Heute ist der Tag : Küssen Sie!

Liebe Leser, heute ist der Welttag des Küssens. Und was machen Sie? Na? Aber nicht mit geschlossenen Lippen. Das zählt nicht. Eine Glosse.

Der britische Prinz Harry und seine Frau Meghan küssen sich auf den Stufen der St.-Georgs-Kapelle nach der Trauung.
Der britische Prinz Harry und seine Frau Meghan küssen sich auf den Stufen der St.-Georgs-Kapelle nach der Trauung.Foto: Ben Stansall/PA Wire/dpa

Der Kuss, ja! Er ist das Intimste, intimer als Sex, deswegen küssen Huren nicht. „It’s in his kiss“, singt Cher, und so ist es, wen kümmert denn bitte, wie viele Bakterien dabei übertragen werden? Lebensverkürzend kann das nicht sein, schließlich werden wir immer älter. Bloß nicht aufhören zu knutschen, sonst ist man tot! Der Kuss ist wie eine kleine Forschungsreise. Er ist nicht nur die „Anfrage im Obergeschoss, ob das Parterre frei ist“, wie Nestroy meinte, oder war es Robert Lembke, ach, egal. Bei James Bond ist es vielleicht so, bei ihm ist es aber keine Anfrage, sondern eine Ansage, und es klappt immer – erst wehrt sie sich, dann sinkt sie hin, in der Waagerechten gibt es auch gar kein Obergeschoss mehr, und das Oberstübchen schaltet sich im Idealfall ab.

Was macht den Kuss so intim? Ursprünglich haben Mütter mit Stillproblemen damit ihre Kinder ernährt, ihnen vorgekaute Nahrung in den Mund gleiten lassen, der Kuss war nährend und lebensrettend. Heute könnte er zumindest eherettend sein, wenn er doch bloß mal zum Einsatz käme. Das Abschieds- und Begrüßungsküsschen mit geschlossenen Lippen zählt nicht als Kuss, das flüchtige „Tschüss, Schatz“, die Aktentasche schon in der Hand, im Kopf schon im Büro, das mag ein hübsches Ritual sein, mehr aber nicht. Der Kuss hingegen, der richtige, hingebungsvolle, nicht die aufeinandergepressten Münzschlitzlippen, ist etwas ganz anderes.

Ehepartner und Fremde

Beim Ehepartner: Vergewisserung, Verbundenheit. Beim Fremden: Forschungsreise. Wie ist er so? Ist er ein Spieler? Ist er dominant? Beißt er dem anderen auf die Lippe? Klaut er die Zunge und saugt sich an ihr fest? Und vor allem: Wie lange verweilt er im Augenblick, bevor er sich das nächste Ziel setzt? Während des Kusses verändert sich was, davon hängt alles weitere ab. „Ja, die Augen waren's, ja, der Mund, die mir blickten, die mich küßten“, schrieb Goethe, und die zweimal Ja führen nun doch die Gedanken weg vom reinen Kuss. „Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund“, dichtete Paul Zech frei nach Francois Villon, und der Erdbeermund, nun ja, liegt in diesem Gedicht eindeutig im Parterre, es ist ein Sexgedicht, das konnte man auch schon im Mittelalter, berühmt wurde es aber durch Klaus Kinski. „Küssen kann man nicht alleine“, singt Max Raabe, und das ist wirklich gar nicht traurig, sondern gut so. Also liebe Leser, heute ist der Welttag des Kusses. Küssen Sie! Knutschen Sie! Bis die Lippen wund sind. Stellen Sie die Aktentasche ruhig nochmal ab.

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