Panorama : Grüße aus dem Kreißsaal

Sie heißt Anna, ist 23 Jahre alt. Uns hat sie verraten, wie sich das anfühlt: ein Kind zur Welt zu bringen

Sugárka Sielaff

Der graue Linoleumboden, der leichte Putzmittelgeruch in der Luft, die professionelle Freundlichkeit der Empfangsdame und das endlose Warten auf die Hebamme. Alles irgendwie vorhersehbar.

Anna, 23, wollte ihr Kind eigentlich im Geburtshaus zur Welt bringen, aber jetzt steht sie hier an der Rezeption eines Hamburger Krankenhauses, eingewickelt in eine Decke und sieht aus wie ein kleines Zelt. Umgeben ist sie von Plastikpalmen, ein paar Leuten, die auf Plastikstühlen sitzen und dem Summen, das ertönt, bevor die großen Türen aufschwingen, die irgendwohin in geheimnisvolle Gänge des riesigen Krankenhauslabyrinths führen.

Annas Freund Jan ist auch 23, sehr dünn. Alle dreißig Sekunden kommt eine Wehe. Anna krümmt sich, richtet den Blick angestrengt ins Leere und atmet tief ein und aus. Jan guckt traurig und wird noch jünger und dünner. Er tappt in ihre Richtung und streckt die Hand aus. „Nicht anfassen!“ zischt Anna.

Morgens um sechs erwachte Anna an diesem Morgen in einer Wasserlache. Die Fruchtblase, die das Kind wie ein Wasserballon umgibt, war geplatzt. Ein sicheres Zeichen für den Beginn einer Geburt.

Was hast Du gedacht, Anna? „Gar nichts, ich war müde.“

Anna weckte Jan, der aufsprang, herumlief und redete: „Dann fahren wir jetzt los, sehr gut, es wird schönes Wetter, wurde auch Zeit, hast du alles, tut es schon sehr weh? Nein? Gut, gut.“ Sie fuhren in Jans klapperndem Panda zum Geburtshaus. Im Gepäck Mozarts Klavierkonzert in d- Moll, Anna wollte es während der Geburt hören.

Im Geburtshaus: Hebammen, Duftlampen, Bilder von herabstürzenden Flüssen und die Idee einer sanften Geburt. Weil eine Gebärende selbst fühlt, was gut für sie ist, ob sie sitzen, liegen oder stehen will und weil es oft ohne Apparate und eilige Ärzte geht.

Sieben Stunden lag Anna weißgesichtig auf dem Familienbett, schluckte homöopathische Kügelchen und weigerte sich zu schreien. Das Klavierkonzert wollte sie nicht hören, Jan durfte sie nicht anfassen.

Wie ist eine Wehe, Anna? „Als würde dir jemand einen Presslufthammer ins Rückenmark bohren.“

Zehn Zentimeter müssen die Wehen den Muttermund einer Frau öffnen, damit der Kopf eines Kindes hindurchpasst.

Nach sieben Stunden war Annas Muttermund drei Zentimeter weit geöffnet. Anna war so erschöpft, dass sie in den dreißig Sekunden zwischen den Wehen einschlief. Anna musste ins Krankenhaus.

Jetzt steht sie hier an der Rezeption, eingewickelt in eine Decke, mit dunklen nassen Haaren. Man lässt sie warten.

Endlich kommt eine Hebamme, sie wedelt mit Zetteln, die unterschrieben werden müssen, „Ihre Versicherungskarte, bitte“ und bringt Anna in ein Zimmer. Ein Zimmer mit Neonröhren an der Decke, Plastikgardinen und einer Art Küchenzeile mit Waschbecken, Waage und Wickeltisch. Draußen ist es jetzt Mittag, aber hier drinnen gibt es keine Zeit mehr. Das Warten zieht sich, Jan läuft hinaus und hinein, sucht jemanden, der weiß, wann jemand kommt, sucht das Schwesternzimmer und findet eine Besenkammer.

Anna liegt hinter ihrem riesigen Bauch und will nicht schreien. Sie bewegt sich nicht mehr; wenn eine Wehe kommt, dreht sie den Kopf zur Seite. Irgendwann erscheint der Arzt, er ist geschäftig, ordert einen Wehentropf, „damit es hier mal richtig losgeht“ und verschwindet.

Was hast Du gefühlt, Anna? „Man wird zur Kreatur, von einer Naturgewalt überrollt. Irgendjemand muss doch kommen und mir helfen, dachte ich die ganze Zeit.“

Irgendwann fliegt die Tür auf und viele Leute in weißen Kitteln erscheinen, sie schütteln Hände, „guten Tag, guten Tag, na, da wollen wir mal sehen“ und betrachten Anna. Eine Schwester legt eine Kanüle für den Wehentropf, der die Wehen verstärken soll. Anna stöhnt und windet sich. „Sie kann nicht mehr, wir machen eine PDA“, stellt ein Arzt mit rasiertem Nacken fest, und jetzt geht auf einmal alles ganz schnell.

Wehentropf abschalten, Wehenblocker anlegen. Die Wehen werden jetzt künstlich unterdrückt, damit Anna still sitzen kann, wenn der Arzt die PDA setzt. Die Peridural-Anästhesie betäubt den Körper von der Taille abwärts, aber so, dass Anna ihre Beine noch spüren kann. Eine Mischung aus Schmerz- und Betäubungsmitteln wird dabei in den unteren Bereich der Wirbelsäule gespritzt. Zwei akkurate junge Ärzte rufen sich Kommandos zu, „Spritze, Tupfer“, wie in „Emergency Room“. Danach erneut der Wehentropf. Es geht wieder los.

Anna hat jetzt keine Schmerzen mehr, aber Fieber. Sie schwatzt munter, knufft Jan. Es ist inzwischen Abend.

Rote Wangen hat Anna, ihre Augen leuchten, sie redet und redet: dass ihre Beine eingeschlafen sind und sie den Schmerz nicht spürt , aber die Wehen noch als leichten Druck, wie komisch das ist und wie fertig sie war und dass es ihr jetzt gut geht und wie es Jan denn geht und was für geschmacklose Gardinen hier hängen, überhaupt ist das Zimmer hässlich.

Wieder kommt eine Hebamme und diesmal ist der Muttermund offen. Die Presswehen werden jetzt beginnen, mit denen das Kind durch den Geburtskanal gedrückt wird. Die letzte Phase.

„Bitte, verlassen Sie den Raum!“

Von draußen hört man alle schreien. „Pressen Sie jetzt! Mehr! Das war doch wohl nicht alles!“ Das ist der Arzt. „Gleich hast du es geschafft, nur noch ein kleines bisschen, ich kann den Kopf schon sehen. Oh Gott! Es hat schwarze Haare!!“ Jans Stimme. Und immer wieder Anna: „ Ich kann nicht mehr, es reicht jetzt, ich mach nicht mehr mit, ich will nach Hause!!!“

Merkwürdig dieses Warten auf dem Flur. Wie die Männer in den Filmen, die immer auf einem englischen Landgut im neunzehnten Jahrhundert spielen. Als sie noch nicht mit hinein durften und gezwungen waren, mit ernster Miene den Flur zu durchmessen während von drinnen grässliche Schreie zu hören waren.

Magisch ist immer der Moment, in dem sich in dieses Schreien ein dünnes Quieken mischt. So ist es auch jetzt. Ein Erstaunen liegt in der Luft: Er ist tatsächlich da, ein neuer Mensch. Die Leute in den weißen Kitteln lachen erleichtert. „Na, das war knapp, fast wäre es ein Kaiserschnitt geworden.“ Dann gehen sie.

Leon ist ein kleiner Gnom mit großen schwarzen Augen, seine kleinen Fäuste hat er an die Brust gepresst. Faltig ist er und sieht uralt aus. Anna hält ihn im Arm, wie Meissner Porzellan, das Bett ist voller Blut. Jan sitzt daneben und sieht erstaunt aus. Der Kinderarzt kommt, wiegt und misst. Leon wird gebadet und angezogen. Als alles vorbei ist und die Schwester für Jan ein Bett hereinschiebt, ist es Mitternacht. Jan lässt sich auf das Bett fallen, „Mein Gott, bin ich fertig“, seufzt er. „Was“, sagt Anna, „du bist fertig?“ Aber Jan antwortet nicht mehr, er schläft.

Und dann, Anna? „Ich lag die ganze Nacht wach und beobachtete ihn. Er atmete, ich hatte Angst, er würde plötzlich damit aufhören. Wie winzig er war, wie kann man nur so winzig sein, war ich auch mal so winzig? Ich lag da und beobachtete ihn.“

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