Genuss und Gefahr : Warum Mindestpreise das Alkoholproblem nicht lindern

Schottland hat Mindestpreise eingeführt, damit weniger Menschen am Alkohol sterben. Das ist gut gemeint. Doch ansetzen sollte man erst an anderer Stelle. Ein Kommentar.

Glasklar? Alkohol ist gleichermaßen Genuss und Gefahr.
Glasklar? Alkohol ist gleichermaßen Genuss und Gefahr.Foto: Axel Heimken/ picture alliance / dpa

Ein paar Kisten Bier werden aus dem Supermarkt getragen. Das kann die Aussicht auf eine beschwingte Feier sein. Mit vielen Freunden und guter Laune. Oder die Diagnose einer Sucht. Die Grenze dazwischen ist fließend.

Alkohol erzeugt wie keine andere Substanz ein ganzes gesellschaftliches und kulturelles Panorama bis hin zu religiöser Symbolik. Wer nicht auf die gute Seite sieht, die des Genusses, des Gelöstseins und der Geselligkeit, kann sich auf der anderen Seite eine imposant-traurige Schadensbilanz anschauen. Mit 20.000 Menschen, die geschätzt jedes Jahr in Deutschland an den direkten Folgen des Alkoholkonsums sterben, mit 13.000 alkoholbedingten Unfällen im Straßenverkehr, davon 225 tödlichen, und mit zehn Prozent aller Tatverdächtigen von Straftaten, die unter Alkoholeinfluss standen.

Schottland unternimmt nun den Versuch, solche Schäden einzugrenzen. Durch einen Mindestpreis für Alkohol. Und hat dafür auch schon eine Erwartung formuliert: 400 Alkoholtote und 8000 Klinikaufenthalte weniger innerhalb von fünf Jahren. Dieser Versuch hat auch auf manche Gesundheitsexperten in Deutschland anregende Wirkung.

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Mindestpreis für Whiskey und Wein in Schottland
Mindestpreis für Whiskey und Wein in Schottland

Wie so oft bei großen Problemen soll die Mathematik beim Lösen helfen. Die Wahrscheinlichkeitsrechnung lautet in diesem Fall: je höher der Preis, desto geringer der Konsum. Zumal einige alkoholische Getränke immer billiger geworden sind. Also die schottische Rechenart übernehmen und auch hierzulande die Preise anheben?

Die soziale Perspektive auf Alkohol

Wenn die Politik eingreifen sollte, müsste das wirklich gut begründet sein. Doch das ist trotz der Schadenszahlen nicht so leicht, weil es eine Gleichung mit vielen Unbekannten ist. Es gibt einige Widersprüche und Besonderheiten. Der Vergleich mit dem Rauchen etwa hilft nur bedingt weiter. Denn die Suchtgefahr ist beim Rauchen deutlich höher, in geringen Mengen genossen gilt Alkohol auch nicht als gesundheitsschädlich. Da liegt der Vergleich mit dem Auto fast näher. Autofahren verbindet, der Geschwindigkeitsrausch dagegen wird für einen selbst und andere gefährlich.

Der Alkoholkonsum von Jugendlichen ging zuletzt zurück. Und sozial Bessergestellte trinken mehr als Menschen mit niedrigen Einkommen, was auch nicht für den Mindestpreis spricht. Ohnehin ist die Perspektive auf Alkohol oft eine soziale: Der Wein in der Kartonverpackung wird als „Pennerglück“ verspottet, der teure Wein verleiht dem Trinker dagegen Kultiviertheit. Seminare zu Wein oder Whisky sollen auch im guten Sinne zu Kopf steigen. Von der Suchtgefahr sind jedoch alle Schichten betroffen.

Schnaps neben Schokoriegeln und Kaugummis

Die Alkoholkrankheit ist ein persönliches Leiden mit vielen gesellschaftlichen Komponenten. Die hohe Präsenz von Alkohol und seine Verfügbarkeit gehören dazu. Wer zum auf Tabletts herumgereichten Sekt Nein sagt, sieht sich häufig zu einer Begründung genötigt. Und weil im Straßenverkehr nicht die Null-Promille-Grenze gilt, gilt nicht mal immer das „Ich muss noch fahren“.

Die Toleranz für Alkohol ist ungebrochen hoch und bei Feierabendbier und in Sektlaune ist es schwierig, die Grenze von der noch gesunden Gewohnheit zur Sucht zu ziehen. Das Beispiel der Alcopops soll herhalten, um einen Mindestpreis zu rechtfertigen. Seitdem diese süßen Mischgetränke deutlich teurer wurden, ist auch ihr Absatz zurückgegangen. Gesoffen wird jedoch nach wie vor, auch bis zum Exzess, aber eben anderes Gemisch. Wenn der Kopf einmal benebelt ist, wird ein höherer Preis auch nicht von der nächsten Bestellung abhalten.

Die verführerische Präsenz des Alkohols könnte dennoch eingeschränkt werden. Dass gerade hochprozentige Getränke an der Supermarktkasse neben Schokoriegeln und Kaugummis zum Mitnehmen einladen, lässt sich regeln. Ebenso die opulente Werbung für Alkohol. Andere Maßnahmen wollen gut überlegt sein. Der Versuch der Schotten lässt sich jedenfalls auch aus der Distanz gut verfolgen.

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