Als Höppners Entschluss fiel, war gerade „Mare Nostrum“ eingestellt worden

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Harald Höppner : Brandenburger will Flüchtlinge aus dem Mittelmeer retten

Höppners, die von sich selber sagen, sie seien „eher unpolitisch“, erzählen, wie sie mit zwei Freunden bei einer Flasche Wein am Küchentisch saßen. Schon oft hatten sie über die Unglücke im Mittelmeer gesprochen. An jenem Abend im vergangenen November aber fiel ein Satz, der etwas in Bewegung setzen sollte. Ein Freund sagte halb im Spaß, halb im Ernst: „Damit die Flüchtlinge nicht ertrinken, müsste man mit einem Frachter nach Libyen fahren und sie abholen.“ Allen war natürlich klar, dass das illegal ist, sie wären dann Schlepper. Also spannen sie weiter, sprachen von privaten Segeljachten, die den Job übernehmen sollten. Und dann hatte Harald Höppner diese Idee.

Neben Tanja Höppner am Küchentisch sitzen jetzt ihr 15-jähriger Sohn Moritz und ein befreundetes Paar. Die Freundin sagt: „Wenn irgendein anderer Freund von so einem Projekt erzählt hätte, hätte ich gedacht: mal schauen, ob das klappt. Bei Harald wusste ich sofort: Der zieht das durch.“ Moritz sagt: „Papa kriegt immer alles irgendwie hin.“ Dass Harald Höppner bis dahin noch nie auf einem Hochseeboot gewesen war, dass er nicht mal wusste, ob er leicht seekrank werden würde, störte niemanden.

„Das ist vielleicht ’ne verrückte Idee. Aber ich bin Realist“, sagt Harald Höppner. „Mir ist klar geworden, ich kann etwas tun, also tue ich was.“ Er sagt: „Müsste, könnte, sollte – diese Wörter mag ich nicht.“

Die Suche nach dem geeigneten Schiff

Im November, als Höppners Entschluss fiel, war gerade „Mare Nostrum“ eingestellt worden. Jene Rettungsmission, die Italien gestartet hatte, nachdem am 3. Oktober 2013 fast 400 Flüchtlinge vor der Insel Lampedusa ertrunken waren. In den folgenden zwölf Monaten holte die italienische Armee nach eigenen Angaben mehr als 100 000 Bootsflüchtlinge aus dem Wasser. Trotz der Hilfsaktion kamen mindestens 3000 weitere ums Leben. In diesem Jahr sind schon mindestens 400 Flüchtlinge gestorben, vier Mal so viele wie im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Die Europäische Union hat mit „Triton“ zwar eine Nachfolgemission beschlossen. Deren vorrangiges Ziel ist es aber, illegale Einwanderer abzuhalten – nicht, sie zu retten.

Nächtelang suchte Höppner im Internet nach dem geeigneten Schiff, zwei Mal flog er dafür nach Italien, zwei Mal nach Holland, er reiste quer durch Deutschland. Am zweiten Weihnachtsfeiertag kaufte er in Amsterdam einen Stahlkutter. 98 Jahre alt, 21 Meter lang, 180 Tonnen schwer, hochseetauglich, mit einer Kajüte, in der acht Menschen Platz haben.

Jetzt fehlen noch Ärzte und Kapitäne

Schon davor hatte er eine Webseite programmiert, über die er nach freiwilligen Helfern suchte; er kontaktierte Organisationen wie „Watch the Med“, „Schau aufs Mittelmeer“, die in Deutschland Notrufe von Flüchtlingen in Seenot annehmen, an staatliche Stellen weiterleiten und anschließend Rettungsaktionen dokumentieren – oder die unterlassene Hilfeleistung. Innerhalb weniger Tagen meldeten sich die Ersten bei ihm. Am vergangenen Wochenende musste Höppner das Anmeldeformular schließlich ausschalten. Mehr als 200 Freiwillige wollen ihm bereits helfen. Für die ersten drei Monate braucht er aber weniger als 60. Jetzt fehlen nur noch einige Ärzte und ein paar Kapitäne.

Über „Watch the Med“ fand Höppner auch Tilmann Holsten, Kapitän und Besitzer einer 110 Jahre alten Fregatte. Holsten verfolgt seit dem Unglück vor Lampedusa im Oktober 2013 das Sterben im Mittelmeer. Mit jedem Toten wächst seine Empörung über die Tatenlosigkeit der Politik. Als Harald Höppner ihn anrief, dachte er: „Endlich gibt mir jemand ein Werkzeug, selbst etwas zu tun.“ Und: „Oh Gott, oh Gott, dass die mal keinen Mist bauen.“ Seitdem gehört er zu „Sea Watch“. Er half Höppner auch bei der Suche nach dem Schiff und gehört zu jenen Helfern, die daran seit Dezember werkeln und arbeiten.

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