendwann war ihm das zu wenig. Und dann? „Wenn alle Kartoffeln anbauen, mache ich das nicht auch noch. Lieber etwas, worauf keiner kommt.“ Heu, im großen Stil. Vor fünf Jahren hat Ropers alles auf eine Karte gesetzt, mehr als eine Million Euro in eine Heutrocknungsanlage investiert, um vom Wetter unabhängig zu sein. Und auch im Herbst noch ernten zu können, wenn die Felder feucht sind. „Alle haben gesagt: Der Ropers ist bescheuert. Eine Investition in Heu, der spinnt doch. Sehen die inzwischen anders.“

Jetzt stapeln sich die ausgedruckten Mails auf seinem Schreibtisch. Das Telefon klingelt im Minutentakt. Immer neue Anfragen. Ein Lastwagen Heu bitte nach Bayern, einer nach Brandenburg. Ropers notiert das in einem Karoheft mit hunderten Seiten. Nach ein paar Tagen braucht er ein neues, dann ist das alte Heft voll mit Aufträgen von verzweifelten Pferdebesitzern. Gerade hat eine Kundin zu ihm gesagt: „Meine Pferde fressen das Geld nicht, also kriegst du es.“ Den Spruch hat Ropers sich gemerkt, findet er witzig. Aber er sagt auch: „Mit Heu ist nicht zu spaßen, die Lage ist ernst.“

Wenn Tiere hungern werden Menschen zu Dieben

Vor einer Weile hat Ropers zwölf Heuballen auf einen Hof in der Nähe von Bremerhaven gefahren. Am nächsten Morgen bekam er einen Anruf, die Kundin aufgebracht am Apparat, warum er denn das Heu wieder abgeholt habe. Hatte er nicht. Das Heu wurde geklaut. In letzter Zeit ist das in Niedersachsen immer wieder passiert. Im Herbst, nach der großen Dürre, als die Ballen noch auf den Feldern lagen, häuften sich die Polizeimeldungen: Sechs Heuballen in Rinteln geklaut, zwölf in Aurich, 25 in Wulften. In Klein Heidorn bei Hannover haben Unbekannte gleich eine ganze Wiese abgemäht und das Heu mitgenommen.

„Wenn die Tiere hungern, dann werden schon mal Leute zu Dieben, die eigentlich keine sind“, sagt Ropers. Die Situation würde sich entspannen, wenn der Winter mild ausklingt. „Sollte es im März noch mal eisig werden, sehe ich schwarz.“ Bei Minusgraden bräuchten die Pferde mehr Futter als sonst, sagt Ropers. „Wenn der Winter noch lange dauert, droht ein kleiner Heu-Krieg im Norden.“ Hätte er etwas dagegen?

Manchmal springt er ins Heu

Keine Antwort, Ropers kann gerade nicht. Er sucht nach Geld im Heu. Einer der Fünfziger, die ihm der Volvofahrer zugesteckt hat, muss ihm durch das Loch in seiner Hosentasche gerutscht sein. Also kniet Ropers nun da und fährt mit den Händen über die Halme. Er durchkämmt den halben Haufen, dann findet er den Schein tatsächlich wieder. „Man muss auch mal Glück haben“, sagt Ropers. „Nur fleißig sein, das reicht nicht.“

Es geht eine Halle weiter, zur Heutrocknungsanlage. Eine Holztreppe hoch, ein schmales Geländer entlang, bis man sieht, wie sich die Halle in drei tiefe Kästen teilt. Während der Saison steht das Heu hier bis unter die Decke. Manchmal steigt Ropers dann aufs Geländer und springt ins Heu. „Fühlt sich an wie ein Köpper im Schwimmbad“, sagt er. Ropers schwimmt dann nicht im Geld, sondern im Heu. Oder war es andersrum?

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